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Kategorie: Rheingau-Taunus-Kreis

Rheingau-Taunus-Kreis – Die Lagertour in Niedernhausen

Von einem ehemaligen Altenheim, einem „blauen Dorf“ und der Anonymität einer Großunterkunft


Vor der Stadt und ohne Anbindung

Fritz Rickert, 15.08.2016: Den Auftakt unserer Lagertour begehen wir mit dem Besuch dreier Unterkünfte in Niedernhausen im Rheingau-Taunus-Kreis. Bereits während der telefonischen Vorgespräche wurde uns von ganz unterschiedlichen Unterbringungsformen und vielen ehrenamtlich Engagierten erzählt, von denen uns zwei nun sehr herzlich zu einem ersten Gespräch auf ihrer idyllischen Terrasse empfangen.

Doch, dass Niedernhausen nicht gleich Niedernhausen ist, stellen wir bereits beim Besuch der ersten Unterkunft fest. Nach Verlassen des Ortes geht es auf der Landstraße erstmal einige Zeit durch den Wald. Schließlich biegt der voranfahrende Geländewagen auf ein direkt an der Straße angrenzendes Gelände: Ein ehemaliges Altenheim, welches gerade zu einer Großunterkunft für bis zu 200 Personen umgebaut wird.

Leider der einzige Treffpunkt für Bewohner*innen und Ehrenamtliche: Der Eingangsbereich.
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Baustelle im Grünen. In Zukunft sollen hier 200 Personen untergebracht werden.

Vor Ort erwartet uns bereits ein kleines Begrüßungskomitee aus einem Bundesfreiwilligendienstleistenden, der selber noch in der Unterkunft wohnt, einer Sozialarbeiterin sowie dem sogenannten Haussprecher. Letzterer ein ehrenamtlich Engagierter, der sich im besonderen Maße der Unterkunft und der Situation der Bewohner*innen vor Ort angenommen hat. Auch weitere Bewohner*innen stehen im Hof. Da dieser inzwischen als einziger Treffpunkt dient, bleibt ihnen wohl oft auch nichts anderes übrig. Wir kommen ins Gespräch und erfahren, dass der vorherige Gemeinschafts- und Unterrichtsraum in Kürze als Zimmer für weitere Geflüchtete dienen soll, was sowohl Bewohner*innen als auch Ehrenamtliche beklagen.

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Zwei Bewohner*innen zeigen uns ihr Zimmer.

Nachdem wir von den Bewohner*innen eingeladen werden, betreten wir ein frisch renoviertes Gebäude. Es wirkt insgesamt neu, hell und aufgeräumt. Jeweils zwei der aktuell rund 40 Bewohner*innen teilen sich ein Zimmer. Pro acht Zimmer gibt es je eine Küche und ein Bad. Eine Bewohnerin, die sich den Flur mit acht Männern teilt, beklagt sich über fehlende Privatsphäre, insbesondere in Bezug auf die sanitären Einrichtungen. Nicht nur, dass es keine Geschlechtertrennung gibt, die einzelnen Duschen und Toiletten sind auch noch durch Lüftungslöcher, durch die man durchschauen kann, verbunden. Trotz ihrer Beschwerden wurde daran bisher nichts geändert.

Die Duschen sind durch Lüftungslöcher mit den angrenzenden Toiletten verbunden. Nicht unproblematisch, wenn es wie hier keine nach Geschlechtern getrennten Bäder gibt.

Bei den Gesprächen mit Bewohner*innen wird zudem schnell deutlich, dass die abgelegene Lage der Unterkunft das größte Problem darstellt. Der Ort inklusive des nächsten Supermarktes liegt drei Kilometer entfernt. Eine Busverbindung gibt es nicht mehr, ihre erneute Inbetriebnahme fordern Bewohner*innen und Ehrenamtliche bisher vergeblich. Zum Gefühl der Isolation trägt allerdings auch die fehlende Internetverbindung bei. Der Landkreis fühlt sich hierfür wohl nicht verantwortlich, wird uns von den Ehrenamtlichen und der Sozialarbeiterin vor Ort berichtet.

Doch zumindest gibt es von den Ehrenamtlichen zur Verfügung gestellte und von den Bewohner*innen selbst reparierte Fahrräder, mit welcher der Isolation ein Stück weit begegnet werden kann. Wer fahren kann und das Glück hat, eins ab zu bekommen, kann hiermit zumindest ein wenig schneller in die Stadt rollen.

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Ein klassisches Bild: Zwei Kilometer in den Ort, drei Kilometer zum nächsten Supermarkt. Eine Busanbindung gibt es keine.

