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Der Flüchtlingsrat im Schwalm-Eder-Kreis – Zwischen dezentraler Unterbringung, Vorzeigeunterkunft und Isolation

Fritz Rickert, 27.03.2017: Schon während der Recherche wurden wir von Hauptamtlichen auf ganz unterschiedliche Wohnsituationen im Schwalm-Eder-Kreis aufmerksam gemacht. Mehr als zwei Drittel der Asylsuchenden, die dem Schwalm-Eder-Kreis zugewiesen werden, wird dezentral und verteilt auf das gesamte Kreisgebiet in Wohnungen untergebracht. Ein Engagement des Kreises, welches deutlich zu begrüßen ist. Zugleich wurden wir jedoch auch auf eine Vielzahl sogenannter Gemeinschaftsunterkünfte hingewiesen, in denen die Lebenssituation der Bewohner*innen sehr unterschiedlich sei. Wir erfahren beispielsweise von einer sehr gut funktionierenden Unterkunft mit einem speziellen Konzept zur Unterbringung von Frauen. Uns wird jedoch auch von einer Unterkunft berichtet, die – obgleich sie bereits seit Jahren einen besonders schlechten Ruf genießt – immer noch betrieben wird.

 

Gemeinschaftsunterkunft mal anders – Ein geschützter Ort für Frauen und Kinder

Schon bei unserer Ankunft auf dem Gelände eines ehemaligen Jobcenters in Schwalmstadt, fällt die entspannte Atmosphäre unter den Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen auf. Kinder spielen auf dem Parkplatz und grüßen zusammen mit weiteren Bewohnerinnen. Das zweistöckige und erst vor Kurzem renovierte Gebäude liegt freistehend direkt an einem Wohngebiet. Die zwei Sozialarbeiterinnen, sowie die in der Kreisverwaltung für Flüchtlingsbetreuung zuständige Person erwarten uns bereits.

Die Frauenunterkunft von außen.

Später wird noch der Kreisgeschäftsführer des Roten Kreuzes, welches die Unterkunft betreibt, zu uns stoßen. Im Büro der Sozialarbeiterinnen erläutert man uns das Konzept der Unterkunft:

Erst im Mai 2016 eröffnete die hier von uns besuchte Unterkunft. Konkret handelt es sich um eine Unterkunft, in der ausschließlich Frauen und ihre Kinder untergebracht werden und in die – mit wenigen Ausnahmen – Männer keinen Zutritt haben. Hintergrund der Motivation für ein solches Konzept, so berichtet uns die Angestellte der zentralen Betreuungsstelle des Landkreises, seien häufig zu beobachtende Konflikte in Gemeinschaftsunterkünften und entsprechende Klagen von Frauen gewesen. Ihre Ausführung erinnert zunächst an Frauenhauskonzepte. Dennoch, so die Mitarbeiterin der Betreuungsstelle des Kreises, sei die Unterkunft nicht mit einem solchen zu vergleichen: Die Bewohner*innen hätten alle einen eigenen Schlüssel für Haus- und Zimmertür. Ein spezielles Schutzkonzept, wie dies in Frauenhäusern üblich ist, gäbe es jedoch nicht. Die Frauenunterkunft in Schwalmstadt stelle die erste Unterkunft ihrer Art im Landkreis dar, berichtet die Kreisangestellte weiter. Zum Zeitpunkt unseres Besuches sind hier ca. 60 Personen untergebracht. Von diesen seien etwa die Hälfte Kinder.

 

Gute Personalsituation

Die Personalsituation ist im Vergleich zu unseren bisherigen Erfahrungen auffällig gut. Hierauf sei besonders Wert gelegt worden, berichtet uns der Kreisgeschäftsführer des roten Kreuzes. Neben den wöchentlichen Sprechstunden der vom Kreis angestellten Sozialarbeiter*in, ist eine weitere Sozialarbeiterin eigens für diese Unterkunft vom Roten Kreuz angestellt. So ist es möglich, tägliche Sprechzeiten anzubieten. Diese werden auch gebraucht, denn – so die Sozialarbeiterin der Unterkunft – genug zu tun gäbe es immer. Unterstützungsbedarf bestehe insbesondere bei der herausfordernden Organisierung von Kitaplätzen, Schulzugängen und anderen Ämterbesuchen.

