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Kategorie: Hochtaunuskreis

Hochtaunuskreis II – Die Lagertour in Friedrichsdorf

Wohnen im Gewerbegebiet – Der Milupakomplex


Miriam Modalal, 25.04.2017 – Zum aktuellen Stand: Von Ehrenamtlichen im Ort erfuhren wir, dass der Umzug in das besagte ehemaligen Gelände einer Werkzeug­firma, inzwischen begonnen hat. In das neue Gebäude sollen demnach etwa 100 Geflüchtete untergebracht werden. Insgesamt mache das Haus einen guten Eindruck, berichtet man uns. Es mangele nach Einschätzung der Ehrenamtlichen jedoch noch immer an einem zufriedenstellenden Umfang an Sozialarbeiter*innenstellen: hierfür seien 2×2 Stunden vom Kreis und 3×2 Stunden von der Stadt Friedrichsdorf vorgesehen. Die Ehrenamtlichen wünschen sich eine Vollzeitstelle. Der Flüchtlingsrat schließt sich diesem Wunsch an.


Miriam Modalal,  31.10.2016: Es führt uns wieder in den Hochtaunuskreis, diesmal nach Friedrichsdorf, Wohnort für etwa 320 Geflüchtete, wie uns Ehrenamtliche vor Ort berichten. Wir besuchen zwei Unterkünfte in Laufnähe voneinander, die kontrastreicher kaum sein könnten. Hier sind insgesamt etwa 100 Menschen untergebracht.

Die erste Adresse ist ein ehemaliges Verwaltungsgebäude im Containerstil des Babynahrungsherstellers Milupa. Eine Unterbringung, die schon seit ihrer Eröffnung im Januar 2016 von Ehrenamtlichen kritisch gesehen wird. Im Sommer 2016 kündigte die Kreisverwaltung schließlich ihre Schließung für Herbst 2016 an. Auf Nachfrage des Flüchtlingsrates beim Kreis ließ die Stadt am 28. September ausrichten, dass die Unterkunft spätestens im Februar 2017 geschlossen wird. Bisher ist der Gigant aber immer noch in Betrieb. Bei unserem Besuch wurde der Aussage hinzugefügt, dass hierzu jedoch erst eine alternative Unterkunft einzugsbereit (um-)gebaut werden muss. Hierbei handelt es sich wohl um ein Gebäude auf dem ehemaligen Gelände einer Werkzeugfirma, nur wenige hundert Meter weiter. Ebenfalls ein großes Bürogebäude im Gewerbegebiet. Ob damit eine tatsächliche Verbesserung erreicht werden kann, stellen wir in Frage.

Bei unserer Besichtigung warten schon die Sozialarbeiterin der Stadt, der Sozialarbeiter des Kreises, ihre Kolleg*innen und der Hauswart vor der Eingangstür auf uns. Auch ein paar Bewohner*innen haben sich draußen vor der Tür versammelt, wir erhalten aber erst später die Gelegenheit, einzeln mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Nach einer kurzen Kennenlernrunde und einem Vorgespräch geht die organisierte Tour durchs Haus los.

Und wieder einmal die Probleme von zu hoher Belegung

Auf den ersten Blick sieht es relativ sauber aus. Die hochgestellten Stühle und das zur Seite geschobene Inventar zeugen davon, dass hier kurz vor unserer Ankunft noch ordentlich geputzt wurde. Den 42 Bewohnern stehen lediglich fünf Herde, vier Esstische und vier Spülen zur Verfügung.

In der Küche stehen die Stühle noch auf den Tischen
In der Küche stehen die Stühle noch auf den Tischen

 

Eine unsere Mindestanforderungen nicht entsprechende Ausstattung finden wir auch im Waschraum wieder: Hier befinden sich vier Waschmaschinen und ein Trockenständer. Die Bäder sind mit insgesamt sechs Toiletten und vier Duschen bestückt. Im Gespräch mit den Bewohner*innen bestätigt sich schließlich unsere Annahme. Sie beklagen die schlechten Hygieneverhältnisse und die daraus resultierenden Spannungen. Es gibt zwar einen Putzplan, aber bei einer 42-Personen-Gemeinschaft verwundert es kaum, dass dieser nur an der Oberfläche kratzen kann.

