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Kategorie: Alle Landkreise

Zu Besuch in der Garage

Miriam Modalal, 05.09.2016: Die Tour geht weiter und diesmal nach XXX*. Uns führte der Anruf einer engagierten Ehrenamtlichen hierher. Sie erzählte uns von zwei Familien, die jeweils in einer PKW-Garage untergebracht seien. Die Vorstellung von der Umsetzung dessen fiel uns zunächst schwer, doch vor Ort konnten wir uns ein reales Bild eines Lebens in einer Garage machen. Das Bild war erschreckend.

Angekommen im schönen und verschlafenen Ort, werden wir von unserer Kontaktperson in einer Eisdiele für ein Vorgespräch empfangen. Wir erfahren, dass in der knapp 10.000-Bewohner*innen-Stadt ca. 200 Geflüchtete in vier Unterkünften untergebracht sind. Ein weiteres Haus nur wenige hundert Meter entfernt, wird gerade als weiterer Wohnort vorbereitet.

Klein, dunkel und kalt

 

Gemeinsam machen wir uns auf zum Fachwerkhaus, in dem nach Informationen der Bewohner*innen etwa 43 Geflüchtete untergebracht sind. Im Erdgeschoss ist eine große Ladenzeile platziert, von der wir keine Fotos machen durften. Die meisten Geflüchteten leben eine Etage darüber im Haus. Zwei Familien wohnen nebenan in jeweils einer Garage, in die ’normalerweise‘ jeweils ein PKW passen würde.
Wir folgen  der Einladung und betreten eine der beiden Garagen. Uns fällt eins sofort auf: es ist dunkel und kalt. Die kahlen Wände wirken beengend und verursachen, zusammen mit dem Betonboden, eine spürbare Kälte. Es gibt so gut wie keine Fensterfläche, deshalb kommt auch kaum Licht rein. Man betritt als Erstes einen Miniflur, zur linken Hand liegt eine Mini-Küchenzeile, dahinter das Mini-Bad, rechte Hand eine Mini-Schlafzelle für die Tochter der Familie und daneben das Wohn- bzw. Schlafzimmer des Ehepaars.

Die darin seit zweieinhalb Jahren lebende Familie empfängt uns sehr herzlich im von der Autogarage zum Wohnzimmer umfunktionierten Raum. Wir sitzen mit Tee auf ihrem Teppich, der versucht den Beton zu verdecken. Für einen kurzen Moment kommt das Gefühl von Gemütlichkeit auf. Die Familie hat tatsächlich versucht in den kleinen Betonkasten Leben zu zaubern.
Blumen, Teppiche und viele Bilder. Nach 5 Minuten des Beisammensitzens erschlägt einen jedoch die stickige Luft und der Schimmel, der in der Luft hängt. Vom Boden und den Wänden kriecht die Feuchtigkeit hoch. Auch Frau Mansur* erzählt, der Boden sei nicht eben und feucht. Seit Jahren kämpfen sie mit dem Schimmelbefall. Zweimal sei bereits jemand da gewesen, um dann allerdings lediglich die Stellen an der Wand überzustreichen und einen Holzvorbau an der Außenwand anzubringen. Es scheint, als wurde allerhöchstens oberflächlich versucht das Problem zu beheben.

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Schimmel ist hier nichts ungewöhnliches.

 

Die Müllhalde vorm Fenster

Die Aussicht aus dem Fenster ist alles andere als schön. Sie lässt im wahrsten Sinne des Wortes auf eine Müllhalde blicken: Der Müll des vorderen Geschäfts und aller Bewohner*innen des Fachwerkhauses steht direkt unter dem Fenster. Herr Mansur öffnet auf Nachfrage freundlicherweise das Fenster für uns. Kurz habe ich mir gewünscht, er hätte dies nicht getan. Der Gestank des Mülls macht sich sofort breit. Mit demselben Problem hat die Familie zu kämpfen, wenn sie die Garagenvordertür zum Lüften öffnet. Im Sommer sei es unerträglich, was wir mit unserem Besuch an einem warmen Sommertag bestätigen können. Außerdem hat die Familie immer wieder mit ungeladenen Gästen zu kämpfen, wenn sie die Tür öffnet: Ratten. Hinter der Müllhalde fließt ein Bach, zusammen die perfekte Brutstätte für Ratten. Ein weiterer unerträglicher Gestank macht sich aus der Toilettenzelle breit. Herr Mansur demonstriert uns wenige Minuten lang, was passiert, wenn die Tür geöffnet wird: es stinkt nach abgestandenem Urin. Er erklärt uns, dass die penetranten Gerüche auch dann nicht verschwinden, wenn er den ganzen Tag putzt. Die Wohnung sieht in der Tat sehr sauber aus. In der Toilettenzelle befindet sich kein Waschbecken, Zähne putzen und Hände waschen muss die Familie in der Küchenspüle erledigen. Ich bitte Herrn Mansur die Tür schnell wieder zu schließen.

Das Ehepaar ist sich längst einig, sie müssen dort ausziehen und das so schnell wie möglich. Der Grund sind ihre realen Sorgen um die Gesundheit der dreiköpfigen Familie.

Der Schimmel und Müllgestank beeinträchtigt die Atmung der Familie massiv. Die Tochter, die in der kleinen Schlafzelle untergebracht ist, bekommt nachts kaum Luft, wird uns berichtet. Das sehr kleine Fenster dieses Raumes liegt direkt an den Mülltonnen. Und die Familie kann aus besagten Gründen nur kurz die Tür zum Lüften öffnen. Außerdem würde die Tochter aus Platzmangel und Scham keine*n  Schulfreund*in mit nach Hause bringen, berichtet die Mutter. Man bemerkt die Sorge in Frau Mansurs Gesicht, wenn sie darüber spricht. Sie selbst leidet aufgrund der Feuchtigkeit in Wänden und Boden unter Rheuma. Aufgrund des schwierigen Zugangs zu medizinischer Behandlung während des Asylverfahrens,  verschlechtert sich ihr Zustand stetig. Solange sie nicht anerkannt sind, kann die Familie aber auch nicht in eine eigene Wohnung ziehen.  Frau Mansur erzählt uns auch von ihren psychischen Leiden. Sie spricht von Angstträumen, Sorgen und Depression. Das Leben in der Garage belaste und verfolge sie. Die Gedanken an ihre Fluchtgeschichte und die traumatischen Erlebnisse im Heimatland verstärken sich, je schlimmer die Situation in der Garage wird. Dort zu sein „engt mir das Herz ein“, sagt uns Frau Mansur. Sie könne sich an keinen wirklich glücklichen Tag in den letzten zweieinhalb Jahren erinnern. Seit kurzer Zeit besucht sie eine therapeutische Anlaufstelle für Geflüchtete und zeigt uns ihre Psychopharmaka, ohne die sie nachts nicht schlafen kann. Im Moment plagt sie die Befürchtung, dass sich der Schimmel in den kommenden Wintermonaten wieder verbreitet.