Neben den Sozialarbeiterinnen, gibt es zudem eine Person, die sich mit 25 Stunden pro Woche um Hausmeister*innentätigkeiten sowie zum Beispiel um die Ausgabe von Putzutensilien oder der Verleihung eines Laptops für den Internetzugang kümmert. Weitere Unterstützung gibt es darüber hinaus durch eine Frau, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Unterkunft leistet.

 

Gute Organisation und Atmosphäre

„Es braucht Akzeptanz. Die Leute müssen sich wohlfühlen, damit es klappt“, erklärt die vom Kreis anwesende Person. Der anschließende Rundgang durch die Unterkunft vermittelt, dass diesem Ansatz hier weitestgehend nachgekommen wird.

Die Architektur macht viel aus: Der helle Empfangsbereich stellt für die Bewohner*innen einen Treffpunkt dar.
Die Architektur macht viel aus: Der helle Empfangsbereich stellt für die Bewohner*innen einen Treffpunkt dar.

Zum Zeitpunkt unseres Besuches sind sowohl viele Kinder in der Schule als auch erwachsene Bewohnerinnen bei Sprachkursen oder anderweitig unterwegs. Die Atmosphäre im Haus erscheint entspannt. Dies mag möglicherweise auch an der, zum Zeitpunkt unseres Besuches, geringen Präsenz von Bewohner*innen liegen, sowie an der Belegung von nur zwei Dritteln der verfügbaren Betten.

Grundsätzlich wirkt die Unterkunft einladenden und für ihren Zweck angemessen organisiert.

Die Flure sind breit geschnitten und hell. An den Wänden hängen mehrsprachige und liebevoll gestaltete Informationstafeln, sowie von Kindern gemalte Bilder. Der Empfangsbereich bietet den Bewohner*innen Sitzgelegenheiten und auch den Kindern Raum zum Spielen.

Im Gespräch mit den Bewohnerinnen wird deutlich, dass sie sich sicher und relativ gut aufgehoben fühlen. „Alles gut“, berichtet uns Eine. Eine weitere Bewohnerin gibt auf Nachfrage an, dass sie sich ebenfalls sicher fühle.

Ein großer Gesellschaftraum ermöglicht ehrenamtliches Engagement

Raum zum gesellschaftlichem Miteinander bietet neben dem Empfangsbereich ein großer Gemeinschaftsraum in der oberen Etage. Neben einer Spielecke für Kinder, einem wöchentlichen Mutter-Kind-Angebot sowie einem ebenso häufig stattfindenden Malkurs für Frauen, bietet er auch zwei Mal die Woche Raum für ehrenamtliche Deutschkurse.

 

Der Kreis bemüht sich um Deutschkurse für alle

Die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unterstützten Deutschkurse im Rahmen des Integrationskurses sind während des Asylverfahrens ausschließlich Menschen aus Eritrea, Somalia, Iran, Irak, Syrien und Jemen vorgesehen.

Geräumig, gut ausgestattet und viel genutzt: Der Gemeinschaftsraum.
Geräumig, gut ausgestattet und viel genutzt: Der Gemeinschaftsraum.

Obwohl der Landkreis die Relevanz von Deutschkursen für Asylsuchende erkannt hat und entgegen der diskriminierenden Praxis des Bundesamtes jeder asylsuchenden Person einen 50-Stündigen Deutschkurs an der VHS finanziert, bleibt der Besuch professioneller Deutschkurse in der Regel etwas Exklusives. Die Wartelisten der Integrationskurse, als auch der vom Landkreis unterstützten Kurse sowie weiterer professionellen Angebote seien lang und es würde in der Regel Monate dauern, bis ein entsprechender Deutschkurs besucht werden könne. Es fehlt an Personal, so die Auskunft des Kreises. Vor diesem Hintergrund sind die im Gemeinschaftsraum stattfindenden ehrenamtlichen Deutschkurse besonders wertvoll.