Zu wenige Waschmaschinen...
Zu wenige Waschmaschinen…
... und zu wenige Duschen
… und zu wenige Duschen

 

 

 

 

 

 

Als wohl größtes Problem ist die Zimmerbelegung zu benennen: teilen sich hier ein ca. 20-25 Quadratmeter großes Zimmer. Bewohner empfinden dabei den Zustand fehlender Privatsphäre als enorme Stressbelastung. Zumal es sich nicht um einen Zustand handelt, der nach wenigen Tagen beendet ist, sondern zum Teil viele Monate andauern kann. Entspannung fällt hier schwer, von konzentriertem Lernen ganz zu schweigen. Fehlende Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten sind ein nicht zu unterschätzendes Problem, denn bei vielen Geflüchteten handelt es sich aufgrund vergangener traumatischer Erlebnisse, die es zu verarbeiten gilt, um eine vulnerable und sensible Gruppe. Eine solche Umwelt kann keinesfalls als gesundheitsförderlich für diesen Prozess betrachtet werden. Erschwerend kommen die, nach Informationen einiger Bewohner*innen, sehr günstige Ausstattung und die, hiermit einhergehenden, schlechten Matratzen hinzu. Beim Gespräch im Zimmer saßen wir für eine viertel Stunde auf einer Matratze, was sich schon nach wenigen Minuten als überaus ungemütlich herausstellte.

Fotos von der Situation in den Zimmern dürfen wir unter keinen Umständen machen. Als Grund hierfür wird uns die Privatsphäre der Bewohner*innen genannt. Irritierend, da sie uns schließlich selbst darum baten, ihre Situation in den Zimmern auch mit Fotos zu dokumentieren. Hier drängt sich leider der Verdacht auf, dass der Öffentlichkeit hier Fotos, die bestimmte Zustände deutlich machen, vorenthalten werden sollen.

Als weitere Kritikpunkte werden das fehlende WLAN und der, zum Zeitpunkt unseres Besuchs kaputte, Fernseher benannt.

Was positiv ist … beim Gesamtbild aber leider untergeht

Auch im Gemeinschaftsraum sind die Stühle noch hochgeklappt
Auch im Gemeinschaftsraum sind die Stühle noch hochgeklappt

Wir waren positiv überrascht über einen kleinen Gemeinschaftsraum, die Bewegungsfläche im Erdgeschoss sowie den, im Flur platzierten, Billardtisch. Zudem berichten die Geflüchteten, dass sie sich nicht isoliert fühlten, obwohl das maue Nachbarschaftsbild der industriellen Gewerbelandschaft nicht den Eindruck hinterlässt, als könne man sich hier zu Hause fühlen. Doch zumindest ist das meiste in Fußnähe zu erreichen. So befindet sich ein Lidl in etwa 200 m Entfernung und der Bahnhof kann auch zu Fuß erreicht werden. Gegenüber der Unterkunft gibt es einen Sportpark, bei dem es einen Teamer für Geflüchtete gebe. Insgesamt sei das Sportangebot in der Stadt zugänglich und offen gegenüber der Teilnahme durch Geflüchtete. Auch ein Ergebnis des positiven Engagements der Friedrichsdorfer Aktivist*innen. Auf Nachfrage bei den Bewohner*innenn, ob sie das Gefühl haben, in Kontakt und Austausch mit der Ortsbevölkerung zu sein, wirkten bei der Bejahung der Frage alle überzeugt.

Zerstochene Fahrradreifen zum Zweiten

Uns wird allerdings erzählt, dass eines morgens, etwa eine Woche vor unserem Besuch, alle Fahrräderreifen vor der Tür zerstochen aufgefunden wurden. Ähnliches ereignete sich zuvor vor der Unterkunft im Rathaus. Für uns alarmierend, doch gebe es bisher laut Sozialarbeiterin keine Hinwiese auf Täter*innen. Die von uns gesprochenen Bewohner*innen äußerten den Wunsch der Aufklärung, gaben aber an, sich hierdurch nicht näher bedroht zu fühlen. Das liege an den sonstigen guten Erfahrungen mit der Ortsbevölkerung.