Wir besuchen auch noch die zweite Garage. Die dort wohnende Familie berichtet uns von ähnlichen Problemen und Sorgen. Auch hier leidet das Ehepaar wegen der Feuchtigkeit unter Rheuma und zunehmender körperlicher, sowie psychischer Beeinträchtigung. Auch hier gibt es nur ein sehr kleines Fenster und das Licht kommt fast ausschließlich aus der Neonröhre. Der Müll ist hier etwas weiter weg.  Ein Problem weniger also, mit dem diese Familie täglich zu kämpfen hat.

Warum das Garagenleben kein Ende nimmt?

Mehrere Appelle der Bewohner*innen an das Sozialamt, die Garagen als Wohnzellen zu schließen, blieben bisher vergeblich. Das Fachwerkhaus zusammen mit den Garagen wird vom Kreis betrieben. Der Kreis mietet das Haus von einer Privatperson. Der vorherige Besitzerin betreut das Haus nun als Hausmeisterin und hält sich etwa die halbe Woche vor Ort auf.

Als Flüchtlingsunterkunft  wird das Haus wohl schon seit Jahrzehnten genutzt. Zu Beginn haben Geflüchtete aus Bosnien und dem Kosovo hier gelebt. Bei Problemen müssen sich die Bewohner*innen an die Hausmeisterin wenden. Das führe aber meist nicht zur erhofften Lösung, sondern vielmehr zum Gegenteil. Herr Farohan* aus der zweiten Garage sagt „sie behandelt uns wie Tiere“. Wenn die Vordertür kurz zum Lüften geöffnet wird, kommt sie und beschwert sich darüber. Will man Besucher*innen empfangen, bedarf es einer Anmeldung und für eine Übernachtung von Besucher*innen verlangt sie 35 Euro pro Person. Lautes Telefonieren wird gerügt, so auch, wenn Kinder im Innenhof spielen. Ab und zu fielen Aussagen von ihr wie „Warum bist du faul und arbeitest nicht?“ oder „Du nimmst dem Staat das Geld weg, Deutschland hat kein Geld für Flüchtlinge“. Herr Farohan beschreibt die Hausmeisterin als „Mafia“und nicht als Person, an die man Probleme betreffend der Wohnsituation herantragen kann. Ein weiteres Problem ist das fehlende Internet, denn der Empfang ist in den Garagen sehr schlecht.

Auf Initiative der Ehrenamtlichen, die uns auf die Garage aufmerksam gemacht hat,  wurde das Gesundheitsamt eingeschaltet, welches daraufhin einen Besuch abstattete. Es attestierte den Bewohner*innen eine hohe Gesundheitsgefährdung und forderte die sofortige Behebung der Ursachen. Nach Auskunft der Familie Mansur wurde seitdem allerdings nur an der Oberfläche gekratzt. Der Schimmel wurde überstrichen, aber nicht seine Ursache bekämpft. Laut der Ehrenamtlichen scheint das Gesundheitsamt damit aber bereits zufrieden zu sein.

Abgesehen von der Garage

Es geht auch anders, wie man an der Aussage der Unterstützerin über eine andere Unterkunft im selben Ort erkennen kann. Dort sind Geflüchtete in einzelnen Wohnungen untergebracht. Auch das Fachwerkhaus, welches zu den Garagen gehört, sieht im Vergleich besser aus. Als negativ empfinden die hier wohnenden Menschen allerdings die belastende Lautstärke durch das bis spät geöffnete Geschäft im Erdgeschoss, sowie die Tatsache, dass es nur eine einzige Toilette für alle gibt.
Trotz der überschaubaren Größe der Stadt und der Anzahl hier lebendender Geflüchteter, erzählen die Bewohner*innen, dass das ehrenamtliche Engagement, insbesondere durch die Kirche, sichtbar und spürbar ist. Frau Mansur hat beispielsweise Kontakt zu mehreren Frauen aus dem Ort, die sie regelmäßig trifft und die sie unterstützen. In den Gesprächen während des Tages wird deutlich, dass sich die Geflüchteten grundsätzlich wohl fühlen in der Stadt. Die Stadt sei zwar klein, aber freundlich und nett. Von unserer ehrenamtlichen Kontaktperson erfahren wir, dass es ein Fußball- und Sportangebot gibt und Ehrenamtliche eine Kleiderkammer und Fahrräder für Geflüchtete organisieren. Es wird aber als schwierig empfunden, sich hier ein echtes Leben aufzubauen. Die Arbeitsperspektiven seien sehr begrenzt. Raus aus dem Ort zu kommen ist durch den öffentlichen Nahverkehr auf bis 18 Uhr beschränkt. Dies erschwert natürlich auch die Wohnungssuche. Auch Deutschkurse sind teilweise schwer zugänglich. Angebote im Ort selbst werden lediglich durch zwei Ehrenamtliche gestemmt. Der Raum dafür kommt von der Kirche. Der Zugang zu den Willkommenskursen des Kreises außerhalb des Ortes ist nicht immer gewährleistet und mit Wartezeiten verbunden. Unsere Gesprächspartnerin wünscht sich mehr Wohlwollen und Unterstützung durch die Stadt selbst. So gab es früher einen Raum für Ehrenamtliche von der Stadt, diesen oder eine Alternative wünschen sich die Engagierten zurück.
Der Hessische Flüchtlingsrat unterstützt die Bitten und Forderungen der Ehrenamtlichen und Garagenbewohner*innen: die sofortige Schließung und Außerbetriebnahme. Zudem wäre ein Ausbau der Deutschkurse und die Unterstützung der Engagierten durch Räumlichkeiten wünschenswert. Wir freuen uns über positive Beispiele wie die erwähnten Wohnungen nur einige hundert Meter weiter und bekräftigen den Kreis sowie die Stadt  darin einen Ausbau von privatem Wohnraum für Geflüchtete zu fördern.

