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Landkreis Fulda – Der Flüchtlingsrat in Tann (Rhön)

Isolation in der Idylle


Das idyllische Tannstädtchen
Das idyllische Tannstädtchen.

Miriam Modalal, 25.03.2017: Uns leitet der Blogeintrag eines ehemaligen Bewohners nach Tann in die Rhön. In einem Facebook-Eintrag beschreibt Abi (Name auf Wunsch geändert) die Umstände, unter denen er die ersten Monate seines Aufenthalts verbrachte. Jeden Tag drei Stunden Fahrtzeit, um den Deutschkurs besuchen zu können – im Winter sei dies wetterbedingt zum Teil unmöglich gewesen. Seine Beschreibung von Isolation und Vereinsamung, weil die Menschen Angst vor ihm und anderen Bewohner*innen zu haben scheinen, ist eindringlich.

Der Blick nach draußen.
Der Blick nach draußen.

In seiner Begleitung können wir uns schließlich selbst ein Bild vom Leben als Geflüchtete*r in Tann machen. Wir fahren eine lange Zeit durch die idyllische Rhönlandschaft, die bekannt ist für ihre schönen Bergwanderwege und ihre Heilbäder. Bald entdecken wir den im Tal liegenden und sich an den Hängen hochziehenden Luftkurort Tann. Plötzlich verlassen wir die Landstraße, als wir oben auf dem Berg, etwa 2 km vom Ort entfernt, die beiden großen grauen Klötze sichten – zwischen grünen Feldern liegen die ehemaligen Zollhäuser am Hof. Dort sind aktuell Geflüchtete untergebracht. Eins der zwei Häuser ist für junge Männer, das zweite Haus für Familien vorgesehen. Außerdem ist der Hof für seine Apfelweinkneipe bekannt, touristischer Anziehungspunkt für Wandernde, Motorsportler*innen und Radfahrer*innen.

Haus Außenperspektive
Das ehemalige Zollhaus, was nun als Geflüchteten-Unterkunt für alleinreisende junge Männer dient.

 „Im Sommer riecht es nach Kuhfladen“

Im Haus angekommen, werden wir von einem Teil der Bewohner im Haus für alleinreisende Männer in Empfang genommen. Außerdem treffen wir auf das Paar, das hier hausmeisterliche Tätigkeiten übernimmt und im unteren Teil des Hauses wohnt. Wir steigen gleich ins Gespräch ein und erfahren, dass die Häuser im Oktober 2014 zur Geflüchteten-Unterkunft umfunktioniert wurden. Im Januar 2015 zogen die ersten Geflüchteten ein. Davor standen die Häuser einige Jahre leer und sollten verkauft werden. Laut den Bewohnern wohnen hier etwa 40 Geflüchtete. Nach Auskunft der lokalen Presse leben insgesamt etwa 100 Geflüchtete in Tann.

Küchenzeile
Schlecht ausgestattete Küchen mit fehlenden Mülleimern.

Die Zimmer im Männerhaus sind mit ein bis drei Personen belegt, verteilt über drei Etagen. Pro Etage sind etwa zwölf Personen untergebracht. Die Küchen sind sehr rudimentär ausgestattet und insgesamt in einem schlechten Zustand. zwölf Personen teilen sich zum Teil jeweils zwei Herde mit vier Platten. Es gibt keine Abzugshauben oder Mülleimer. Einige unserer Gesprächspartner berichten uns, dass sie 50 Euro pro Monat für Strom und Putzmittel abgeben.
Von Letzterem hätten sie aber bisher noch kaum etwas gesehen. Für eine schlechte Internetverbindung würden sie zudem zwei Euro pro Monat bezahlen.

 

Das Duftspray ist immer zur Hand, wenn es im Sommer wieder nach den Nachbarn auf der Weide riecht.
Das Duftspray ist immer zur Hand, wenn es im Sommer wieder nach den Nachbarn auf der Weide riecht.

Zu begrüßen sind die Aufenthaltsräume auf allen Etagen mit Sitzgelegenheiten, an die jeweils die Küchen grenzen. Diese sind unterschiedlich belegt – zum Teil kommen 12 Personen auf eine Küche und ein Wohnzimmer, im oberen Stockwerk teilen sich teilweise nur 4 Personen Küche und Wohnzimmer. Vor der Unterkunft gibt es viel Grünfläche und Sitzbänke. Über die Sauberkeit in der Unterkunft beklagen sich die jungen Männer nicht. Viel mehr ist es im Sommer der Geruch der 50 Kühe auf der angrenzenden Weide, der durch die Fenster hereinweht.