Ein Lob für die Aktiven im Ort

Zu begrüßen ist zudem die Initiative des Hochtaunuskreises, Deutschkurse bei den Volkshochschulen für alle Geflüchtete zu bezuschussen. Hiermit wird einem Problem entgegengewirkt, welches wir in einer Vielzahl von Landkreisen beobachten: Mit Ausnahme von Menschen aus dem Irak, dem Iran, Syrien und Somalia, haben die Bewohner*innen in der Regel keinen Zugang zu Deutschkursen. Allerdings bleibt offen, wie viele Geflüchtete das Angebot in Friedrichsdorf tatsächlich erreicht. Die von uns gesprochenen jungen Männer beklagten alle, noch immer auf der Warteliste für Deutschkurse zu stehen.

Engagierte Ehrenamtliche und Sozialarbeiter*innen trotz mangelndem Stellenumfanges

Einen positiven Eindruck macht die Zusammenarbeit von Sozialarbeiter*innen und Ehrenamtlichen in Friedrichsdorf. So betreiben Ehrenamtliche vor Ort beispielsweise eine Kleiderkammer und eine Fahrradwerkstatt, die viel Zulauf erhalten.

Ein Lob für das Engagement der Ehrenamtlichen, aber auch der Hauptamtlichen Mitarbeiter*innen gab es auch von den Bewohnern in der Unterkunft. Zwar gebe es keinen Hinweis auf eine offizielle Beschwerdestelle, doch wird die Arbeit der Sozialarbeiter*innen dafür als engagiert, zugänglich und hilfsbereit empfunden.

Besonders anerkennenswert, da der Landkreis für die Sozialarbeiter*innen vor Ort nach ihrer Auskunft nur insgesamt zehn Stunden pro Woche bezahlt. Aus unserer Sicht für 42 Personen viel zu wenig, da dies einen Betreuungsschlüssel von einer Stelle auf 170 Bewohner*innen darstellt und bei Weitem nicht den von uns zusammen mit der Liga der freien Wohlfahrtspflege geforderten Schlüssel von 1:80 entspricht (vgl. hier). 

 Pressestimmen

Was aus der Milupa-Unterkunft in Friedrichsdorf werden soll, interessiert auch die Presse. Nach dem Rundgang und das Fabrikgelände verlassend, warten auch schon Journalisten von der Frankfurter Rundschau und der Taunus-Zeitung auf uns. Sie durften uns nicht ins Gebäude begleiten, also entschieden wir uns ein anschließendes Gespräch vor den Toren des Gebäudes, unter Beisein einer Engagierten vom Arbeitskreis Asyl, zu führen. Einen Einblick in die daraus entstandenen Artikel, finden Sie hier auf unserer Homepage.

Auf zur Nachbarsunterkunft 

Zweite Unterkunft

Um unsere zweite Besuchsadresse des heutigen Tages zu erreichen, brauchen wir die Straße zwar nur ein Stück hoch zu laufen, der Tapetenwechsel fühlt sich allerdings so an, als hätten wir den Ort schon verlassen. Wir befinden uns nun in einer vom diakonischen Werk betriebene Gemeinschaftsunterkunft. Insgesamt sind hier 55 Personen untergebracht, berichtet man uns vor Ort. Hauptsächlich Einzelpersonen, aber auch Familien und Kinder. Bei einem Vorgespräch mit Herrn Wiehler, dem Leiter des diakonischen Werkes und Herrn Hibler, einem Sozialarbeiter des Hauses, erfahren wir, dass die Unterkunft erst vor zwei Jahren eröffnet wurde. Bei der Errichtung und Inbetriebnahme wurde darauf geachtet die Mindeststandards einzuhalten, welche der Flüchtlingsrat zusammen mit der Liga der freien Wohlfahrtspflege fordert.

