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Hochtaunuskreis I – Die Lagertour in Oberursel

Alles neu?


Charlotte Hankemeier, 26.09.2016: Wir machen uns wieder auf den Weg. Diesmal geht es nach Oberursel – in der hessischen Lagerlandschaft bekannt für eine der ältesten und schäbigsten Containerunterkünfte für Geflüchtete und gleichzeitig für die vielen aktiven Initiativen vor Ort. Vertreter*innen zweier dieser Initiativen – den Teachers on the road Oberursel und dem Refugee Cafe Oberursel – begleiten uns heute.

Bereits während der Hinfahrt im Auto erzählen sie uns von den aktuellen Kämpfen, die es um die berüchtigte Containerunterkunft in den letzten Wochen gab. Auch wenn die Schließung der Containerunterkunft seit Jahren versprochen wurde, bedurfte es unzähliger Interventionen durch die Zivilgesellschaft, bis nach fast 26-jährigem Bestehen, eine Woche vor unserem Besuch, endlich die letzten Bewohner*innen ausziehen konnten. Diese Schließung hätte kaum überfälliger sein können. So gut wie alle Betroffenen dürften dementsprechend froh gewesen sein, diesen Ort hinter sich lassen zu können, dennoch sind einige gleichzeitig auch wütend und enttäuscht über die Lage und Beschaffenheit ihrer neuen Unterkünfte. Nicht alle dürfen in die neu gebaute Containerunterkunft nebenan ziehen, einige wurden in den letzten Wochen gegen ihren Willen in andere Ecken des Landkreises verteilt und damit aus ihrem mitunter mühsam aufgebauten sozialen Umfeld gerissen.

Genau wie gegen die Existenz der alten Containerunterkunft sind auch hier Betroffene und Unterstützer*innen gemeinsam gegen die Zwangsverlegungen aktiv geworden – in Form von offenen Briefen, Demonstrationen und zuletzt mit Sitzblockaden. Zum Teil mit Erfolg: Der Landkreis reagierte schließlich mit dem Angebot, den betroffenen Asylsuchenden doch eine Unterbringung in Oberursel zu ermöglichen, wenn sie bestimmte Bindungen nachweisen können. Dazu zählen beispielsweise ein Arbeitsplatz oder der Besuch einer Schule vor Ort. Unsere Begleiter*innen sind allerdings skeptisch, inwiefern dies auch so umgesetzt wird.

Die bereits anerkannten Geflüchteten sollen jeweils zu viert in dafür neu gekaufte Wohnwagen, die auf einem Parkplatz in Oberursel abgestellt sind, umziehen. Zum Hintergrund: Spätestens ab einer Anerkennung im Asylverfahren sind Geflüchtete in Deutschland berechtigt, aus den ihnen zugewiesenen Gemeinschaftsunterkünften auszuziehen. Aufgrund der Lage auf dem Wohnungsmarkt im Rhein-Main-Gebiet ist dies aber leider oft nur Theorie – in der Praxis finden sie häufig keine Wohnung und sind so weiterhin auf eine Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften angewiesen.

Abschreckung wie aus dem Bilderbuch – die alte Containerunterkunft

 

Für uns nur von außen zu sehen: die alte Containerunterkunft.
Für uns nur von außen zu sehen: die alte Containerunterkunft.

Nach diesen Berichten sind wir sehr gespannt, was wir vor Ort vorfinden. Von dem Protest der vergangenen Tage ist auf den ersten Blick nichts mehr zu sehen. Die Szenerie um die alte und neue Containerunterkunft – nur einen Steinwurf voneinander entfernt – wirkt eher ruhig. Allerdings wird uns der Zutritt zu beiden Unterkünften vor Ort verwehrt. Ein Blick auf die alte, heruntergekommene Containerunterkunft von außen reicht aber, um uns die Trostlosigkeit dieses Ortes vor Augen zu führen. Untermauert wird dieser Eindruck von eigenen Erinnerungen an frühere Besuche, Erzählungen unserer Begleiter*innen sowie aktuellen Fotos, die sie uns vom Inneren der Container zeigen: teilweise nackter Betonboden, eine mehr als spartanische Ausstattung, kombiniert mit Müll und Dreck, der nicht wegzugehen scheint. Es sieht eben so aus, wie es wohl aussieht, wenn einfachste Container genutzt werden, um über 25 Jahre mehrere hundert Menschen unterzubringen. Zuletzt haben hier um die 200 Personen gewohnt. Traurig, dass der Hochtaunuskreis – laut Focus 2013 unter den Top 20 der reichsten Kommunen Deutschlands – so lange Menschen unter diesen Bedingungen hat leben lassen.