„Ich kenne hier mehr Tiere als Menschen“

Die Bewohner erzählen uns, dass sie häufig ausschließlich mit den beiden unten im Haus Wohnenden „Kontakt zur Außenwelt“ haben. Das heißt sie stellen oft die einzigen Menschen dar, mit denen die Bewohner überhaupt Deutsch sprechen können. Auch die Sozialarbeiterin bekommen sie nicht allzu häufig zu Gesicht. „Ich kenne Deutschland nicht. Manchmal habe ich das Gefühl nach Klein-Syrien verfrachtet worden zu sein“, erzählt uns ein Bewohner.

Das Verhältnis zu dem Ehepaar, welches unten im Haus wohnt, empfinden die Bewohner als positiv. Auch das Ehepaar scheint dies so zu sehen. Wir beobachten wie die Hausmitbewohnerin in einem vertrauten Umgang mit drei jungen Syrern Witze macht und sie zugleich auf die Aufgaben im Haus aufmerksam macht. Die Bewohner stellen allerdings fest, dass es für das Ehepaar wesentlich einfacher ist hier in den alten Zollhäusern zu wohnen, weil sie mit dem eigenen Auto mobil sind. Sie bieten zweimal die Woche einen Fahrdienst zum Einkaufen an. Diejenigen allerdings, die das Glück haben einen Integrationskurs zu besuchen, können diesen tagsüber angebotenen Dienst leider nicht wahrnehmen. Deshalb würden sich die jungen Männer gerne einen eigenen Führerschein und ein Gemeinschaftsauto zulegen, davon seien sie aber noch weit entfernt. Für Besucher*innen, die über Nacht bleiben möchten oder müssen, sind die Bewohner ihren Angaben nach gezwungen eine 40-Euro Besucherpauschale zu entrichten – auch dies erschwert den Kontakt zur Außenwelt. Ehrenamtliche Aktivitäten gibt es laut unseren Gesprächspartnern keine im Haus. Auch andere Angebote, wie sportliche Aktivitäten, sind ihnen nicht bekannt. Von ihrer Hausmitbewohnerin erfahren wir, dass eine ehrenamtliche Helferin mehrmals die Woche vorbei kommt, um afghanischen Frauen aus dem Nachbarhaus Deutschunterricht zu geben.

Zwei der jungen Männer berichten uns, dass sie scheinbar grundlos aus der einzigen nahegelegenen Kneipe ausgewiesen wurden.

Der Trost der Gemeinschaft im Haus

Unsere Gesprächspartner beschreiben, dass der freundschaftliche und herzliche Umgang untereinander einen großen Trost für sie darstellt. „Die Jungs sind meine Familie“ sagt einer der syrischen Bewohner zu uns. Er fügt hinzu, dass er ansonsten nur die Tiere von der Weide kenne.

Ein Versuch die Isolation zu brechen

Wände_deutsch lernen
Wenn es keine Gesprächspartner*innen gibt, bleiben nur noch die Wände zum Deutschlernen.

Auf Eigeninitiative haben sich einige der Bewohner zusammengeschlossen, um sich kollektiv zum Bürgermeister ins Rathaus aufzumachen und ihre Sorgen und Wünsche vorzutragen. Insbesondere die fehlende Busverbindung zum täglichen Deutschkurs in Fulda und eine Möglichkeit auch noch in den Abendstunden in die Unterkunft zu gelangen, sei Thema gewesen. Das Gespräch wird uns als zugewandt und in guter Atmosphäre beschrieben. Als Folge wurde eine weitere Busabfahrtzeit etabliert, die um ca. 19 Uhr von Tann hochfährt. Für den frühen Beginn des Deutschkurses in Fulda gibt es allerdings noch keine Lösung, was unsere Gesprächspartner uns gegenüber als größtes Problem bezeichnen. Sie sind hochmotiviert ihre Deutschkenntnisse zu stärken, wie wir auch an den Wänden in den Gemeinschaftsräumen erkennen. Trotz großen Antriebs scheinen die frisch erworbenen Deutschkenntnisse bisher noch kaum Möglichkeiten gefunden zu haben, die eigenen vier Wände zu verlassen.

