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Hochtaunuskreis II – Der Flüchtlingsrat in Friedrichsdorf

Wohnen im Gewerbegebiet – Der Milupakomplex


25.04.2017 – Zum aktuellen Stand: Von Ehrenamtlichen im Ort erfuhren wir, dass der Umzug inzwischen begonnen hat. In das neue Gebäude sollen demnach etwa 100 Geflüchtete untergebracht werden. Insgesamt mache das Haus einen guten Eindruck, berichtet man uns. Es mangele nach Einschätzung der Ehrenamtlichen jedoch noch immer an einem zufriedenstellenden Umfang an Sozialarbeiter*innenstellen: hierfür seien 2×2 Stunden vom Kreis und 3×2 Stunden von der Stadt Friedrichsdorf vorgesehen. Die Ehrenamtlichen wünschen sich eine Vollzeitstelle. Der Flüchtlingsrat schließt sich diesem Wunsch an.


Miriam Modalal,  31.10.2016: Es führt uns wieder in den Hochtaunuskreis, diesmal nach Friedrichsdorf, Wohnort für etwa 340 Geflüchtete. Wir besuchen zwei Unterkünfte in Laufnähe voneinander, die kontrastreicher kaum sein könnten. Hier sind insgesamt etwa 100 Menschen untergebracht.

Die erste Adresse ist ein ehemaliges Verwaltungsgebäude im Containerstil des Babynahrungsherstellers Milupa. Eine Unterbringung, die schon seit ihrer Eröffnung im Januar 2016 von Ehrenamtlichen kritisch gesehen wird. Im Sommer 2016 kündigte die Kreisverwaltung schließlich ihre Schließung für Herbst 2016 an. Auf Nachfrage des Flüchtlingsrates beim Kreis ließ die Stadt am 28. September ausrichten, dass die Unterkunft spätestens im Februar 2017 geschlossen wird. Bisher ist der Gigant aber immer noch in Betrieb. Bei unserem Besuch wurde der Aussage hinzugefügt, dass hierzu jedoch erst eine alternative Unterkunft einzugsbereit (um-)gebaut werden muss. Hierbei handelt es sich wohl um ein Gebäude auf dem ehemaligen Gelände einer Werkzeugfirma, nur wenige hundert Meter weiter. Ebenfalls ein großes Bürogebäude im Gewerbegebiet. Ob damit eine tatsächliche Verbesserung erreicht werden kann, stellen wir in Frage.

Bei unserer Besichtigung warten schon die Sozialarbeiterin der Stadt, der Sozialarbeiter des Kreises, ihre Kolleg*innen und der Hauswart vor der Eingangstür auf uns. Auch ein paar Bewohner*innen haben sich draußen vor der Tür versammelt, wir erhalten aber erst später die Gelegenheit, einzeln mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Nach einer kurzen Kennenlernrunde und einem Vorgespräch geht die organisierte Tour durchs Haus los.

Und wieder einmal die Probleme von zu hoher Belegung

Auf den ersten Blick sieht es relativ sauber aus. Die hochgestellten Stühle und das zur Seite geschobene Inventar zeugen davon, dass hier kurz vor unserer Ankunft noch ordentlich geputzt wurde. Wir müssen leider annehmen, dass es bei alltäglichem Betrieb etwas anders aussieht, denn den 42 Bewohnern stehen lediglich sechs Herde, drei Esstische und vier Spülen zur Verfügung.

In der Küche stehen die Stühle noch auf den Tischen
In der Küche stehen die Stühle noch auf den Tischen

 

Eine ähnlich mangelhafte Ausstattung finden wir im Waschraum wieder: Hier befinden sich vier Waschmaschinen und ein Trockenständer. Die Bäder sind mit insgesamt sechs Toiletten bestückt. Im Gespräch mit den Bewohner*innen bestätigt sich schließlich unsere Annahme. Sie beklagen die schlechten Hygieneverhältnisse und die daraus resultierenden Spannungen. Es gibt zwar einen Putzplan, aber bei einer 42-Personen-Gemeinschaft verwundert es kaum, dass dieser nur an der Oberfläche kratzen kann.

Zu wenige Waschmaschinen...
Zu wenige Waschmaschinen…
... und zu wenige Duschen
… und zu wenige Duschen

 

 

 

 

 

 

Zudem wird deutlich, dass die insgesamt rare Ausstattung regelmäßig zu Streit führt. „Wir duschen hier nicht, wie auch?“ berichtet einer der Bewohner.