Dies bedeutet beispielsweise, dass es für diese und eine weitere Unterkunft 1,5 Sozialarbeiter*innenstellen gibt. Mit einem Betreuer*innenschlüssel von 1:96 wird der geforderte Schlüssel von 1:80 zwar noch immer nicht erfüllt, dennoch sind dies im Vergleich zu anderen Unterkünften spürbar andere Verhältnisse.

Diesen Eindruck bekommen wir schließlich auch bei der Begehung der Unterkunft, welche in kleinere Flure und Wohneinheiten unterteilt ist. Eine Architektur, welche das ehemalige Bürogebäude deutlich wohnlicher macht und für mehr Privatsphäre sorgt. Eine Küche, z.T. mit Sitzgelegenheit, wird sich hier von jeweils drei bis fünf Zimmern geteilt.

Gut ausgestattete Küche
Eine selten gut ausgestattete Küche

Zwei größere Familien kommen so schließlich sogar zu ihren eigenen Bädern und Küchen. Darüber hinaus gibt es auch eine für alle Bewohner*innen zugängliche Dachterrasse. Die Bäder sind geschlechtersensibel getrennt. Zudem stehen genügend Waschmaschinen zur Verfügung.

In einem Gespräch mit den Bewohner*innen wird uns gegenüber jedoch auch hier die fehlende Sauberkeit, die fehlende Privatsphäre sowie die Lautstärke als belastend beschrieben. Zwar ist eine externe Firma mit dem Putzen der allgemein zugänglichen Räume beauftragt, dennoch seien diese stets sehr schnell wieder dreckig. Darüber hinaus beklagt eine unserer Gesprächspartnerinnen, dass man keine Wahl darüber hat, mit wem das Zimmer geteilt werden müsse. Dies sei vor allem dann problematisch, wenn man unterschiedliche Schlafrhythmen und Lautstärkepegel habe. Tatsachen, die angesichts einer knapp 60 Personen fassenden Unterkunft nicht verwunderlich sind. Sind dies doch die Themen, welche offensichtlich leider fest mit Großunterkünften einhergehen.

Gemeinschaftsraum mit viel Kinderangebot
Gemeinschaftsraum mit viel Kinderangebot

Kinderspielsachen 2

Die Einbindung von ehrenamtlichem Engagement wirkt auch hier positiv. Zum regelmäßigen Angebot gehören beispielsweise gemeinsames Kochen und Spieleabende. Im Gemeinschaftsraum, wo das meiste Angebot stattfindet, stehen zwei Computer und viele Kinderspielsachen. Schade nur, dass der so gut ausgestattete Gemeinschaftsraum nur unter Betreuung geöffnet ist und es noch kein WLAN gibt. Uns fällt der Spielplatz auf, den es seit etwa einem Jahr gibt und eine Abdeckung für die Fahrräder vorm Haus. Positiv überrascht hat uns außerdem das Angebot einer Ehrenamts-Supervision.

Die Nachbarschaft sieht etwas wohnlicher aus, der ungemütliche Charme eines Gewerbegebietes bleibt leider jedoch bestehen. Es gibt Einkaufsmöglichkeiten und auch eine Schule, aber einen richtigen Anschluss zu einer Nachbarschaft, beispielsweise mit Spielplätzen und Fußgängerzonen, sehen wir hier nicht.

 

Fazit

Deutliche Kritik an der Milupa

Der hessische Flüchtlingsrat legt dem Hochtaunuskreis nahe, das Milupa-Gebäude als Geflüchtetenunterkunft so schnell wie möglich zu schließen. Die Zustände sind auf vielen Ebenen zu kritisieren und entsprechen vielfach nicht den vom Flüchtlingsrat geforderten Anforderungen:

  • Die sanitären Anlagen sowie die Ausstattung in der Küche sind für die Anzahl der Bewohner*innen nicht ausreichend.
  • Die Inbetriebnahme eines weiteren Gewerbekomplexes als alternative zum Milupa-Gebäude lehnen wir ab. Es ist zu befürchten, dass hier viele der mit Großunterkünften einhergehenden Probleme bestehen bleiben. Die grundlegenden Konfliktherde Hygiene und fehlende Privatsphäre aufgrund von Platzmangel werden durch die neue Unterkunft nicht ausgeräumt werden können. Durch die Investition in einen weiteren Gewerbekomplex legt der Hochtaunuskreis leider ein weiteres Zeichen für die Fortsetzung von Lagerpolitik im Landkreis.
  • Statt mittel- und langfristig u.U. gar kostengünstiger Wohnungen zu planen, ist zu befürchten, dass der Umbau eines zum längeren Wohnen nicht geeigneten Gebäudes unnötig viel Geld kosten wird.
  • Die Politik, jahrzehntelang zu wenig in den sozialen Wohnungsbau zu investieren, fällt dem Kreis nun auf die Füße.
  • Der hessische Flüchtlingsrat empfiehlt dem Hochtaunuskreis, auf kleinere Wohneinheiten und -gemeinschaften zu setzen und dort, wo es möglich ist, den sozialen Wohnungsbau voranzutreiben.

Auch die von der Diakonie betriebene Unterkunft bleibt eine Großunterkunft, trotz hoher Standards

Die vom diakonischen Werk betriebene Unterkunft im Friedrichsdorfer Gewerbegebiet weist einen vergleichsweise hohen Wohnstandard auf. So schafft es die Diakonie, viele der „Mindeststandards zur Unterbringung, Versorgung und Betreuung Asylsuchender in Hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen“ einzuhalten, die vom Hessischen Flüchtlingsrat sowie der Liga der Freien Wohlfahrtspflege Hessen  gefordert werden. Trotz der für Gemeinschaftsunterkünfte vergleichsweise hohen Unterbringungsstandards, wird die Zahl der von der Liga empfohlenen Höchstbelegung mit 50 Personen überschritten. Auch hier kommt es zu typischen Problemphänomenen bei zu vielen Personen, die sich Küche und Bad teilen müssen. Privatsphäre und Sauberkeit werden in aller Regel auf Dauer als belastend empfunden. In Privatwohnungen würden die Bewohner*innen natürlich bevorzugt wohnen wollen.

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Hochtaunuskreis I – Die Lagertour in Oberursel

Alles neu?


Charlotte Hankemeier, 26.09.2016: Wir machen uns wieder auf den Weg. Diesmal geht es nach Oberursel – in der hessischen Lagerlandschaft bekannt für eine der ältesten und schäbigsten Containerunterkünfte für Geflüchtete und gleichzeitig für die vielen aktiven Initiativen vor Ort. Vertreter*innen zweier dieser Initiativen – den Teachers on the road Oberursel und dem Refugee Cafe Oberursel – begleiten uns heute.

Bereits während der Hinfahrt im Auto erzählen sie uns von den aktuellen Kämpfen, die es um die berüchtigte Containerunterkunft in den letzten Wochen gab. Auch wenn die Schließung der Containerunterkunft seit Jahren versprochen wurde, bedurfte es unzähliger Interventionen durch die Zivilgesellschaft, bis nach fast 26-jährigem Bestehen, eine Woche vor unserem Besuch, endlich die letzten Bewohner*innen ausziehen konnten. Diese Schließung hätte kaum überfälliger sein können. So gut wie alle Betroffenen dürften dementsprechend froh gewesen sein, diesen Ort hinter sich lassen zu können, dennoch sind einige gleichzeitig auch wütend und enttäuscht über die Lage und Beschaffenheit ihrer neuen Unterkünfte. Nicht alle dürfen in die neu gebaute Containerunterkunft nebenan ziehen, einige wurden in den letzten Wochen gegen ihren Willen in andere Ecken des Landkreises verteilt und damit aus ihrem mitunter mühsam aufgebauten sozialen Umfeld gerissen.

