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Zu Besuch in der Garage

Miriam Modalal, 05.09.2016: Die Tour geht weiter und diesmal nach XXX*. Uns führte der Anruf einer engagierten Ehrenamtlichen hierher. Sie erzählte uns von zwei Familien, die jeweils in einer PKW-Garage untergebracht seien. Die Vorstellung von der Umsetzung dessen fiel uns zunächst schwer, doch vor Ort konnten wir uns ein reales Bild eines Lebens in einer Garage machen. Das Bild war erschreckend.

Angekommen im schönen und verschlafenen Ort, werden wir von unserer Kontaktperson in einer Eisdiele für ein Vorgespräch empfangen. Wir erfahren, dass in der knapp 10.000-Bewohner*innen-Stadt ca. 200 Geflüchtete in vier Unterkünften untergebracht seien. Ein weiteres Haus wird gerade als weiterer Wohnort vorbereitet.

Klein, dunkel und kalt

 

Gemeinsam machen wir uns auf zum Fachwerkhaus, in dem nach Informationen der Bewohner*innen etwa 43 Geflüchtete untergebracht sind. Im Erdgeschoss ist eine große Ladenzeile platziert, von der wir keine Fotos machen durften. Die meisten Geflüchteten leben eine Etage darüber im Haus. Zwei Familien leben in jeweils einer der hauseigenen Garagen, in die ’normalerweise‘ jeweils ein PKW passen würde.
Wir folgen  der Einladung und betreten eine der beiden Garagen. Uns fällt eins sofort auf: es ist dunkel und kalt. Die kahlen Wände wirken beengend und verursachen, zusammen mit dem Betonboden, eine spürbare Kälte. Es gibt so gut wie keine Fensterfläche, deshalb kommt auch kaum Licht rein. Man betritt als Erstes einen Miniflur, zur linken Hand liegt eine Mini-Küchenzeile, dahinter das Mini-Bad, rechte Hand eine Mini-Schlafzelle für die Tochter der Familie und daneben das Wohn- bzw. Schlafzimmer des Ehepaars.

Die darin seit zweieinhalb Jahren lebende Familie empfängt uns sehr herzlich im von der Autogarage zum Wohnzimmer umfunktionierten Raum. Wir sitzen mit Tee auf ihrem Teppich, der versucht den Beton zu verdecken. Für einen kurzen Moment kommt das Gefühl von Gemütlichkeit auf. Die Familie hat tatsächlich versucht in den kleinen Betonkasten Leben zu zaubern.
Blumen, Teppiche und viele Bilder. Nach 5 Minuten des Beisammensitzens erschlägt einen jedoch die stickige Luft und der Schimmel, der in der Luft hängt. Vom Boden und den Wänden kriecht die Feuchtigkeit hoch. Auch Frau Mansur* erzählt, der Boden sei nicht eben und feucht. Seit Jahren kämpfen sie mit dem Schimmelbefall. Zweimal sei bereits jemand da gewesen, um dann allerdings lediglich die Stellen an der Wand überzustreichen und einen Holzvorbau an der Außenwand anzubringen. Es scheint, als wurde allerhöchstens oberflächlich versucht das Problem zu beheben.

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Schimmel ist hier nichts Ungewöhnliches.

 

Die Müllhalde vorm Fenster

Die Aussicht aus dem Fenster ist alles andere als schön. Sie lässt im wahrsten Sinne des Wortes auf eine Müllhalde blicken: Der Müll des vorderen Geschäfts und aller Bewohner*innen des Fachwerkhauses steht direkt unter dem Fenster. Herr Mansur öffnet auf Nachfrage freundlicherweise das Fenster für uns. Kurz habe ich mir gewünscht, er hätte dies nicht getan. Der Gestank des Mülls macht sich sofort breit. Mit demselben Problem hat die Familie zu kämpfen, wenn sie die Garagenvordertür zum Lüften öffnet. Im Sommer sei es unerträglich, was wir mit unserem Besuch an einem warmen Sommertag bestätigen können. Außerdem hat die Familie immer wieder mit ungeladenen Gästen zu kämpfen, wenn sie die Tür öffnet: Ratten. Hinter der Müllhalde fließt ein Bach, zusammen die perfekte Brutstätte für Ratten. Ein weiterer unerträglicher Gestank macht sich aus der Toilettenzelle breit. Herr Mansur demonstriert uns wenige Minuten lang, was passiert, wenn die Tür geöffnet wird: es stinkt nach abgestandenem Urin. Er erklärt uns, dass die penetranten Gerüche auch dann nicht verschwinden, wenn er den ganzen Tag putzt. Die Wohnung sieht in der Tat sehr sauber aus. In der Toilettenzelle befindet sich kein Waschbecken, Zähne putzen und Hände waschen muss die Familie in der Küchenspüle erledigen. Ich bitte Herrn Mansur die Tür schnell wieder zu schließen.