Als wohl größtes Problem ist die Zimmerbelegung zu benennen: bis zu sechs Personen teilen sich hier ein ca. 20 m2 Zimmer. Die Bewohner empfinden dabei den Zustand fehlender Privatsphäre als enorme Stressbelastung. Zumal es sich nicht um einen Zustand handelt, der nach wenigen Tagen beendet ist, sondern zum Teil viele Monate andauern kann. Entspannung fällt hier schwer, von konzentriertem Lernen ganz zu schweigen. Fehlende Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten sind ein nicht zu unterschätzendes Problem, denn bei vielen Geflüchteten handelt es sich aufgrund vergangener traumatischer Erlebnisse, die es zu verarbeiten gilt, um eine vulnerable und sensible Gruppe. Eine solche Umwelt kann keinesfalls als gesundheitsförderlich für diesen Prozess betrachtet werden. Erschwerend kommen die, nach Informationen einiger Bewohner*innen, sehr günstige Ausstattung und die, hiermit einhergehenden, schlechten Matratzen hinzu. Beim Gespräch im Zimmer saßen wir für eine viertel Stunde auf einer Matratze, was sich schon nach wenigen Minuten als überaus ungemütlich herausstellte.

Fotos von der Situation in den Zimmern dürfen wir unter keinen Umständen machen. Als Grund hierfür wird uns die Privatsphäre der Bewohner*innen genannt. Irritierend, da sie uns schließlich selbst darum baten, ihre Situation in den Zimmern auch mit Fotos zu dokumentieren. Hier drängt sich leider der Verdacht auf, dass der Öffentlichkeit hier Fotos, die bestimmte Zustände deutlich machen, vorenthalten werden sollen.

Als weitere Kritikpunkte werden das fehlende WLAN und der, zum Zeitpunkt unseres Besuchs kaputte, Fernseher benannt.

Was positiv ist … beim Gesamtbild aber leider untergeht

Auch im Gemeinschaftsraum sind die Stühle noch hochgeklappt
Auch im Gemeinschaftsraum sind die Stühle noch hochgeklappt

Wir waren positiv überrascht über einen kleinen Gemeinschaftsraum, die Bewegungsfläche im Erdgeschoss sowie den, im Flur platzierten, Billardtisch. Zudem berichten die Geflüchteten, dass sie sich nicht isoliert fühlten, obwohl das maue Nachbarschaftsbild der industriellen Gewerbelandschaft nicht den Eindruck hinterlässt, als könne man sich hier zu Hause fühlen. Doch zumindest ist das meiste in Fußnähe zu erreichen. So befindet sich ein Lidl in etwa 200 m Entfernung und der Bahnhof kann auch zu Fuß erreicht werden. Gegenüber der Unterkunft gibt es einen Sportpark, bei dem es einen Teamer für Geflüchtete gebe. Insgesamt sei das Sportangebot in der Stadt zugänglich und offen gegenüber der Teilnahme durch Geflüchtete. Ein Ergebnis des positiven Engagements der Friedrichsdorfer Aktivist*innen. Auf Nachfrage bei den Bewohner*innenn, ob sie das Gefühl haben, in Kontakt und Austausch mit der Ortsbevölkerung zu sein, wirkten bei der Bejahung der Frage alle überzeugt.

Zerstochene Fahrradreifen zum Zweiten

Uns wird allerdings erzählt, dass eines morgens, etwa eine Woche vor unserem Besuch, alle Fahrräderreifen vor der Tür zerstochen aufgefunden wurden. Ähnliches ereignete sich zuvor vor der Unterkunft im Rathaus. Für uns alarmierend, doch gebe es bisher laut Sozialarbeiterin keine Hinwiese auf Täter*innen. Die von uns gesprochenen Bewohner*innen äußerten den Wunsch der Aufklärung, gaben aber an, sich hierdurch nicht näher bedroht zu fühlen. Das liege an den sonstigen guten Erfahrungen mit der Ortsbevölkerung.

Ein Lob für die Aktiven im Ort

Zu begrüßen ist zudem die Initiative des Hochtaunuskreises, Deutschkurse bei den Volkshochschulen für alle Geflüchtete zu bezuschussen. Hiermit wird einem Problem entgegengewirkt, welches wir in einer Vielzahl von Landkreisen beobachten: Mit Ausnahme von Menschen aus dem Irak, dem Iran, Syrien und Somalia, haben die Bewohner*innen in der Regel keinen Zugang zu Deutschkursen. Allerdings bleibt offen, wie viele Geflüchtete das Angebot in Friedrichsdorf tatsächlich erreicht. Die von uns gesprochenen jungen Männer beklagten alle, noch immer auf der Warteliste für Deutschkurse zu stehen.