Den beiden Familien wünschen wir eine hellere Zukunftsperspektive und bedanken uns für die Offenheit und das Vertrauen.


* Auf Wunsch der Betroffenen wurde dieser Artikel zunächst zurückgehalten. Namen und Örtlichkeiten, sowie weitere Angaben im Text wurden verändert, da die Betroffenen Repressionen durch die ehemalige Hausbesitzerin befürchten. Der Hessische Flüchtlingsrat respektiert den Wunsch der Betroffenen.

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Der Flüchtlingsrat im Schwalm-Eder-Kreis – Zwischen dezentraler Unterbringung, Vorzeigeunterkunft und Isolation

Fritz Rickert, 27.03.2017: Schon während der Recherche wurden wir von Hauptamtlichen auf ganz unterschiedliche Wohnsituationen im Schwalm-Eder-Kreis aufmerksam gemacht. Mehr als zwei Drittel der Asylsuchenden, die dem Schwalm-Eder-Kreis zugewiesen werden, wird dezentral und verteilt auf das gesamte Kreisgebiet in Wohnungen untergebracht. Ein Engagement des Kreises, welches deutlich zu begrüßen ist. Zugleich wurden wir jedoch auch auf eine Vielzahl sogenannter Gemeinschaftsunterkünfte hingewiesen, in denen die Lebenssituation der Bewohner*innen sehr unterschiedlich sei. Wir erfahren beispielsweise von einer sehr gut funktionierenden Unterkunft mit einem speziellen Konzept zur Unterbringung von Frauen. Uns wird jedoch auch von einer Unterkunft berichtet, die – obgleich sie bereits seit Jahren einen besonders schlechten Ruf genießt – immer noch betrieben wird.

 

Gemeinschaftsunterkunft mal anders – Ein geschützter Ort für Frauen und Kinder

Schon bei unserer Ankunft auf dem Gelände eines ehemaligen Jobcenters in Schwalmstadt, fällt die entspannte Atmosphäre unter den Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen auf. Kinder spielen auf dem Parkplatz und grüßen zusammen mit weiteren Bewohnerinnen. Das zweistöckige und erst vor Kurzem renovierte Gebäude liegt freistehend direkt an einem Wohngebiet. Die zwei Sozialarbeiterinnen, sowie die in der Kreisverwaltung für Flüchtlingsbetreuung zuständige Person erwarten uns bereits.

Die Frauenunterkunft von außen.

Später wird noch der Kreisgeschäftsführer des Roten Kreuzes, welches die Unterkunft betreibt, zu uns stoßen. Im Büro der Sozialarbeiterinnen erläutert man uns das Konzept der Unterkunft:

Erst im Mai 2016 eröffnete die hier von uns besuchte Unterkunft. Konkret handelt es sich um eine Unterkunft, in der ausschließlich Frauen und ihre Kinder untergebracht werden und in die – mit wenigen Ausnahmen – Männer keinen Zutritt haben. Hintergrund der Motivation für ein solches Konzept, so berichtet uns die Angestellte der zentralen Betreuungsstelle des Landkreises, seien häufig zu beobachtende Konflikte in Gemeinschaftsunterkünften und entsprechende Klagen von Frauen gewesen. Ihre Ausführung erinnert zunächst an Frauenhauskonzepte. Dennoch, so die Mitarbeiterin der Betreuungsstelle des Kreises, sei die Unterkunft nicht mit einem solchen zu vergleichen: Die Bewohner*innen hätten alle einen eigenen Schlüssel für Haus- und Zimmertür. Ein spezielles Schutzkonzept, wie dies in Frauenhäusern üblich ist, gäbe es jedoch nicht. Die Frauenunterkunft in Schwalmstadt stelle die erste Unterkunft ihrer Art im Landkreis dar, berichtet die Kreisangestellte weiter. Zum Zeitpunkt unseres Besuches sind hier ca. 60 Personen untergebracht. Von diesen seien etwa die Hälfte Kinder.

 

Gute Personalsituation

Die Personalsituation ist im Vergleich zu unseren bisherigen Erfahrungen auffällig gut. Hierauf sei besonders Wert gelegt worden, berichtet uns der Kreisgeschäftsführer des roten Kreuzes. Neben den wöchentlichen Sprechstunden der vom Kreis angestellten Sozialarbeiter*in, ist eine weitere Sozialarbeiterin eigens für diese Unterkunft vom Roten Kreuz angestellt. So ist es möglich, tägliche Sprechzeiten anzubieten. Diese werden auch gebraucht, denn – so die Sozialarbeiterin der Unterkunft – genug zu tun gäbe es immer. Unterstützungsbedarf bestehe insbesondere bei der herausfordernden Organisierung von Kitaplätzen, Schulzugängen und anderen Ämterbesuchen.

Neben den Sozialarbeiterinnen, gibt es zudem eine Person, die sich mit 25 Stunden pro Woche um Hausmeister*innentätigkeiten sowie zum Beispiel um die Ausgabe von Putzutensilien oder der Verleihung eines Laptops für den Internetzugang kümmert. Weitere Unterstützung gibt es darüber hinaus durch eine Frau, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Unterkunft leistet.

 

Gute Organisation und Atmosphäre

„Es braucht Akzeptanz. Die Leute müssen sich wohlfühlen, damit es klappt“, erklärt die vom Kreis anwesende Person. Der anschließende Rundgang durch die Unterkunft vermittelt, dass diesem Ansatz hier weitestgehend nachgekommen wird.

Die Architektur macht viel aus: Der helle Empfangsbereich stellt für die Bewohner*innen einen Treffpunkt dar.
Die Architektur macht viel aus: Der helle Empfangsbereich stellt für die Bewohner*innen einen Treffpunkt dar.