Besser als vorher – die neue Containerunterkunft

 

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…links die alte, rechts die neue Unterkunft.

Doch glücklicherweise gehört dies nun der Vergangenheit an und wir müssen uns nur einmal umdrehen, um die neu gebaute Alternative zu sehen: wieder eine Containerunterkunft. Diesmal aber immerhin von außen und innen verputzt. Zumindest von weitem sieht man ihr nicht an, dass sie aus Containern besteht. Auch wenn sie ebenfalls im Gewerbegebiet liegt und somit nicht in eine Nachbarschaft integriert ist, gibt es zumindest Sportplätze sowie Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe und auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind fußläufig zu erreichen. Das Innenleben können wir diesmal durch ein Video, spontan von einem Bewohner auf dem Handy gedreht, sehen. Rein dürfen wir wieder nicht. Vermutlich aus Angst vor weiteren Protesten und ihren Akteur*innen wurde eine Sicherheitsfirma beauftragt dafür zu sorgen, dass nur die Bewohner*innen die Unterkunft betreten. Nicht mal seinen Freunden aus dem Fußballclub durfte er sein neues Zimmer zeigen, wie der Bewohner enttäuscht berichtet.

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Auch Container – diesmal verputzt.

Draußen können wir uns mit ihm unterhalten und bekommen dabei sogar Kaffee von den Mitarbeitern der Sicherheitsfirma. Unser Gesprächspartner kommt aus Afghanistan und wirkt recht zufrieden mit seiner neuen Bleibe. Er erzählt, alles sei sehr sauber, ordentlich und eben neu. Zwei Menschen würden sich jeweils ein Zimmer teilen. Auch auf uns macht die Unterkunft für eine Containerunterkunft zunächst einen guten Eindruck und wir freuen uns gemeinsam mit unserem Gesprächspartner über diese deutliche Verbesserung. Bezogen auf die Unterkunft bedauert er allerdings, dass es bisher keinen Internetzugang für die Bewohner*innen gibt und uns fällt negativ auf, dass laut seiner Aussage ein Gemeinschaftsraum fehlt. Erfahrungsgemäß ist dieser zentral, um den Austausch zwischen den Bewohner*innen und ehrenamtlichen Unterstützer*innen zu erleichtern. Glücklicherweise haben sich die Initiativen in Oberursel inzwischen an diesen Mangel gewöhnt und sich an anderen Orten unterschiedlichste Räume für die Deutschkurse und offenen Treffen angeeignet. Wir verabschieden uns und steigen wieder ins Auto.

Dreams come true? – Wohnwagen für anerkannte Geflüchtete

 

Wir fahren zu den Wohnwagen, von denen wir heute schon so viel gehört haben. Hier sollen die bereits anerkannten Geflüchteten aus der alten Containerunterkunft hinziehen.

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Kaum erkennbar, ganz am Ende des Parkplatzes: die Wohnwagen.
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…da bleiben wir sehr skeptisch hier.

Dort angekommen fällt uns sofort das Graffiti an der Mauer hinter den Wohnwagen ins Auge: „Dreams come true“ steht dort in bunten Buchstaben geschrieben. Dass mit dieser Unterkunft die Träume der Bewohner*innen wahr werden, bezweifeln wir. Der Anblick, der sich uns bietet, lässt anderes vermuten. Akkurat aufgereiht und eingezäunt stehen hier acht Wohnwagen am Ende eines großen Parkplatzes – wie auf dem Präsentierteller. Ein Baum oder eine andere Form des Sichtschutzes fehlen.

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Selbst Campingplatzidylle sieht anders aus.

Wir wurden von einigen Bewohner*innen, die hier alle nun seit ein paar Tagen wohnen, eingeladen und betreten einen Wohnwagen. Dort nehmen wir mit zwei Bewohner*innen und den beiden Vertreter*innen der Initiativen am Tisch Platz. Uns wird schnell vor Augen geführt, dass die Einrichtung vielleicht für ein paar Tage im Urlaub ausreicht, aber keinesfalls für den täglichen Gebrauch gemacht ist: Während wir am Tisch etwas über unsere Eindrücke notieren wollen, müssen die Teetassen angehoben werden, damit nichts verschüttet wird. Und aus der geschlossenen Dusch- und Toilettenkabine lässt sich das am Tisch stattfindende Gespräch genauso gut verfolgen und auch fortführen, als säße man einen Meter weiter selbst am Tisch. Alles nichts Ungewöhnliches für einen Campingwagen, doch ist ein Campingwagen üblicher Weise eben ein Provisorium. Kaum vorstellbar wie es aussehen wird, falls hier vier Menschen auf Dauer wohnen müssen. Bestätigt wird unsere Wahrnehmung durch verschiedene Aufkleber, die noch an einigen Stellen kleben: Der Ort, an dem wir uns befinden, heißt dort „holiday home“.