 

Verbesserungsmöglichkeiten

Die Bewohner*innen werden auf zwei Etagen in 25 Schlafräumen mit einer Größe von 15-28 Quadratmetern untergebracht.

Enge Wohnverhältnisse gibt es auch hier.
Enge Wohnverhältnisse gibt es auch hier.

Neben vier Zweibettzimmern und zwei Dreibettzimmern, wird der Großteil der Schlafräume zu unserer Enttäuschung von mindestens vier Personen bewohnt (17 Vierbettzimmer sowie zwei Fünfbettzimmer).

Dass die Zimmer für vier Personen deutlich zu klein sind, bestätigt uns die Bewohnerin eines Vierbettzimmers. Sie könne aufgrund des unruhigen Schlafes ihrer Bettnachbarinnen nicht gut schlafen und es würde ihr an Rückzugsmöglichkeiten fehlen.

Eine andere Bewohnerin berichtet uns, dass sie von der Matratze Rückenschmerzen bekommen würde. Außerdem seien die Metallschränke deutlich zu klein bemessen.

Eine Herausforderung für viele Frauen sei zudem die eingeschränkte Mobilität, berichtet uns das Personal. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann es bis zu einer dreiviertel Stunde dauern, um den nächstgelegen Ort mit entsprechenden Ärzten zu erreichen. Ein Problem, welches alle Personen im Ort haben, denen keine Alternativen zum öffentlichen Nahverkehr zur Verfügung stehen.

 

Eine in vielen Aspekten akzeptable Lösung zur vorübergehenden Unterbringung

Der Bedarf von Schutz- und Rückzugsräumen für Frauen und Kinder bei der Unterbringung in sogenannten Gemeinschaftsunterkünften, wurde einmal mehr deutlich. Es ist zu begrüßen, dass der Schwalm-Eder-Kreis mit dieser zunächst positiv auffallenden Unterkunft diesbezügliche Schritte umgesetzt hat.

Die entspannte Atmosphäre vor Ort, die in Relation zu anderen Unterkünften einladende Architektur und personelle Ausstattung, sowie insbesondere die Aussagen der Bewohner*innen selbst, macht Hoffnung: Wenn es auch in dieser Unterkunft noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt, zeigt sich, dass weniger große, zentral gelegene und gut ausgestattete Unterkünfte bis zum Umzug in Wohnungen ein in vielen Aspekten akzeptables Behelf für die vorrübergehende Unterbringung von geflüchteten Menschen darstellen können.

 

 

Waldgaststätte mit Extras – Isolation und miserable Wohnbedingungen am Waldrand

Wie heterogen die Unterbringungslandschaft selbst innerhalb eines Landkreises sein kann, offenbart sich uns eine halbe Stunde später. Wir sind auf dem Weg zu einer Unterkunft in der Umgebung von Homberg. Anfangs herrscht Misstrauen gegenüber dem Navigationsgerät, als dieses uns aus dem Ort heraus, an einem Bauernhof vorbei und schließlich über einen staubigen Feldweg den Berg hoch bis an den Waldrand navigiert. Doch schließlich begrüßt uns das Schild einer alten Waldgaststätte und Pension. Die auf demselben Schild beworbene Brauerei lädt zum „Märchenhaften Biergenuss“ ein.

Dem Vorder- und Hinterhaus der alten Waldgaststätte sieht man den Renovierungsbedarf auch von außen an.
Beiden Gebäuden der alten Waldgaststätte sieht man den Renovierungsbedarf auch von außen an. Hier das Vorderhaus.
Dem Vorder- und Hinterhaus der alten Waldgaststätte sieht man den Renovierungsbedarf auch von außen an.
Das Hinterhaus.

Doch das Vorderhaus sowie das Hinterhaus haben ganz offensichtlich ihre märchenhaften Jahre bereits seit mehreren Jahrzehnten hinter sich. Heute scheint alles im Verfall. Wann sich hier das letzte Mal freiwillig Leute zur Erholung niederließen, bleibt uns verborgen. Beim Gang durch die Gebäude erzählt uns der Betreiber der Unterkunft jedoch, dass er die Gebäude bereits seit über 30 Jahren als Gemeinschaftsunterkunft nutzt. Eine Pension der anderen Art.