Die Bewohner sind sich sicher, dass diese Unterkunft nicht zur Unterbringung von Geflüchteten geeignet ist. Um einen weiteren Zuzug zu verhindern und anderen Geflüchteten ein ähnliches Los zu ersparen, weigern sie sich inzwischen, einer Neubelegung in den vorhandenen Zimmern zuzustimmen. Ein Bewohner erklärt uns: „Ich fühle mich erst wieder als Mensch, wenn ich das Heim verlassen habe.“ Die Wohnungssuche stellt sich für diejenigen mit einer Anerkennung allerdings als überaus schwierig heraus – und das, obwohl Leerstand von Wohnraum ein großes Problem in Tann darstellt. Wir erleben eine Mischung aus leidendem, aber auch kämpferischem Geist. Die Bewohner wollen ihre Situation ändern, die Einheimischen offenbar nicht.

Besorgniserregende Berichte über rassistische Handlungen

Böse Blicke und rassistische Anfeindungen gehörten hier zum Alltagsleben dazu, erzählen uns die Bewohner. Einmal habe es „Böllerbomben“ (Knallkörper) vor der Haustür gegeben. Bei jedem Gang in den Ortskern müssen die Bewohner die Landstraße bergab laufen. Große Teile des Weges müssen sie dabei ohne Gehweg und sogar auch ohne Leitplanke zurücklegen. Neben der Fahrbahn geht es steil hangabwärts. Immer wieder erlebten die Bewohner*innen, dass sie von Autofahrer*innen und Motorradfahrer*innen absichtlich bedrängt werden. Dabei wurden ihnen auch böse Beschimpfungen zugerufen oder Bierflaschen aus den Fenstern auf sie geworfen. Es sei auch schon zu Verletzungen gekommen. Ein Grund mehr, weshalb sich die Bewohner so dringend mehr Busverkehr wünschen. Insbesondere in den Morgenstunden, wenn es noch dunkel ist, würde eine Busverbindung gebraucht, um rechtzeitig zum Deutschkurs gelangen zu können.

Die Bewohner haben sich mit gelben Warnwesten ausgestattet, um die Landstraße zu begehen
Die Bewohner haben sich mit gelben Warnwesten ausgestattet, um die Landstraße zu begehen.

„Jeder Gang nach unten ist lebensbedrohlich. Besonders wenn wir nichts sehen“ so einer der Bewohner.
Da helfen auch keine Warnwesten, die sich viele der Bewohner besorgt haben, um sie auf dem Weg zu tragen.

Auch beim Einkaufen würden sie fühlen, dass „die Anderen sie nicht ausstehen können“. Und, wie eingangs erwähnt, haben sie zur einzigen Apfelweinkneipe in unmittelbarer Nähe keinen Zutritt.

 

Fazit

In einem Zeitungsartikel der Fuldaer Zeitung vom 08. Februar 2015 wird deutlich, dass Tann nicht ausreichend Kapazitäten für 100 Neuzugezogene habe. So fehle es an Kindergarten- und Schulplätze für die schulpflichtigen Kinder der neuzugezogenen Familien. Wie im Artikel zitiert, sorgte sich der Bürgermeister damals schon um die Lage der Unterkunft, die Einkaufsmöglichkeiten erschwere. Er sehe bei 100 Geflüchteten eine Grenze für eine sinnvolle Integration erreicht – hier bedarf es offensichtlich einer Nachjustierung.

Der Flüchtlingsrat schließt sich der Auffassung des damaligen Fraktionsvorsitzender der FDP in Tann, Jörg Witzels, an: „die Unterbringung sollte möglichst dezentral in kleinen Einheiten stattfinden, da so eine Integration und das Aufeinanderzugehen erleichtert werden.“

Auf der offiziellen Webseite der Stadt Tann (Rhön) haben wir entdeckt, dass der Bürgermeister alle Bürger*innen des Landkreises Fulda im Namen der Stadt Tann aufruft freien Wohnraum für Geflüchtete zur Verfügung zu stellen. Wir halten diese Initiative für ein positives und richtiges Signal – insbesondere angesichts des vorhandenen Leerstands an Wohnraum.

Zudem unterstützen wir die Forderung der Bewohner der Zollhäuser in Tann einen besseren Anschluss zu den Deutschkursen außerhalb Tanns zu erhalten. Ein morgendlicher Bus, der es ermöglicht nicht mehr die Landstraße begehen zu müssen, ist notwendig. Darüber hinaus würden sich die Bewohner über mehr Kontakt zu Einheimischen und mehr Anschluss an Beratungsstellen zur Planung der eigenen Zukunft wünschen. Hierfür wäre eine Förderung des ehrenamtlichen Angebots sehr erfreulich.

Schließlich möchten wir dem Kreis nahelegen, den Berichten diskriminierender und rassistischer Handlungen und Stimmungen nachzugehen und solchen Vorkommnissen entschieden entgegen zu treten. Als erstes sollte hierfür das offene Gespräch mit den Betroffenen gesucht werden.