Das Ehepaar ist sich längst einig, sie müssen dort ausziehen und das so schnell wie möglich. Der Grund sind ihre realen Sorgen um die Gesundheit der dreiköpfigen Familie.

Der Schimmel und Müllgestank beeinträchtigt die Atmung der Familie massiv. Die Tochter, die in der kleinen Schlafzelle untergebracht ist, bekommt nachts kaum Luft, wird uns berichtet. Das sehr kleine Fenster dieses Raumes liegt direkt an den Mülltonnen. Und die Familie kann aus besagten Gründen nur kurz die Tür zum Lüften öffnen. Außerdem würde die Tochter aus Platzmangel und Scham keine*n  Schulfreund*in mit nach Hause bringen, berichtet die Mutter. Man bemerkt die Sorge in Frau Mansurs Gesicht, wenn sie darüber spricht. Sie selbst leidet aufgrund der Feuchtigkeit in Wänden und Boden unter Rheuma. Aufgrund des schwierigen Zugangs zu medizinischer Behandlung während des Asylverfahrens,  verschlechtert sich ihr Zustand stetig. Solange sie nicht anerkannt sind, kann die Familie aber auch nicht in eine eigene Wohnung ziehen.  Frau Mansur erzählt uns auch von ihren psychischen Leiden. Sie spricht von Angstträumen, Sorgen und Depression. Das Leben in der Garage belaste und verfolge sie. Die Gedanken an ihre Fluchtgeschichte und die traumatischen Erlebnisse im Heimatland verstärken sich, je schlimmer die Situation in der Garage wird. Dort zu sein „engt mir das Herz ein“, sagt uns Frau Mansur. Sie könne sich an keinen wirklich glücklichen Tag in den letzten zweieinhalb Jahren erinnern. Seit kurzer Zeit besucht sie eine therapeutische Anlaufstelle für Geflüchtete und zeigt uns ihre Psychopharmaka, ohne die sie nachts nicht schlafen kann. Im Moment plagt sie die Befürchtung, dass sich der Schimmel in den kommenden Wintermonaten wieder verbreitet.

Wir besuchen auch noch die zweite Garage. Die dort wohnende Familie berichtet uns von ähnlichen Problemen und Sorgen. Auch hier leidet das Ehepaar wegen der Feuchtigkeit unter Rheuma und zunehmender körperlicher, sowie psychischer Beeinträchtigung. Auch hier gibt es nur ein sehr kleines Fenster und das Licht kommt fast ausschließlich aus der Neonröhre. Der Müll ist hier etwas weiter weg.  Ein Problem weniger also, mit dem diese Familie täglich zu kämpfen hat.

Warum das Garagenleben kein Ende nimmt?

Mehrere Appelle der Bewohner*innen an das Sozialamt, die Garagen als Wohnzellen zu schließen, blieben bisher vergeblich. Das Fachwerkhaus zusammen mit den Garagen wird vom Kreis betrieben. Der Kreis mietet das Haus von einer Privatperson. Ein*e Hausmeister*in und hält sich etwa die halbe Woche vor Ort auf.

Als Flüchtlingsunterkunft  wird das Haus wohl schon seit Jahrzehnten genutzt. Bei Problemen müssten sich die Bewohner*innen an den/ die Hausmeister*in wenden. Das führe aber meist nicht zur erhofften Lösung, sondern vielmehr zum Gegenteil. Herr Farohan* aus der zweiten Garage sagt „[er/sie] behandelt uns wie Tiere“. Wenn die Vordertür kurz zum Lüften geöffnet wird, kommt [er/ sie] und beschwert sich darüber. Will man Besucher*innen empfangen, bedarf es einer Anmeldung und für eine Übernachtung von Besucher*innen würden 35 Euro pro Person verlangt. Lautes Telefonieren würde gerügt, so auch, wenn Kinder im Innenhof spielen, berichtet man uns. Ab und zu fielen Aussagen wie „Warum bist du faul und arbeitest nicht?“ oder „Du nimmst dem Staat das Geld weg, Deutschland hat kein Geld für Flüchtlinge“. Herr Farohan beschreibt den/ die Hausmeister*in als „Mafia“ und nicht als Person, an die man Probleme betreffend der Wohnsituation herantragen kann. Ein weiteres Problem ist das Internet, denn der Empfang ist in den Garagen sehr schlecht.