Zum Zeitpunkt unseres Besuches sind sowohl viele Kinder in der Schule als auch erwachsene Bewohnerinnen bei Sprachkursen oder anderweitig unterwegs. Die Atmosphäre im Haus erscheint entspannt. Dies mag möglicherweise auch an der, zum Zeitpunkt unseres Besuches, geringen Präsenz von Bewohner*innen liegen, sowie an der Belegung von nur zwei Dritteln der verfügbaren Betten.

Grundsätzlich wirkt die Unterkunft einladenden und für ihren Zweck angemessen organisiert.

Die Flure sind breit geschnitten und hell. An den Wänden hängen mehrsprachige und liebevoll gestaltete Informationstafeln, sowie von Kindern gemalte Bilder. Der Empfangsbereich bietet den Bewohner*innen Sitzgelegenheiten und auch den Kindern Raum zum Spielen.

Im Gespräch mit den Bewohnerinnen wird deutlich, dass sie sich sicher und relativ gut aufgehoben fühlen. „Alles gut“, berichtet uns Eine. Eine weitere Bewohnerin gibt auf Nachfrage an, dass sie sich ebenfalls sicher fühle.

Ein großer Gesellschaftraum ermöglicht ehrenamtliches Engagement

Raum zum gesellschaftlichem Miteinander bietet neben dem Empfangsbereich ein großer Gemeinschaftsraum in der oberen Etage. Neben einer Spielecke für Kinder, einem wöchentlichen Mutter-Kind-Angebot sowie einem ebenso häufig stattfindenden Malkurs für Frauen, bietet er auch zwei Mal die Woche Raum für ehrenamtliche Deutschkurse.

 

Der Kreis bemüht sich um Deutschkurse für alle

Die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unterstützten Deutschkurse im Rahmen des Integrationskurses sind während des Asylverfahrens ausschließlich Menschen aus Eritrea, Somalia, Iran, Irak, Syrien und Jemen vorgesehen.

Geräumig, gut ausgestattet und viel genutzt: Der Gemeinschaftsraum.
Geräumig, gut ausgestattet und viel genutzt: Der Gemeinschaftsraum.

Obwohl der Landkreis die Relevanz von Deutschkursen für Asylsuchende erkannt hat und entgegen der diskriminierenden Praxis des Bundesamtes jeder asylsuchenden Person einen 50-Stündigen Deutschkurs an der VHS finanziert, bleibt der Besuch professioneller Deutschkurse in der Regel etwas Exklusives. Die Wartelisten der Integrationskurse, als auch der vom Landkreis unterstützten Kurse sowie weiterer professionellen Angebote seien lang und es würde in der Regel Monate dauern, bis ein entsprechender Deutschkurs besucht werden könne. Es fehlt an Personal, so die Auskunft des Kreises. Vor diesem Hintergrund sind die im Gemeinschaftsraum stattfindenden ehrenamtlichen Deutschkurse besonders wertvoll.

 

Verbesserungsmöglichkeiten

Die Bewohner*innen werden auf zwei Etagen in 25 Schlafräumen mit einer Größe von 15-28 Quadratmetern untergebracht.

Enge Wohnverhältnisse gibt es auch hier.
Enge Wohnverhältnisse gibt es auch hier.

Neben vier Zweibettzimmern und zwei Dreibettzimmern, wird der Großteil der Schlafräume zu unserer Enttäuschung von mindestens vier Personen bewohnt (17 Vierbettzimmer sowie zwei Fünfbettzimmer).

Dass die Zimmer für vier Personen deutlich zu klein sind, bestätigt uns die Bewohnerin eines Vierbettzimmers. Sie könne aufgrund des unruhigen Schlafes ihrer Bettnachbarinnen nicht gut schlafen und es würde ihr an Rückzugsmöglichkeiten fehlen.

Eine andere Bewohnerin berichtet uns, dass sie von der Matratze Rückenschmerzen bekommen würde. Außerdem seien die Metallschränke deutlich zu klein bemessen.

Eine Herausforderung für viele Frauen sei zudem die eingeschränkte Mobilität, berichtet uns das Personal. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann es bis zu einer dreiviertel Stunde dauern, um den nächstgelegen Ort mit entsprechenden Ärzten zu erreichen. Ein Problem, welches alle Personen im Ort haben, denen keine Alternativen zum öffentlichen Nahverkehr zur Verfügung stehen.

 

Eine in vielen Aspekten akzeptable Lösung zur vorübergehenden Unterbringung

Der Bedarf von Schutz- und Rückzugsräumen für Frauen und Kinder bei der Unterbringung in sogenannten Gemeinschaftsunterkünften, wurde einmal mehr deutlich. Es ist zu begrüßen, dass der Schwalm-Eder-Kreis mit dieser zunächst positiv auffallenden Unterkunft diesbezügliche Schritte umgesetzt hat.

Die entspannte Atmosphäre vor Ort, die in Relation zu anderen Unterkünften einladende Architektur und personelle Ausstattung, sowie insbesondere die Aussagen der Bewohner*innen selbst, macht Hoffnung: Wenn es auch in dieser Unterkunft noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt, zeigt sich, dass weniger große, zentral gelegene und gut ausgestattete Unterkünfte bis zum Umzug in Wohnungen ein in vielen Aspekten akzeptables Behelf für die vorrübergehende Unterbringung von geflüchteten Menschen darstellen können.

 

 

Waldgaststätte mit Extras – Isolation und miserable Wohnbedingungen am Waldrand

Wie heterogen die Unterbringungslandschaft selbst innerhalb eines Landkreises sein kann, offenbart sich uns eine halbe Stunde später. Wir sind auf dem Weg zu einer Unterkunft in der Umgebung von Homberg. Anfangs herrscht Misstrauen gegenüber dem Navigationsgerät, als dieses uns aus dem Ort heraus, an einem Bauernhof vorbei und schließlich über einen staubigen Feldweg den Berg hoch bis an den Waldrand navigiert. Doch schließlich begrüßt uns das Schild einer alten Waldgaststätte und Pension. Die auf demselben Schild beworbene Brauerei lädt zum „Märchenhaften Biergenuss“ ein.

Dem Vorder- und Hinterhaus der alten Waldgaststätte sieht man den Renovierungsbedarf auch von außen an.
Beiden Gebäuden der alten Waldgaststätte sieht man den Renovierungsbedarf auch von außen an. Hier das Vorderhaus.
Dem Vorder- und Hinterhaus der alten Waldgaststätte sieht man den Renovierungsbedarf auch von außen an.
Das Hinterhaus.