„Das blaue Dorf“

Auf dem Weg zur nächsten Unterkunft geht es für uns wieder rein in das beschauliche Niedernhausen – und wieder raus an die Ortsgrenze. Ziel ist hier das „blaue Dorf“, wie die Unterkunft von den Ehrenamtlichen genannt wird. Dort angekommen wird schnell klar, woher zumindest der erste Teil dieses Namens kommt: Am Rande eines Gewerbegebietes stehen, auf einem umzäunten Grundstück, entsprechende dunkelblaue Container. Doch einen Dorfcharakter können wir leider nicht ausmachen. Durch einen Mittelgang verbunden stehen hier in zwei Reihen um die 30 Container.

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Ziemlich blau: Containerunterkunft in Niedernhausen.
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Im Winter ziemlich dunkel: Tageslicht gibt es auf dem Flur nur durch die geöffneten Türen.

Auch hier begegnen wir wieder sehr engagierten Menschen aus Niedernhausen, die uns sogleich herumführen und uns die Bewohner*innen vorstellen. Unter Neonlicht und mit dem Geruch der angrenzenden Sammelküche in der Nase, kommen wir in dem langen Mittelgang ins Gespräch. Nach und nach öffnen sich die unterschiedlichen Türen der einzelnen Container.

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Ein Container ist für zwei Personen vorgesehen.

Wer sich schon einmal länger in einer Containerunterkunft aufgehalten hat, weiß, die Tücke liegt im Detail: In den ca. 12-Quadratmeter-Containerzimmern gibt es praktisch keinen Schallschutz. Man hört sämtliche Geräusche zu jeder Tages- und Nachtzeit, ob man will oder nicht. Zudem sind die Metallcontainer schlecht isoliert. Ein Bewohner berichtet uns, dass es im Sommer sehr heiß wird – und im Winter kalt.

Im Gegensatz zur zuvor besuchten Unterkunft, gibt es hier einen Gemeinschaftsraum. Dieser sei viel wert, erzählen uns die Ehrenamtlichen. Häufig ist es durch Gemeinschaftsräume wie diesen erst möglich, ehrenamtliche Deutschkurse oder andere Beschäftigungen im sonst oft eintönigen Alltag anzubieten und so miteinander in Kontakt zu kommen. Hier wird der Raum, außer für einen wöchentlichen Deutschkurs, auch als Fernsehraum und Gebetsraum genutzt, berichtet man uns.

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Die Gemeinschaftsküche.

Wie schon in der anderen Unterkunft, wird auch hier deutlich, dass die Menschen zum Teil schon sehr lange auf die Durchführung ihres Asylverfahrens warten. Ein belastender Zustand der Schwebe, welcher häufig von fehlenden Arbeitsmöglichkeiten und Bildungsangeboten begleitet wird, berichten uns die Bewohner*innen.

Wir möchten gerade gehen, als uns ein Mann auf dem Flur anspricht. Er bittet uns zu seinem Freund ins Zimmer zu kommen. Hier finden wir in einem abgedunkelten Raum einen jungen Mann in seinem Bett, neben ihm ein Rollstuhl. Der Mann erzählt uns, dass er hier bereits seit fast einem Jahr liege, von der Hüfte abwärts gelähmt. Auf Nachfrage stellt sich schließlich heraus, dass er zwar inzwischen als Flüchtling anerkannt ist und somit ausziehen könnte, doch es scheint unklar wie und wohin. Unterstützung von den Behörden erhält er hierbei nach eigenen Aussagen und den seiner Freunde bislang anscheinend nicht und aufgrund seiner erfolgten Anerkennung ist auch die, ab und zu in der Unterkunft vorbeischauende, Sozialarbeiterin nicht mehr zuständig. Der Fall dieses jungen Mannes zeigt in einer bitteren Deutlichkeit, dass hier auch sehr engagierte ehrenamtliche Strukturen an ihre Grenze stoßen.

Groß, alt und anonym – Zutritt verboten

Für die letzte Station geht es wieder nach Niedernhausen rein – und diesmal auch nicht wieder raus. In einem ruhigen Stadtteil etwas oberhalb des Ortskerns liegt die bisher größte und auch älteste Unterkunft in Niedernhausen.

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Man trifft sich vor der Unterkunft – oder auch nicht. Auch hier fehlt es an Gemeinschaftsräumen – und uns an der Erlaubnis das Gelände zu betreten.

Obwohl die Unterkunft deutlich zentraler und mitten in einem Wohngebiet liegt, fällt es den Ehrenamtlichen vor Ort sehr viel schwerer in einen regelmäßigen Kontakt und Austausch mit den Bewohner*innen zu kommen, erzählen die uns begleitenden Ehrenamtlichen. Sind wir hierüber aufgrund der Lage zunächst etwas erstaunt, wird uns spätestens vor Ort deutlich, warum dies so ist: Mit einer Bewohner*innenzahl von über 165 Personen in zwei Gebäuden auf vier Etagen ist diese Unterkunft deutlich größer als die vorher besuchten.