Auf Initiative der Ehrenamtlichen, die uns auf die Garage aufmerksam gemacht hat,  wurde das Gesundheitsamt eingeschaltet, welches daraufhin einen Besuch abstattete. Es attestierte den Bewohner*innen eine hohe Gesundheitsgefährdung und forderte die sofortige Behebung der Ursachen, wird uns berichtet. Nach Auskunft der Familie Mansur wurde seitdem allerdings nur an der Oberfläche gekratzt. Der Schimmel wurde überstrichen, aber nicht seine Ursache bekämpft. Laut der Ehrenamtlichen scheint das Gesundheitsamt damit aber bereits zufrieden zu sein.

Abgesehen von der Garage

Es geht auch anders, wie man an der Aussage der Unterstützerin über eine andere Unterkunft im selben Ort erkennen kann. Dort sind Geflüchtete in einzelnen Wohnungen untergebracht. Auch das Fachwerkhaus, welches zu den Garagen gehört, sieht im Vergleich besser aus. Als negativ empfinden die von uns hier getroffenen Bewohner*innen allerdings die belastende Lautstärke durch das bis spät geöffnete Geschäft im Erdgeschoss, sowie die Tatsache, dass es nur eine einzige Toilette für alle gibt.
Trotz der überschaubaren Größe der Stadt und der Anzahl hier lebendender Geflüchteter, erzählen die Bewohner*innen, dass das ehrenamtliche Engagement, insbesondere durch die Kirche, sichtbar und spürbar ist. Frau Mansur hat beispielsweise Kontakt zu mehreren Frauen aus dem Ort, die sie regelmäßig trifft und die sie unterstützen. In den Gesprächen während des Tages wird deutlich, dass sich die Geflüchteten grundsätzlich wohl fühlen in der Stadt. Die Stadt sei zwar klein, aber freundlich und nett. Von unserer ehrenamtlichen Kontaktperson erfahren wir, dass es ein Fußball- und Sportangebot gibt und Ehrenamtliche eine Kleiderkammer und Fahrräder für Geflüchtete organisieren. Es wird aber als schwierig empfunden, sich hier ein echtes Leben aufzubauen. Die Arbeitsperspektiven seien sehr begrenzt. Raus aus dem Ort zu kommen ist durch den öffentlichen Nahverkehr auf bis 18 Uhr beschränkt, wird uns berichtet. Dies erschwert natürlich auch die Wohnungssuche. Auch Deutschkurse sind teilweise schwer zugänglich. Weitere Angebote im Ort selbst werden lediglich durch zwei Ehrenamtliche gestemmt. Der Raum dafür kommt von der Kirche. Der Zugang zu den Willkommenskursen des Kreises außerhalb des Ortes ist nicht immer gewährleistet und mit Wartezeiten verbunden. Unsere Gesprächspartnerin wünscht sich mehr Wohlwollen und Unterstützung durch die Stadt selbst. So gab es früher einen Raum für Ehrenamtliche von der Stadt, diesen oder eine Alternative wünschen sich die Engagierten zurück.
Der Hessische Flüchtlingsrat unterstützt die Bitten und Forderungen der Ehrenamtlichen und Garagenbewohner*innen: die sofortige Schließung und Außerbetriebnahme. Zudem wäre ein Ausbau der Deutschkurse und die Unterstützung der Engagierten durch Räumlichkeiten wünschenswert. Wir freuen uns über positive Beispiele wie die erwähnten Wohnungen und bekräftigen den Kreis sowie die Stadt  darin einen Ausbau von privatem Wohnraum für Geflüchtete zu fördern.

Den beiden Familien wünschen wir eine hellere Zukunftsperspektive und bedanken uns für die Offenheit und das Vertrauen.


* Auf Wunsch der Betroffenen wurde dieser Artikel zunächst zurückgehalten. Namen und Örtlichkeiten, sowie weitere Angaben im Text wurden verändert, da die Betroffenen Repressionen durch den/ die Hausmeister*in befürchten. Der Hessische Flüchtlingsrat respektiert den Wunsch der Betroffenen.