Doch das Vorderhaus sowie das Hinterhaus haben ganz offensichtlich ihre märchenhaften Jahre bereits seit mehreren Jahrzehnten hinter sich. Heute scheint alles im Verfall. Wann sich hier das letzte Mal freiwillig Leute zur Erholung niederließen, bleibt uns verborgen. Beim Gang durch die Gebäude erzählt uns der Betreiber der Unterkunft jedoch, dass er die Gebäude bereits seit über 30 Jahren als Gemeinschaftsunterkunft nutzt. Eine Pension der anderen Art.

Zum Zeitpunkt unseres Besuches, so wird von der anwesenden Kreisangestellten sowie des Betreibers berichtet, wohnen im vorderen Haupthaus 20 Asylsuchende, im dahinter gelegenen Flachbau weitere 17 Personen. Platz gäbe es für maximal 60 Personen. Vor Ort treffen wir allein reisende Frauen und Männer, sowie eine Familie mit zwei Kindern. Untergebracht sind die Bewohner*innen in Ein- bis Zweibettzimmern.

Bei einer stärkeren Auslastung der Unterkunft, würden in diesen zum Teil mit bis zu vier Personen einquartiert werden, heißt es. Küchen, Duschen und Toiletten müssen größtenteils mit anderen geteilt werden. Doch zumindest im Haupthaus gibt es einige Zimmer, an welche ein eigenes Bad und eine eigene Toilette angeschlossen ist. Hierdurch wird zumindest der Familie etwas mehr privater Raum zum Rückzug geboten.

 

Isolation par excellence

Im Gespräch mit den Bewohner*innen wird deutlich, dass die Isolation der „Waldgaststätte“ für sie ein sehr belastendes und drängendes Problem darstellt. Das nächste bewohnte Haus sei mindestens einen Kilometer, die nächste Einkaufsmöglichkeit ca. sechs Kilometer entfernt und zur nächstgelegenen Bushaltestelle müsse man eineinhalb Kilometer laufen, so die Bewohner*innen. Haben die Bewohner*innen das Glück einen Sprachkurs im Rahmen des Integrationskurses in Homberg oder Treysa besuchen zu können, gilt es den nur alle zwei Stunden fahrenden Bus zu nehmen. Dass dieser Weg zum Sprachkurs länger als eine Stunde dauert, stellt nichts Ungewöhnliches dar. Ein Schüler einer Regelschule erzählt uns zudem, dass er für seinen Schulweg ca. zwei Stunden benötige.

Abseits am Waldrand gelegen: Die Isolation belastet die Bewohner*innen stark.

Zwar wird uns berichtet, dass der Betreiber sich bemühe, Bewohner*innen ein paar Mal die Woche in den nächstgrößeren Ort zu fahren, doch ist dies offensichtlich nicht ausreichend. „Die größten Probleme sind die Entfernungen und die Langweile“, beklagt sich eine Frau. Ein weiterer Bewohner ergänzt, dass diese Unterkunft ihm das Lernen der deutschen Sprache „sehr schwierig“ mache.

Um mit weit entfernten Familienmitgliedern oder Freunden in Kontakt zu bleiben, ist eine stabile Internetverbindung für viele Geflüchtete essentiell. Leider ist eine Internetverbindung in der „Waldgaststätte“ nicht installiert. Ein Faktor, welcher die Isolation weiter verstärkt. Bedauerlicherweise bestätigt uns die Mitarbeiterin der Betreuungsstelle, dass der Landkreis in keiner seiner Gemeinschaftsunterkünften eine Internetverbindung sicherstellt.

 

Heruntergekommene Gebäude und defekte Ausstattung

Der erste Eindruck, dass die „Waldgaststätte“ dringend renovierungsbedürftig ist, bestätigt sich auch beim Gang durch das Hauptgebäude. Ganz offensichtlich leben hier schon sehr lange viele Menschen auf engem Raum. Ebenso offensichtlich wurden in der näheren Vergangenheit zugleich keinerlei Investitionen mehr getätigt.

Eine der zu teilenden Küchen im vorderen Haus.
Eine der zu teilenden Küchen im vorderen Haus.

Die Ausstattung der Räumlichkeiten scheint sich in diesem Lager auf das Allernötigste und Preisgünstigste zu beschränken. Die vorhandene Ausstattung ist häufig nur notdürftig repariert oder defekt. Arbeitsplatten und Abdichtungen in den Küchen sind zum Teil kaputt. In den Sanitäranlagen fehlt ein Duschkopf.

Ein defektes Waschbecken.
Ein defektes Waschbecken.

An vielen Stellen löst sich der Putz, die Tapete oder Farbe. Fußleisten fehlen zum Teil und auch die Fliesen des Fußbodens und der Treppe sind an mehreren Stellen gebrochen. Auch andere Fußbodenbeläge haben sich gelöst. Eine Steckdose ist nicht fest in der

Wand verbaut und die aus der Wand austretenden Stromkabel sind nicht gesichert. Eine Bewohnerin beklagt, dass sie vom Schimmel in ihrem Zimmer Atemwegsprobleme bekommen hätte.

Uns wird zwar berichtet, dass der Betreiber sich bemühen würde, selbst Reparaturen zu verrichten. – nach professioneller Handwerksarbeit sieht es an vielen Stellen jedoch nicht aus. Zudem scheint es nicht ausreichenden Kapazitäten für die so vielen dringend notwendigen Reparaturarbeiten zu geben.

Das eine Haus schlechter als das Andere

Den Bewohner*innen des hinteren Hauses scheint es besonders wichtig, uns Einblicke in ihre Lebenssituation zu gewähren. Bei der gemeinsamen Begehung berichten sie, dass – zwei Wochen vor unserem Besuch – der Flur notdürftig gestrichen wurde.

Ein Eindruck vom „Gemeinschaftsraum“.
Ein Eindruck vom „Gemeinschaftsraum“.

Viele der Lichtschalter scheinen defekt und wurden schlicht überstrichen. In der kleinen und ohnehin spärlich ausgestatteten Küche, berichten die Bewohner*innen uns, dass Teile der Ausstattung erst vor wenigen Tagen ersetzt wurden.