Engagierte Ehrenamtliche und Sozialarbeiter*innen trotz mangelndem Stellenumfanges

Einen positiven Eindruck macht die Zusammenarbeit von Sozialarbeiter*innen und Ehrenamtlichen in Friedrichsdorf. So betreiben Ehrenamtliche vor Ort beispielsweise eine Kleiderkammer und eine Fahrradwerkstatt, die viel Zulauf erhalten.

Ein Lob für das Engagement der Ehrenamtlichen, aber auch der Hauptamtlichen Mitarbeiter*innen gab es auch von den Bewohnern in der Unterkunft. Zwar gebe es keinen Hinweis auf eine offizielle Beschwerdestelle, doch wird die Arbeit der Sozialarbeiter*innen dafür als engagiert, zugänglich und hilfsbereit empfunden.

Besonders anerkennenswert, da der Landkreis für die Sozialarbeiter*innen vor Ort nur insgesamt zehn Stunden pro Woche bezahlt. Aus unserer Sicht für 42 Personen viel zu wenig, da dies einen Betreuungsschlüssel von 1 Stelle auf 170 Bewohner*innen darstellt und bei Weitem nicht den von uns zusammen mit der Liga der freien Wohlfahrtspflege geforderten Schlüssel von 1:80 entspricht (vgl. hier). 

 Pressestimmen

Was aus der Milupa-Unterkunft in Friedrichsdorf werden soll, interessiert auch die Presse. Nach dem Rundgang und das Fabrikgelände verlassend, warten auch schon Journalisten von der Frankfurter Rundschau und der Taunus-Zeitung auf uns. Sie durften uns nicht ins Gebäude begleiten, also entschieden wir uns ein anschließendes Gespräch vor den Toren des Gebäudes, unter Beisein einer Engagierten vom Arbeitskreis Asyl, zu führen. Einen Einblick in die daraus entstandenen Artikel, finden Sie hier auf dieser Homepage.

Auf zur Nachbarsunterkunft 

Zweite Unterkunft

Um unsere zweite Besuchsadresse des heutigen Tages zu erreichen, brauchen wir die Straße zwar nur ein Stück hoch zu laufen, der Tapetenwechsel fühlt sich allerdings so an, als hätten wir den Ort schon verlassen. Wir befinden uns nun in einer vom diakonischen Werk betriebene Gemeinschaftsunterkunft. Insgesamt sind hier 55 Personen untergebracht. Hauptsächlich Einzelpersonen, aber auch Familien und Kinder. Bei einem Vorgespräch mit Herrn Wiehler, dem Leiter des diakonischen Werkes und Herrn Hibler, einem Sozialarbeiter des Hauses, erfahren wir, dass die Unterkunft erst vor zwei Jahren eröffnet wurde. Bei der Errichtung und Inbetriebnahme wurde darauf geachtet die Mindeststandards einzuhalten, welche der Flüchtlingsrat zusammen mit der Liga der freien Wohlfahrtspflege fordert.

Dies bedeutet beispielsweise, dass es für diese und eine weitere Unterkunft 1,5 Sozialarbeiter*inne-Stellen gibt. Mit einem Betreuer*innenschlüssel von 1:96 wird der geforderte Schlüssel von 1:80 zwar noch immer nicht erfüllt, dennoch sind dies im Vergleich zu anderen Unterkünften spürbar andere Verhältnisse.

Diesen Eindruck bekommen wir schließlich auch bei der Begehung der Unterkunft, welche in kleinere Flure und Wohneinheiten unterteilt ist. Eine Architektur, welche das ehemalige Bürogebäude deutlich wohnlicher macht und für mehr Privatsphäre sorgt. Eine Küche, z.T. mit Sitzgelegenheit, wird sich hier von jeweils drei bis fünf Zimmern geteilt.

Gut ausgestattete Küche
Eine selten gut ausgestattete Küche

Zwei größere Familien kommen so schließlich sogar zu ihren eigenen Bädern und Küchen. Darüber hinaus gibt es auch eine für alle Bewohner*innen zugängliche Dachterrasse. Die Bäder sind geschlechtersensibel getrennt. Zudem stehen genügend Waschmaschinen zur Verfügung.