Zum Zeitpunkt unseres Besuches, so wird von der anwesenden Kreisangestellten sowie des Betreibers berichtet, wohnen im vorderen Haupthaus 20 Asylsuchende, im dahinter gelegenen Flachbau weitere 17 Personen. Platz gäbe es für maximal 60 Personen. Vor Ort treffen wir allein reisende Frauen und Männer, sowie eine Familie mit zwei Kindern. Untergebracht sind die Bewohner*innen in Ein- bis Zweibettzimmern.

Bei einer stärkeren Auslastung der Unterkunft, würden in diesen zum Teil mit bis zu vier Personen einquartiert werden, heißt es. Küchen, Duschen und Toiletten müssen größtenteils mit anderen geteilt werden. Doch zumindest im Haupthaus gibt es einige Zimmer, an welche ein eigenes Bad und eine eigene Toilette angeschlossen ist. Hierdurch wird zumindest der Familie etwas mehr privater Raum zum Rückzug geboten.

 

Isolation par excellence

Im Gespräch mit den Bewohner*innen wird deutlich, dass die Isolation der „Waldgaststätte“ für sie ein sehr belastendes und drängendes Problem darstellt. Das nächste bewohnte Haus sei mindestens einen Kilometer, die nächste Einkaufsmöglichkeit ca. sechs Kilometer entfernt und zur nächstgelegenen Bushaltestelle müsse man eineinhalb Kilometer laufen, so die Bewohner*innen. Haben die Bewohner*innen das Glück einen Sprachkurs im Rahmen des Integrationskurses in Homberg oder Treysa besuchen zu können, gilt es den nur alle zwei Stunden fahrenden Bus zu nehmen. Dass dieser Weg zum Sprachkurs länger als eine Stunde dauert, stellt nichts Ungewöhnliches dar. Ein Schüler einer Regelschule erzählt uns zudem, dass er für seinen Schulweg ca. zwei Stunden benötige.

Abseits am Waldrand gelegen: Die Isolation belastet die Bewohner*innen stark.

Zwar wird uns berichtet, dass der Betreiber sich bemühe, Bewohner*innen ein paar Mal die Woche in den nächstgrößeren Ort zu fahren, doch ist dies offensichtlich nicht ausreichend. „Die größten Probleme sind die Entfernungen und die Langweile“, beklagt sich eine Frau. Ein weiterer Bewohner ergänzt, dass diese Unterkunft ihm das Lernen der deutschen Sprache „sehr schwierig“ mache.

Um mit weit entfernten Familienmitgliedern oder Freunden in Kontakt zu bleiben, ist eine stabile Internetverbindung für viele Geflüchtete essentiell. Leider ist eine Internetverbindung in der „Waldgaststätte“ nicht installiert. Ein Faktor, welcher die Isolation weiter verstärkt. Bedauerlicherweise bestätigt uns die Mitarbeiterin der Betreuungsstelle, dass der Landkreis in keiner seiner Gemeinschaftsunterkünften eine Internetverbindung sicherstellt.

 

Heruntergekommene Gebäude und defekte Ausstattung

Der erste Eindruck, dass die „Waldgaststätte“ dringend renovierungsbedürftig ist, bestätigt sich auch beim Gang durch das Hauptgebäude. Ganz offensichtlich leben hier schon sehr lange viele Menschen auf engem Raum. Ebenso offensichtlich wurden in der näheren Vergangenheit zugleich keinerlei Investitionen mehr getätigt.

Eine der zu teilenden Küchen im vorderen Haus.
Eine der zu teilenden Küchen im vorderen Haus.

Die Ausstattung der Räumlichkeiten scheint sich in diesem Lager auf das Allernötigste und Preisgünstigste zu beschränken. Die vorhandene Ausstattung ist häufig nur notdürftig repariert oder defekt. Arbeitsplatten und Abdichtungen in den Küchen sind zum Teil kaputt. In den Sanitäranlagen fehlt ein Duschkopf.