Ein Zweibettzimmer im Hinterhaus.
Ein Zweibettzimmer im Hinterhaus.

Unter anderem fehlte es an Mülleimern. Nachdem die Küche ca. einen Monat nicht geputzt wurde, sei dies nun endlich – ebenfalls pünktlich zu unserem Besuch – am vorherigen Tag geschehen. Einer der drei sich in diesem 17-Personen befindenden Toiletten, fehlt die Klobrille. Auf der Suche nach den Duschen, zeigt uns einer der Bewohner schließlich einen knapp bemessenen Raum mit Duschwanne und einem schimmelbedeckten, löchrigen Duschvorhang. Ist die Dusche belegt, müssen die Bewohner*innen in das andere Gebäude laufen, bestätigt uns der Betreiber auf Nachfrage. Selbiges würde für die Toiletten gelten. Auch hier stünden weitere im Haupthaus zur Verfügung.

Die Zimmer im hinteren Haus befinden sich in einem Zustand, der deutlich schlechter ist, als der Zustand der von uns im Hauptgebäude gesichteten Zimmer. Zum Teil müssen sich hier zwei Personen ein rund 12 Quadratmeter großes Zimmer teilen. Auch hier ist alles dringend renovierungsbedürftig. Es scheint in diesen Räumen schon seit sehr langer Zeit nicht mehr gestrichen worden zu sein. Die Tapete löst sich auch hier von den Wänden.

Ein Bewohner lädt uns in sein Zimmer ein, um uns auf weitere Missstände hinzuweisen: Die Reparatur des Fensters wurde in diesem Raum schlicht nicht zu Ende gestellt und so ist dieses von Bauschaum umgeben. Etwas Ungewöhnliches scheint dies jedoch nicht zu sein: Der Rahmen der Zimmertür wurde lediglich notdürftig mit einem Holzbrett befestigt.

Ein defektes Bett.
Eines der defekten Betten.

Dem Schrank fehlen die Türen und der Abfluss eines kleinen Waschbeckens in der Ecke seines Zimmers leckt. Als der Bewohner für uns die Matratze seines Bettes anhebt wird deutlich, dass viele Latten im Lattenrost fehlen. Er klagt über einen schlechten Schlaf, sowie Rückenschmerzen. Trotz mehrfacher Hinweise gegenüber dem Betreiber, sei dies noch immer nicht repariert worden.

Dass die beschriebenen Missstände in dieser Unterkunft keine Einzelfälle sind, zeigen die Besichtigungen weiterer Zimmer. Auch hier sehen wir ein defektes Bett sowie Türen mit Löchern oder kaputten Klinken. Zudem löst sich ein Fußbodenbelag und weitere Schränke sind kaputt, ….

Niedergeschlagenheit und lange Aufenthaltszeiten auf Seiten der Bewohner*innen

Die Frustration der Bewohner*innen wird in Gesprächen ebenfalls deutlich. „Ich bin bereits seit einem Jahr hier“, berichtet ein Bewohner verzweifelt. Kein Einzelfall: Ein Weiterer merkt deutlich niedergeschlagen und resigniert an, dass er bereits seit 17 Monaten hier sei. Auf Nachfrage erfahren wir vom Betreiber und der Betreuungsstelle des Kreises, dass eine Bewohnerin bereits seit 4-5 Jahren in der Unterkunft wohnen würde. In der Vergangenheit hätte es zudem eine Person gegeben, die hier über zehn Jahre gelebt hätte.

 

Gelassenheit und Pragmatismus auf Seiten des Betreibers

Der Betreiber bestreitet nicht, dass die Unterkunft stark heruntergekommen ist und die Bewohner starker Isolation ausgesetzt sind. Allerdings scheint er diese Zustände deutlich gelassener zu sehen als wir dies tun. „Ich sag immer, hier ist noch Keiner gestorben“, merkt er uns gegenüber an. Ein hoher Anspruch ist das nicht.

 

Schlechte Unterbringung als Sanktions- und Ausreisedruckmittel auf Seiten des Landkreises?

Auch dem Kreis scheint die schlechte Unterbringungssituation und Isolation der bereits seit 1985 genutzten Unterkunft bekannt zu sein. Hier würden insbesondere Leute untergebracht, die woanders Probleme gemacht hätten, jedoch nicht abgeschoben werden könnten, erklärt die anwesende Vertreterin des Kreises. Dass die Verlegung von Menschen in diese Unterkunft damit quasi einer Sanktionierung gleichkäme, wird auf Nachfrage nicht bestritten. Hiermit bestätigt sich eine uns schon im Voraus durch externe Personen übermittelte Befürchtung.

 

Dringender Handlungsbedarf

Die hier besuchte Unterkunft stellt einen kaum stärker möglichen Kontrast zur zuvor besuchten Frauenunterkunft in Schwalmstadt dar. Märchenhaft im positiven Sinne – wie das Schild am Eingang prophezeit – ist hier nichts. Im Gegenteil: Durch die isolierte Lage werden in dieser Unterkunft Menschen vom gesellschaftlichen Leben ferngehalten. Die miserablen Wohnbedingungen tun ihr Weiteres, um die Menschen mit der Zeit zu zermürben. Der Flüchtlingsrat legt daher dem Kreis dringend nahe, in dieser Unterkunft keine weiteren Asylsuchenden mehr einzuquartieren und den dort lebenden Menschen so schnell wie möglich Alternativen an zu bieten.

 

Kreis kündigt nach Besuch an, die Zuweisung von Asylsuchenden in die „Waldgaststätte“ teilweise einzuschränken

Während eines erneuten Gespräches mit der für die Unterbringung verantwortliche Mitarbeiterin des Kreises, machte diese auf Nachfrage deutlich, dass seit unserem Besuch nur noch eingeschränkt Asylsuchende in die „Waldgaststätte“ einquartiert würden. Konkret betrifft dies jedoch nur das hintere Gebäude. In dieses werden keine Asylsuchenden mehr zugewiesen, konkretisierte Sie. Darüber hinaus wurde zugesichert, dass diese Regelung auch für die Zukunft gelten würde. Inzwischen (Stand 07.06.2017) seien im hinteren Gebäude keine Asylsuchenden mehr untergebracht. Nun seien es ausschließlich geflüchtete Personen, welche Leistungen vom Jobcenter erhalten würden und sich somit theoretisch auch eine Wohnung woanders suchen könnten.