Genau wie gegen die Existenz der alten Containerunterkunft sind auch hier Betroffene und Unterstützer*innen gemeinsam gegen die Zwangsverlegungen aktiv geworden – in Form von offenen Briefen, Demonstrationen und zuletzt mit Sitzblockaden. Zum Teil mit Erfolg: Der Landkreis reagierte schließlich mit dem Angebot, den betroffenen Asylsuchenden doch eine Unterbringung in Oberursel zu ermöglichen, wenn sie bestimmte Bindungen nachweisen können. Dazu zählen beispielsweise ein Arbeitsplatz oder der Besuch einer Schule vor Ort. Unsere Begleiter*innen sind allerdings skeptisch, inwiefern dies auch so umgesetzt wird.

Die bereits anerkannten Geflüchteten sollen jeweils zu viert in dafür neu gekaufte Wohnwagen, die auf einem Parkplatz in Oberursel abgestellt sind, umziehen. Zum Hintergrund: Spätestens ab einer Anerkennung im Asylverfahren sind Geflüchtete in Deutschland berechtigt, aus den ihnen zugewiesenen Gemeinschaftsunterkünften auszuziehen. Aufgrund der Lage auf dem Wohnungsmarkt im Rhein-Main-Gebiet ist dies aber leider oft nur Theorie – in der Praxis finden sie häufig keine Wohnung und sind so weiterhin auf eine Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften angewiesen.

Abschreckung wie aus dem Bilderbuch – die alte Containerunterkunft

 

Für uns nur von außen zu sehen: die alte Containerunterkunft.
Für uns nur von außen zu sehen: die alte Containerunterkunft.

Nach diesen Berichten sind wir sehr gespannt, was wir vor Ort vorfinden. Von dem Protest der vergangenen Tage ist auf den ersten Blick nichts mehr zu sehen. Die Szenerie um die alte und neue Containerunterkunft – nur einen Steinwurf voneinander entfernt – wirkt eher ruhig. Allerdings wird uns der Zutritt zu beiden Unterkünften vor Ort verwehrt. Ein Blick auf die alte, heruntergekommene Containerunterkunft von außen reicht aber, um uns die Trostlosigkeit dieses Ortes vor Augen zu führen. Untermauert wird dieser Eindruck von eigenen Erinnerungen an frühere Besuche, Erzählungen unserer Begleiter*innen sowie aktuellen Fotos, die sie uns vom Inneren der Container zeigen: teilweise nackter Betonboden, eine mehr als spartanische Ausstattung, kombiniert mit Müll und Dreck, der nicht wegzugehen scheint. Es sieht eben so aus, wie es wohl aussieht, wenn einfachste Container genutzt werden, um über 25 Jahre mehrere hundert Menschen unterzubringen. Zuletzt haben hier um die 200 Personen gewohnt. Traurig, dass der Hochtaunuskreis – laut Focus 2013 unter den Top 20 der reichsten Kommunen Deutschlands – so lange Menschen unter diesen Bedingungen hat leben lassen.

Besser als vorher – die neue Containerunterkunft

 

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…links die alte, rechts die neue Unterkunft.

Doch glücklicherweise gehört dies nun der Vergangenheit an und wir müssen uns nur einmal umdrehen, um die neu gebaute Alternative zu sehen: wieder eine Containerunterkunft. Diesmal aber immerhin von außen und innen verputzt. Zumindest von weitem sieht man ihr nicht an, dass sie aus Containern besteht. Auch wenn sie ebenfalls im Gewerbegebiet liegt und somit nicht in eine Nachbarschaft integriert ist, gibt es zumindest Sportplätze sowie Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe und auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind fußläufig zu erreichen. Das Innenleben können wir diesmal durch ein Video, spontan von einem Bewohner auf dem Handy gedreht, sehen. Rein dürfen wir wieder nicht. Vermutlich aus Angst vor weiteren Protesten und ihren Akteur*innen wurde eine Sicherheitsfirma beauftragt dafür zu sorgen, dass nur die Bewohner*innen die Unterkunft betreten. Nicht mal seinen Freunden aus dem Fußballclub durfte er sein neues Zimmer zeigen, wie der Bewohner enttäuscht berichtet.

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Auch Container – diesmal verputzt.