Ein defektes Waschbecken.
Ein defektes Waschbecken.

An vielen Stellen löst sich der Putz, die Tapete oder Farbe. Fußleisten fehlen zum Teil und auch die Fliesen des Fußbodens und der Treppe sind an mehreren Stellen gebrochen. Auch andere Fußbodenbeläge haben sich gelöst. Eine Steckdose ist nicht fest in der

Wand verbaut und die aus der Wand austretenden Stromkabel sind nicht gesichert. Eine Bewohnerin beklagt, dass sie vom Schimmel in ihrem Zimmer Atemwegsprobleme bekommen hätte.

Uns wird zwar berichtet, dass der Betreiber sich bemühen würde, selbst Reparaturen zu verrichten. – nach professioneller Handwerksarbeit sieht es an vielen Stellen jedoch nicht aus. Zudem scheint es nicht ausreichenden Kapazitäten für die so vielen dringend notwendigen Reparaturarbeiten zu geben.

Das eine Haus schlechter als das Andere

Den Bewohner*innen des hinteren Hauses scheint es besonders wichtig, uns Einblicke in ihre Lebenssituation zu gewähren. Bei der gemeinsamen Begehung berichten sie, dass – zwei Wochen vor unserem Besuch – der Flur notdürftig gestrichen wurde.

Ein Eindruck vom „Gemeinschaftsraum“.
Ein Eindruck vom „Gemeinschaftsraum“.

Viele der Lichtschalter scheinen defekt und wurden schlicht überstrichen. In der kleinen und ohnehin spärlich ausgestatteten Küche, berichten die Bewohner*innen uns, dass Teile der Ausstattung erst vor wenigen Tagen ersetzt wurden.

Ein Zweibettzimmer im Hinterhaus.
Ein Zweibettzimmer im Hinterhaus.

Unter anderem fehlte es an Mülleimern. Nachdem die Küche ca. einen Monat nicht geputzt wurde, sei dies nun endlich – ebenfalls pünktlich zu unserem Besuch – am vorherigen Tag geschehen. Einer der drei sich in diesem 17-Personen befindenden Toiletten, fehlt die Klobrille. Auf der Suche nach den Duschen, zeigt uns einer der Bewohner schließlich einen knapp bemessenen Raum mit Duschwanne und einem schimmelbedeckten, löchrigen Duschvorhang. Ist die Dusche belegt, müssen die Bewohner*innen in das andere Gebäude laufen, bestätigt uns der Betreiber auf Nachfrage. Selbiges würde für die Toiletten gelten. Auch hier stünden weitere im Haupthaus zur Verfügung.

Die Zimmer im hinteren Haus befinden sich in einem Zustand, der deutlich schlechter ist, als der Zustand der von uns im Hauptgebäude gesichteten Zimmer. Zum Teil müssen sich hier zwei Personen ein rund 12 Quadratmeter großes Zimmer teilen. Auch hier ist alles dringend renovierungsbedürftig. Es scheint in diesen Räumen schon seit sehr langer Zeit nicht mehr gestrichen worden zu sein. Die Tapete löst sich auch hier von den Wänden.

Ein Bewohner lädt uns in sein Zimmer ein, um uns auf weitere Missstände hinzuweisen: Die Reparatur des Fensters wurde in diesem Raum schlicht nicht zu Ende gestellt und so ist dieses von Bauschaum umgeben. Etwas Ungewöhnliches scheint dies jedoch nicht zu sein: Der Rahmen der Zimmertür wurde lediglich notdürftig mit einem Holzbrett befestigt.

Ein defektes Bett.
Eines der defekten Betten.

Dem Schrank fehlen die Türen und der Abfluss eines kleinen Waschbeckens in der Ecke seines Zimmers leckt. Als der Bewohner für uns die Matratze seines Bettes anhebt wird deutlich, dass viele Latten im Lattenrost fehlen. Er klagt über einen schlechten Schlaf, sowie Rückenschmerzen. Trotz mehrfacher Hinweise gegenüber dem Betreiber, sei dies noch immer nicht repariert worden.