 

 

 

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Der Flüchtlingsrat in Kassel – Es geht auch anders

Charlotte Hankemeier, 29.03.2017: Zu viert – zwei aus dem Lagertourteam und zwei Dolmetscher – verschlägt es uns Ende März nach Kassel. Uns erwartet hier ein sehr ungewöhnlicher Tag, verglichen mit dem, was wir auf unserer Lagertour sonst oft erleben. Doch fangen wir von vorne an.

Zunächst treffen wir ein langjährig aktives Mitglied des Flüchtlingsrates. Im Gespräch mit dem außerdem sehr umtriebigen Akteur innerhalb der Kasseler Lokalpolitik erfahren wir viel zu den Hintergründen der Unterbringungspolitik der Stadt. Vor allem bezüglich der Gemeinschaftsunterkunft in der Bunsenstraße, die wir noch besuchen werden, kann er die Entwicklung von Protesten in der Bevölkerung gegen Wohncontainer bis zur heutigen Unterkunft genau nachzeichnen. Außerdem wird uns berichtet, dass in Kassel insgesamt kleinere Gemeinschaftsunterkünfte mit bis zu dreißig Bewohner*innen gegenüber größeren Unterbringungen überwiegen.

Das Kasseler Modell – aus Unterbringen wird Wohnen

Nach diesem Gespräch erwarten uns die Besuche in den beiden Unterkünften, die uns auf ihre Art jeweils als sehr positiv beschrieben wurden. Wir freuen uns darauf, uns ein eigenes Bild machen zu können. Zunächst geht es in die Bunsenstraße, nur ein paar Autominuten von unserem Treffpunkt entfernt. Hier hat die größte Wohnungsbaugesellschaft Kassels, die GWG, eine Unterkunft nach dem sogenannten Kasseler Modell errichtet. Was heute eine Unterkunft ist, kann später unkompliziert zu kostengünstigen Mietwohnung umgerüstet werden.

Wir werden erwartet: Bei unserer Ankunft hat sich bereits eine große Delegation versammelt. Zusätzlich zu einigen Kindern aus der Unterkunft sind der Leiter und die Koordinatorin der Unterkunft, die Projektkoordinatorin des angegliederten Nachbarschaftsvereins, jeweils eine Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsarbeit und der Geschäftsführung der GWG, sowie der Geschäftsführer der GWG, Herr Ley, anwesend.

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Verbindende Architektur – Innenhof und Laubengänge zwischen den Wohnungen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde beginnt der Geschäftsführer mit seiner Präsentation des Projekts. Dabei fängt er mit Erzählungen aus der Anfangsphase des Projekts an, in der Mitarbeiter*innen der GWG durch Deutschland fuhren, um sich andere Unterkünfte anzuschauen und daraus für das eigene Projekt zu lernen – quasi auch eine „Lagertour“, nur mit etwas anderen Zielen als bei uns. 90 % dessen, was sie gesehen hätten, seien Negativbeispiele gewesen, berichtet Herr Ley. In einem Fall sollten Häuser durch den Anstrich wie eine Containerunterkunft erscheinen – es sollte also gar nicht ansprechend aussehen. Für die Unterkunft in der Bunsenstraße hingegen besteht das Ziel, dass sich die Bewohner*innen wohl fühlen.

Flexibilität von vorneherein

Gemeinsam mit fünf Architekturbüros wurde schließlich Ende 2015 mit der Planung der Neubauten begonnen. Ziel war es dabei, ansprechenden Wohnraum für Geflüchtete zu schaffen, aber auch dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum entgegen zu wirken. Das Besondere an diesem Projekt ist vor allem die bauliche Qualität der neugebauten Unterkunft und seine nachhaltige Nutzbarkeit. Dort, wo jetzt zwei bis acht Asylbewerber*innen in einer Wohnung leben, sollen später jeweils halb so viele Bewohner*innen pro Wohneinheit wohnen und dabei eine Miete im Rahmen der Mietobergrenze zahlen. Damit diese Umnutzung möglich und auch kostengünstig ist, wurden einige Aspekte bei der Planung berücksichtigt: Für Unterkünfte für Geflüchtete gelten geringere bauliche Standards, als sonst im Wohnungsbau bestehen. Dies betrifft beispielsweise die Wärme- und Schalldämmung. In der Bunsenstraße wurden die herkömmlichen Standards erfüllt. Darüber hinaus befinden sich in allen Trennwänden jeweils sämtliche Leitungen, so dass eine räumliche Umgestaltung der Etagen, beispielsweise aus einer großen Wohnung in Einzelapartments, einfach möglich ist.

Zur Zeit unseres Besuches wohnen 135 Personen in der Unterkunft an der Bunsenstraße, geeignet wäre sie für bis zu 182 Menschen. Pro Bewohner*in stehen derzeit insgesamt neun Quadratmeter individuelle Wohnfläche zur Verfügung, womit die vom Flüchtlingsrat und der Liga der freien Wohlfahrtspflege geforderten Mindeststandards erfüllt werden. Allerdings wohnen derzeit bis zu vier Personen in einem Zimmer. Nach der vollständigen Umnutzung könnten dann insgesamt 90 Personen in Ein- bis Vier-Personen-Wohnungen leben.

Bei großen Unterkünften für Geflüchtete lassen sich häufig negative Effekte wie die Isolation der Bewohner*innen sowie Ressentiments ihnen gegenüber beobachten. Entsprechendes haben wir während unseres Besuches in der Bunsenstraße nicht wahrgenommen. Eine möglichst baldige teilweise Umnutzung in Mietwohnungen, sobald es die benötigten Kapazitäten zulassen, wäre dennoch begrüßenswert. Die daraus folgende heterogene Zusammensetzung der Bewohner*innen hätte wahrscheinlich eine integrierende Wirkung.