Draußen können wir uns mit ihm unterhalten und bekommen dabei sogar Kaffee von den Mitarbeitern der Sicherheitsfirma. Unser Gesprächspartner kommt aus Afghanistan und wirkt recht zufrieden mit seiner neuen Bleibe. Er erzählt, alles sei sehr sauber, ordentlich und eben neu. Zwei Menschen würden sich jeweils ein Zimmer teilen. Auch auf uns macht die Unterkunft für eine Containerunterkunft zunächst einen guten Eindruck und wir freuen uns gemeinsam mit unserem Gesprächspartner über diese deutliche Verbesserung. Bezogen auf die Unterkunft bedauert er allerdings, dass es bisher keinen Internetzugang für die Bewohner*innen gibt und uns fällt negativ auf, dass laut seiner Aussage ein Gemeinschaftsraum fehlt. Erfahrungsgemäß ist dieser zentral, um den Austausch zwischen den Bewohner*innen und ehrenamtlichen Unterstützer*innen zu erleichtern. Glücklicherweise haben sich die Initiativen in Oberursel inzwischen an diesen Mangel gewöhnt und sich an anderen Orten unterschiedlichste Räume für die Deutschkurse und offenen Treffen angeeignet. Wir verabschieden uns und steigen wieder ins Auto.

Dreams come true? – Wohnwagen für anerkannte Geflüchtete

 

Wir fahren zu den Wohnwagen, von denen wir heute schon so viel gehört haben. Hier sollen die bereits anerkannten Geflüchteten aus der alten Containerunterkunft hinziehen.

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Kaum erkennbar, ganz am Ende des Parkplatzes: die Wohnwagen.
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…da bleiben wir sehr skeptisch hier.

Dort angekommen fällt uns sofort das Graffiti an der Mauer hinter den Wohnwagen ins Auge: „Dreams come true“ steht dort in bunten Buchstaben geschrieben. Dass mit dieser Unterkunft die Träume der Bewohner*innen wahr werden, bezweifeln wir. Der Anblick, der sich uns bietet, lässt anderes vermuten. Akkurat aufgereiht und eingezäunt stehen hier acht Wohnwagen am Ende eines großen Parkplatzes – wie auf dem Präsentierteller. Ein Baum oder eine andere Form des Sichtschutzes fehlen.

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Selbst Campingplatzidylle sieht anders aus.

Wir wurden von einigen Bewohner*innen, die hier alle nun seit ein paar Tagen wohnen, eingeladen und betreten einen Wohnwagen. Dort nehmen wir mit zwei Bewohner*innen und den beiden Vertreter*innen der Initiativen am Tisch Platz. Uns wird schnell vor Augen geführt, dass die Einrichtung vielleicht für ein paar Tage im Urlaub ausreicht, aber keinesfalls für den täglichen Gebrauch gemacht ist: Während wir am Tisch etwas über unsere Eindrücke notieren wollen, müssen die Teetassen angehoben werden, damit nichts verschüttet wird. Und aus der geschlossenen Dusch- und Toilettenkabine lässt sich das am Tisch stattfindende Gespräch genauso gut verfolgen und auch fortführen, als säße man einen Meter weiter selbst am Tisch. Alles nichts Ungewöhnliches für einen Campingwagen, doch ist ein Campingwagen üblicher Weise eben ein Provisorium. Kaum vorstellbar wie es aussehen wird, falls hier vier Menschen auf Dauer wohnen müssen. Bestätigt wird unsere Wahrnehmung durch verschiedene Aufkleber, die noch an einigen Stellen kleben: Der Ort, an dem wir uns befinden, heißt dort „holiday home“.

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Die Dusch – und Toilettenkabine.