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Die Dusch – und Toilettenkabine.

Die beiden Bewohner*innen empfinden ihre Situation hier als sehr beengend. In einem Wohnwagen von 32 Quadratmetern sollen vier Menschen leben. Auf dieser Fläche sind nicht nur zwei Schlafzimmer für jeweils zwei Personen, sondern auch noch die Küche, das Bad mit Dusche und Toilette und der Aufenthaltsbereich untergebracht. Nur die Waschmaschinen sind in einem separaten Container am Eingang des umzäunten Gebietes untergebracht. Rückzugsmöglichkeiten und Stauraum sind praktisch nicht gegeben. Dass geflüchtete Menschen auch Dinge besitzen, die sie irgendwo unterbringen müssen, scheint nicht bedacht worden zu sein. Von anderen Bewohner*innen hören wir später auch die Kritik, dass es keine abschließbare Aufbewahrungsmöglichkeit – beispielsweise für wichtige Dokumente – gibt. Die Bewohnerin, die mit uns am Tisch sitzt, bemängelt vor allem die Hellhörigkeit. Sie muss um halb fünf morgens aufstehen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen und wird dann wohl auch alle anderen im Wohnwagen wecken. Als Zuckerbrot im Sinne der Redewendung empfinden sie die beiden Flachbildschirme, die in jedem der Zimmer an der Wand angebracht sind.

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Küche, Wohnbereich und Stauraum.

Insgesamt ist große Enttäuschung zu spüren. Nach fast 26 Jahren Containerunterkunft haben sie sich etwas Anderes vorgestellt, wie uns der Bewohner, in dessen neuem Zuhause wir uns gerade befinden, mitteilt. Seine Geschichte ist diesbezüglich besonders tragisch. Er erzählt, dass er schon eine Wohnung gefunden hatte, aus der er aber wieder ausziehen musste, nachdem die Miete vom zuständigen Amt drei Mal nicht pünktlich überwiesen worden sei.

Es bleibt zu hoffen, dass die Unterbringung der anerkannten Geflüchteten hier tatsächlich eine kurze Übergangslösung darstellt, so wie es auch die Wohnwagen suggerieren. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt lässt leider anderes vermuten. Dabei zeigt sich einmal mehr, wohin das Versäumnis, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, führt. Dementsprechend kann eine mittel- und langfristige Lösung nur aus einer veränderten Wohnraumpolitik bestehen, die sich an den Bedürfnissen der Bewohner*innen einer Stadt ausrichtet.

Wieder im Auto bekommen wir von einem unserer Begleiter*innen Artikel über die sogenannten Mobilheime aus einer Lokalzeitung vom Frühjahr 2016 in die Hand gedrückt. Dort werden die Privatsphäre und die niedrigen Kosten gelobt. Ein Wohnwagen ist dort sogar für acht Menschen vorgesehen. Die Unterbringung wird als schnelle Lösung, die gleichzeitig menschenwürdig ist, beschrieben. Hört man den hier nun lebenden Menschen zu, vernimmt man ganz andere Töne – als menschenwürdig empfinden sie es nicht.

Zum Schluss…

Es ist nicht leicht, nach so einem Tag ein Fazit zu ziehen. Dem Kreis gehört wahrlich keine Trophäe dafür verliehen, dass es nahezu 26 Jahre gedauert hat, bis diese schäbige Containerunterkunft geschlossen wurde. Die neue Containerunterkunft, zumindest das, was wir sehen konnten, sieht aber zum Glück ganz ordentlich aus. Auch der Bewohner, mit dem wir sprechen konnten, wirkte zufrieden. Doch gehört er auch zu denjenigen, die auch weiterhin in Oberursel und in der neuen Containerunterkunft untergebracht wurden. Wenn so viel Zeit vergeht, dann sollte auch genug Zeit dafür sein, für alle Menschen, die in Oberursel bleiben wollen, eine Unterkunft in Oberursel zu finden. Wenn Menschen, nachdem sie sich eingelebt haben, zwangsweise wieder umziehen müssen, wird die viel gelobte Integration durch Behördenentscheidungen konterkariert.

Mit den Wohnwagen wurde immerhin versucht eine Lösung für das Problem zu finden, dass viele Geflüchtete nach der Anerkennung im Asylverfahren keine Wohnung finden. Mit der Umsetzung sind die Betroffenen, mit denen wir gesprochen haben, aber keinesfalls einverstanden. Auch für vier Menschen sind diese Wohnwagen zu klein und offensichtlich nicht für eine dauerhafte Unterbringung ausgelegt.