Dass die beschriebenen Missstände in dieser Unterkunft keine Einzelfälle sind, zeigen die Besichtigungen weiterer Zimmer. Auch hier sehen wir ein defektes Bett sowie Türen mit Löchern oder kaputten Klinken. Zudem löst sich ein Fußbodenbelag und weitere Schränke sind kaputt, ….

Niedergeschlagenheit und lange Aufenthaltszeiten auf Seiten der Bewohner*innen

Die Frustration der Bewohner*innen wird in Gesprächen ebenfalls deutlich. „Ich bin bereits seit einem Jahr hier“, berichtet ein Bewohner verzweifelt. Kein Einzelfall: Ein Weiterer merkt deutlich niedergeschlagen und resigniert an, dass er bereits seit 17 Monaten hier sei. Auf Nachfrage erfahren wir vom Betreiber und der Betreuungsstelle des Kreises, dass eine Bewohnerin bereits seit 4-5 Jahren in der Unterkunft wohnen würde. In der Vergangenheit hätte es zudem eine Person gegeben, die hier über zehn Jahre gelebt hätte.

 

Gelassenheit und Pragmatismus auf Seiten des Betreibers

Der Betreiber bestreitet nicht, dass die Unterkunft stark heruntergekommen ist und die Bewohner starker Isolation ausgesetzt sind. Allerdings scheint er diese Zustände deutlich gelassener zu sehen als wir dies tun. „Ich sag immer, hier ist noch Keiner gestorben“, merkt er uns gegenüber an. Ein hoher Anspruch ist das nicht.

 

Schlechte Unterbringung als Sanktions- und Ausreisedruckmittel auf Seiten des Landkreises?

Auch dem Kreis scheint die schlechte Unterbringungssituation und Isolation der bereits seit 1985 genutzten Unterkunft bekannt zu sein. Hier würden insbesondere Leute untergebracht, die woanders Probleme gemacht hätten, jedoch nicht abgeschoben werden könnten, erklärt die anwesende Vertreterin des Kreises. Dass die Verlegung von Menschen in diese Unterkunft damit quasi einer Sanktionierung gleichkäme, wird auf Nachfrage nicht bestritten. Hiermit bestätigt sich eine uns schon im Voraus durch externe Personen übermittelte Befürchtung.

 

Dringender Handlungsbedarf

Die hier besuchte Unterkunft stellt einen kaum stärker möglichen Kontrast zur zuvor besuchten Frauenunterkunft in Schwalmstadt dar. Märchenhaft im positiven Sinne – wie das Schild am Eingang prophezeit – ist hier nichts. Im Gegenteil: Durch die isolierte Lage werden in dieser Unterkunft Menschen vom gesellschaftlichen Leben ferngehalten. Die miserablen Wohnbedingungen tun ihr Weiteres, um die Menschen mit der Zeit zu zermürben. Der Flüchtlingsrat legt daher dem Kreis dringend nahe, in dieser Unterkunft keine weiteren Asylsuchenden mehr einzuquartieren und den dort lebenden Menschen so schnell wie möglich Alternativen an zu bieten.

 

Kreis kündigt nach Besuch an, die Zuweisung von Asylsuchenden in die „Waldgaststätte“ teilweise einzuschränken

Während eines erneuten Gespräches mit der für die Unterbringung verantwortliche Mitarbeiterin des Kreises, machte diese auf Nachfrage deutlich, dass seit unserem Besuch nur noch eingeschränkt Asylsuchende in die „Waldgaststätte“ einquartiert würden. Konkret betrifft dies jedoch nur das hintere Gebäude. In dieses werden keine Asylsuchenden mehr zugewiesen, konkretisierte Sie. Darüber hinaus wurde zugesichert, dass diese Regelung auch für die Zukunft gelten würde. Inzwischen (Stand 07.06.2017) seien im hinteren Gebäude keine Asylsuchenden mehr untergebracht. Nun seien es ausschließlich geflüchtete Personen, welche Leistungen vom Jobcenter erhalten würden und sich somit theoretisch auch eine Wohnung woanders suchen könnten.