Die beiden Bewohner*innen empfinden ihre Situation hier als sehr beengend. In einem Wohnwagen von 32 Quadratmetern sollen vier Menschen leben. Auf dieser Fläche sind nicht nur zwei Schlafzimmer für jeweils zwei Personen, sondern auch noch die Küche, das Bad mit Dusche und Toilette und der Aufenthaltsbereich untergebracht. Nur die Waschmaschinen sind in einem separaten Container am Eingang des umzäunten Gebietes untergebracht. Rückzugsmöglichkeiten und Stauraum sind praktisch nicht gegeben. Dass geflüchtete Menschen auch Dinge besitzen, die sie irgendwo unterbringen müssen, scheint nicht bedacht worden zu sein. Von anderen Bewohner*innen hören wir später auch die Kritik, dass es keine abschließbare Aufbewahrungsmöglichkeit – beispielsweise für wichtige Dokumente – gibt. Die Bewohnerin, die mit uns am Tisch sitzt, bemängelt vor allem die Hellhörigkeit. Sie muss um halb fünf morgens aufstehen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen und wird dann wohl auch alle anderen im Wohnwagen wecken. Als Zuckerbrot im Sinne der Redewendung empfinden sie die beiden Flachbildschirme, die in jedem der Zimmer an der Wand angebracht sind.

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Küche, Wohnbereich und Stauraum.

Insgesamt ist große Enttäuschung zu spüren. Nach fast 26 Jahren Containerunterkunft haben sie sich etwas Anderes vorgestellt, wie uns der Bewohner, in dessen neuem Zuhause wir uns gerade befinden, mitteilt. Seine Geschichte ist diesbezüglich besonders tragisch. Er erzählt, dass er schon eine Wohnung gefunden hatte, aus der er aber wieder ausziehen musste, nachdem die Miete vom zuständigen Amt drei Mal nicht pünktlich überwiesen worden sei.

Es bleibt zu hoffen, dass die Unterbringung der anerkannten Geflüchteten hier tatsächlich eine kurze Übergangslösung darstellt, so wie es auch die Wohnwagen suggerieren. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt lässt leider anderes vermuten. Dabei zeigt sich einmal mehr, wohin das Versäumnis, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, führt. Dementsprechend kann eine mittel- und langfristige Lösung nur aus einer veränderten Wohnraumpolitik bestehen, die sich an den Bedürfnissen der Bewohner*innen einer Stadt ausrichtet.

Wieder im Auto bekommen wir von einem unserer Begleiter*innen Artikel über die sogenannten Mobilheime aus einer Lokalzeitung vom Frühjahr 2016 in die Hand gedrückt. Dort werden die Privatsphäre und die niedrigen Kosten gelobt. Ein Wohnwagen ist dort sogar für acht Menschen vorgesehen. Die Unterbringung wird als schnelle Lösung, die gleichzeitig menschenwürdig ist, beschrieben. Hört man den hier nun lebenden Menschen zu, vernimmt man ganz andere Töne – als menschenwürdig empfinden sie es nicht.

Zum Schluss…

Es ist nicht leicht, nach so einem Tag ein Fazit zu ziehen. Dem Kreis gehört wahrlich keine Trophäe dafür verliehen, dass es nahezu 26 Jahre gedauert hat, bis diese schäbige Containerunterkunft geschlossen wurde. Die neue Containerunterkunft, zumindest das, was wir sehen konnten, sieht aber zum Glück ganz ordentlich aus. Auch der Bewohner, mit dem wir sprechen konnten, wirkte zufrieden. Doch gehört er auch zu denjenigen, die auch weiterhin in Oberursel und in der neuen Containerunterkunft untergebracht wurden. Wenn so viel Zeit vergeht, dann sollte auch genug Zeit dafür sein, für alle Menschen, die in Oberursel bleiben wollen, eine Unterkunft in Oberursel zu finden. Wenn Menschen, nachdem sie sich eingelebt haben, zwangsweise wieder umziehen müssen, wird die viel gelobte Integration durch Behördenentscheidungen konterkariert.

Mit den Wohnwagen wurde immerhin versucht eine Lösung für das Problem zu finden, dass viele Geflüchtete nach der Anerkennung im Asylverfahren keine Wohnung finden. Mit der Umsetzung sind die Betroffenen, mit denen wir gesprochen haben, aber keinesfalls einverstanden. Auch für vier Menschen sind diese Wohnwagen zu klein und offensichtlich nicht für eine dauerhafte Unterbringung ausgelegt.

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