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Erneuerungsbedürftig in vielerlei Hinsicht.

Die klotzige Architektur des Hauptgebäudes und der Eingangsbereich als einziger möglicher Treffpunkt begünstigen die Anonymität, die die Ehrenamtlichen wahrnehmen. Engagement und regelmäßiger Kontakt werden dadurch erschwert, dass es keine Räumlichkeiten gibt, die Ehrenamtliche und Bewohner*innen gemeinsam nutzen können. Auch uns fiel der Kontakt zu den Bewohner*innen schwerer. Doch kam bei uns erschwerend hinzu, dass uns schon im Vorhinein von Seiten der Behörden der Besuch der Unterkunft verwehrt wurde. Als Grund wurde die Einarbeitung neuer Sozialarbeiter*innen genannt, welche nun kürzlich – nach ca. 20 Jahren Betrieb – mit 1,5 Stellen eingestellt wurden. Ob es noch weitere Gründe gibt, können wir nur vermuten.

Letztlich scheint es, dass sich die Unterkunft in einem deutlich schlechteren Zustand befindet, als die zwei zuvor besuchten. Von unserer Begleitung wird uns von stark eingeengten Wohnverhältnissen berichtet, bei welchen bis zu vier Personen in einem Zimmer wohnen. Hiermit und mit der alten Baustruktur einhergehend, gebe es zudem ein allgemein schlechtes Raumklima, schlechte hygienische Zustände und regelmäßig auftretende Kakerlakenplagen. Der von außen sichtbar herunterfallende Putz und die abblätternde Farbe verdeutlichen einmal mehr, dass diese Unterkunft dringend renovierungsbedürftig ist. Doch zumindest das Internet sei hier inzwischen unproblematisch, sagt man uns: Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden schließlich selbst aktiv und schafften es, dieses selbst zu organisieren.

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Eine Kneipe gibt’s gleich mit. Biergartenatmosphäre? Stellen wir uns anders vor.

 Es geht auch anders

Dass die Unterbringung von Asylsuchenden in Niedernhausen auch anders möglich ist, zeigt sich daran, dass in der Stadt verteilt zwischen 20 und 25 Personen dezentral untergebracht sind. Ein Beispiel ist eine Wohngruppe von fünf jungen geflüchteten Männern, die laut Beschreibung der Ehrenamtlichen recht harmonisch zusammen leben.

Zurück im Auto ziehen wir eine erste Bilanz unserer ersten Lagerbesuche. Dass insbesondere auf Großunterkünfte mit all seinen isolierenden Faktoren gesetzt wird, scheint ein Konzept zu sein. Zwei von drei besuchten Unterkünften lagen zudem eher außerhalb.

Von starkem ehrenamtlichem Engagement und fehlenden Sozialarbeiter*innenstellen

Beeindruckt sind wir von dem Engagement und der Selbstorganisation der Ehrenamtlichen in Niedernhausen. Ohne die rund 120 Engagierten wäre die aktuelle Situation der in Niedernhausen ankommenden, geflüchteten Menschen eine gänzlich andere. Das Angebot der ehrenamtlichen Strukturen ist beachtlich. So gibt es inzwischen 12-15 Deutschkurse sowie eine Vielzahl weiterer Angebote wie zum Beispiel Hausaufgabenhilfen, Patenschaften und Einzelfallunterstützung. Eine bisher noch fehlende und von den gesprochenen Ehrenamtlichen gewünschte hauptamtliche Koordinationsstelle wäre hier sehr hilfreich.

Uns wird die Bedeutung von kleineren Unterkünften sowie die Einbindung Ehrenamtlicher von Anfang an bewusst. In Niedernhausen gelang es den Ehrenamtlichen offensichtlich von Anfang an sich gut in den (noch) kleineren und jüngeren Unterkünften einzubringen. In der großen, von uns als letztes besuchten Unterkunft scheint dies jedoch seit vielen Jahren deutlich schwieriger zu sein. Wir hoffen, dass sich dieser Effekt einer Großunterkunft nicht auch auf die erste besuchte Unterkunft auswirken wird, sobald dort der Ausbau auf eine Kapazität von rund 200 Bewohner*innen fertig gestellt ist.

Als weiterer Punkt bleibt uns auch die sehr begrenzte mögliche Unterstützung von Sozialarbeiter*innen in den ersten zwei besuchten Unterkünften im Kopf. Hier rotiert eine Sozialarbeiter*in zwischen einer Vielzahl von Unterkünften, sodass nur Kurzbesuche ab und zu zwischendurch möglich sind. Ohne das starke ehrenamtliche Engagement, wären die Geflüchteten wohl weitgehend auf sich alleine gestellt.

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