In einem Gespräch mit den Bewohner*innen wird uns gegenüber jedoch auch hier die Sauberkeit, die fehlende Privatsphäre sowie die Lautstärke als belastend beschrieben. Zwar ist eine externe Firma mit dem Putzen der allgemein zugänglichen Räume beauftragt, dennoch seien diese stets sehr schnell wieder dreckig. Darüber hinaus beklagt eine unserer Gesprächspartnerinnen, dass man keine Wahl darüber hat, mit wem das Zimmer geteilt werden müsse. Dies sei vor allem dann problematisch, wenn man unterschiedliche Schlafrhythmen und Lautstärkepegel habe. Tatsachen, die angesichts einer knapp 60 Personen fassenden Unterkunft nicht verwunderlich sind. Sind dies doch die Themen, welche offensichtlich leider fest mit Großunterkünften einhergehen.

Gemeinschaftsraum mit viel Kinderangebot
Gemeinschaftsraum mit viel Kinderangebot

Kinderspielsachen 2

Die Einbindung von ehrenamtlichem Engagement wirkt auch hier positiv. Zum regelmäßigen Angebot gehören beispielsweise gemeinsames Kochen und Spieleabende. Im Gemeinschaftsraum, wo das meiste Angebot stattfindet, stehen zwei Computer und viele Kinderspielsachen. Schade nur, dass der so gut ausgestattete Gemeinschaftsraum nur unter Betreuung geöffnet ist und es noch kein WLAN gibt. Uns fällt der Spielplatz auf, den es seit etwa einem Jahr gibt und eine Abdeckung für die Fahrräder vorm Haus. Positiv überrascht hat uns außerdem das Angebot einer Ehrenamts-Supervision.

Die Nachbarschaft sieht etwas wohnlicher aus, der ungemütliche Charme eines Gewerbegebietes bleibt leider jedoch bestehen. Es gibt Einkaufsmöglichkeiten und auch eine Schule, aber einen richtigen Anschluss zu einer Nachbarschaft, beispielsweise mit Spielplätzen und Fußgängerzonen, sehen wir hier nicht.

 

Fazit

Ein Mangelhaft für die Milupa

Der hessische Flüchtlingsrat legt dem Hochtaunuskreis nahe, das Milupa-Gebäude als Geflüchtetenunterkunft so schnell wie möglich zu schließen. Die Zustände sind auf vielen Ebenen mangelhaft:

  • Die sanitären Anlagen sowie die Ausstattung in der Küche sind für die Anzahl der Bewohner*innen nicht ausreichend und daher als mangelhaft einzustufen.
  • Die Inbetriebnahme eines weiteren Gewerbekomplexes als alternative zum Milupa-Gebäude lehnen wir ab. Es ist zu befürchten, dass hier viele der mit Großunterkünften einhergehenden Probleme bestehen bleiben. Die grundlegenden Konfliktherde Hygiene und fehlende Privatsphäre aufgrund von Platzmangel werden durch die neue Unterkunft nicht ausgeräumt werden können. Durch die Investition in einen weiteren Gewerbekomplex legt der Hochtaunuskreis lediglich ein weiteres Zeichen für die Fortsetzung von Lagerpolitik im Landkreis.
  • Statt mittel- und langfristig u.U. gar kostengünstiger Wohnungen zu planen, ist zu befürchten, dass der Umbau eines zum längeren Wohnen nicht geeigneten Gebäudes unnötig viel Geld kosten wird.
  • Die Politik, jahrzehntelang zu wenig in den sozialen Wohnungsbau zu investieren, fällt dem Kreis nun auf die Füße.
  • Der hessische Flüchtlingsrat empfiehlt dem Hochtaunuskreis, auf kleinere Wohneinheiten und -gemeinschaften zu setzen und dort, wo es möglich ist, den sozialen Wohnungsbau voranzutreiben.

Auch die von der Diakonie betriebene Unterkunft bleibt eine Großunterkunft, trotz hoher Standards

Die vom diakonischen Werk betriebene Unterkunft im Friedrichsdorfer Gewerbegebiet weist einen vergleichsweise hohen Wohnstandard auf. So schafft es die Diakonie, viele der „Mindeststandards zur Unterbringung, Versorgung und Betreuung Asylsuchender in Hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen“ einzuhalten, die vom Hessischen Flüchtlingsrat sowie der Liga der Freien Wohlfahrtspflege Hessen  gefordert werden. Trotz der für Gemeinschaftsunterkünfte vergleichsweise hohen Unterbringungsstandards, wird die Zahl der von der Liga empfohlenen Höchstbelegung mit 50 Personen überschritten. Auch hier kommt es zu typischen Problemphänomenen bei zu vielen Personen, die sich Küche und Bad teilen müssen. Privatsphäre und Sauberkeit werden in aller Regel auf Dauer als belastend empfunden. In Privatwohnungen würden die Bewohner*innen natürlich bevorzugt wohnen wollen.