Städte sollten die Wohnungsbaugesellschaften stärker in die Pflicht nehmen“

Wir können die Begeisterung, mit der uns das Projekt vorgestellt wird, nachvollziehen. Erstmalig während unserer Lagertour lernen wir eine Unterkunft kennen, die gleichzeitig mit der Schaffung angenehmen Wohnraums für Geflüchtete auch das Problem des Mangels an bezahlbaren Wohnraum angeht – ein Problem welches wir oft beobachtet und bemängelt haben an den verschiedenen Orten, die wir besucht haben. So ist auch eine unserer ersten Fragen, warum denn nicht viel mehr Wohnungsbaugesellschaften derartige Projekte umsetzen – vor allem unter dem Aspekt, dass es für die GWG, als wirtschaftlich handelndes Unternehmen, anscheinend vom ersten Tag an kostendeckend ist. Hier wird uns gesagt, es liege daran, dass sich andere Wohnungsbaugesellschaften nicht zuständig fühlten für die Unterbringung von Geflüchteten. Der Geschäftsführer der GWG fordert diesbezüglich: „Städte sollten die Wohnungsbaugesellschaften stärker in die Pflicht nehmen“.

Mehr als Wohnen

Die GWG interessiert sich nicht nur für den sichtbaren Teil der Unterkunft, sondern hat das Projekt in die drei Bausteine Wohnen, Integration und Arbeit eingeteilt. Die beiden letztgenannten Bausteine bestehen aus Konzepten zur Betreuung der Bewohner*innen. Eine ausreichende Betreuung ist auch aus finanziellen Gründen im Interesse der GWG, wie der Geschäftsführer erklärt: Wenn sich die Bewohner*innen wohl fühlten, führe dies zu niedrigeren Instandhaltungskosten. Entsprechende Erfahrungen wurden auch in anderen Wohnhäusern gemacht. Statt, wie sonst üblich in Kassel, die Betreuung der Bewohner*innen der Caritas zu überlassen, hat die GWG ihren eigenen Nachbarschaftsverein Piano e.V. damit beauftragt. Dessen Stärke liege vor allem in der Erfahrung in der Nachbarschaftsarbeit und der Vernetzung im Stadtteil. Piano e.V. bekommt zwar Geld von der Stadt Kassel für die Betreuung der Asylbewerber*innen, die GWG steuert aber noch Geld hinzu. Hierdurch wird ein Betreuungsschlüssel von 1 : 60 ermöglicht. „Durch das Beratungs- und Betreuungsentgeld der Stadt ist eine kostendeckende Betreuung in unserem Sinne nicht möglich“, betont der Geschäftsführer der GWG. „Eine Erhöhung wäre wünschenswert“, so Herr Ley weiter. Zusätzlich zu der einen Sozialarbeiter*innen-Stelle pro 60 Bewohner*innen sind in der Unterkunft europäische Freiwilligendienstleistende sowie die ehrenamtlichen Alltagsbegleiter*innen tätig. Letztere werden von Piano e.V. koordiniert und unterstützen in einem Tandemsystem jeweils eine geflüchtete Person, beispielsweise bei der Suche nach einer Wohnung nach der Anerkennung im Asylverfahren.

Auch um die Integration der Bewohner*innen in den Arbeitsmarkt wird sich hier gekümmert. Ein noch in der Gründungsphase befindlicher Verein namens Jeder für Jeden soll die Vernetzung zwischen Geflüchteten und Akteur*innen in Wirtschaft und Politik vorantreiben sowie zur Akquise von Praktikums- Ausbildungs- und Arbeitsplätzen für Geflüchtete beitragen. Stolz wird uns berichtet, dass bereits im Mai 2017 voraussichtlich alle der zuvor als „vermittelbar“ eingestuften Bewohner*innen der Bunsenstraße – insgesamt 23 Personen – ein Praktikum, eine Ausbildung oder einen Job beginnen werden.

Ein Blick in die Wohnungen

 

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Wohnzimmer mit eigener Sofagarnitur der Bewohner*innen.

Während wir uns die Präsentation anhören, erkunden die beiden Dolmetscher bereits die Unterkunft und kommen mit den Bewohner*innen ins Gespräch. Dabei bekommen sie fast ausnahmslos positive Rückmeldungen. Einer von beiden schildert im Nachhinein verwundert, wie er die gesamte Frageliste durchgegangen ist und durchweg positive Antworten erhielt. Die Bewohner*innen hätten nicht gesagt, hier sei es besser als in anderen Unterkünften, sondern „hier ist es gut“. Der Zweite von beiden sprach mit vier Familien, von denen drei sehr zufrieden waren, eine sich jedoch vor allem über zu wenig Platz beklagte.

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Schlafzimmer mit Matratzen auf dem Boden.
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Einer der beiden Gemeinschaftsräume in einem Querriegel zwischen den Häusern.

Auch wir werfen am Ende noch einen kurzen Blick in die Wohnungen und auf das Gelände. Dabei fällt sofort auf, wie sehr es sich hier um nahezu übliche Wohnhäuser handelt. Die insgesamt fünf Häuser haben jeweils drei Stockwerke. Es gibt zwei Querriegel zwischen den Häusern, die als Gemeinschaftsräume genutzt werden können. In den Innenhöfen sind Pflanzen und Spielmöglichkeiten. Durch die Laubengänge, die die Wohnungen verbinden, und die Innenhöfe lädt die Architektur zum Kontakt zwischen den Nachbar*innen ein. Wir erfahren, dass die Bewohner*innen sich gegenseitig gerne in den Wohnungen besuchen. Die Gemeinschaftsräume können für Feiern oder Ähnliches gebucht werden und dann ohne anwesendes Personal genutzt werden, wie uns der Leiter der Unterkunft berichtet. Darüber hinaus seien sie bisher leider nur während der Anwesenheit des Personals geöffnet.

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Ein Blick in eines der modernen Bäder.
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Die hier übliche Küchenzeile in einer der Wohnungen.

Die jeweiligen Wohneinheiten werden meist von einzelnen Familien bewohnt. Sie leben dort beengter, aber in ihrem privaten Bereich. Die Bewohner*innen präsentieren uns Teile der persönlichen Ausstattung, die sie bei Bezug der Wohnung vorgefunden haben: ein Metallbett mit teils bereits nachgebenden Gitterlattenrosten, eine dünne Matratze, ein Schrank sowie ein kleines Set an Küchenausstattung. Um den Räumen trotz der eher spärlichen Ausstattung dennoch Gemütlichkeit zu verleihen, haben sich die Bewohner*innen, deren Wohnungen wir besucht haben, Sofas und Teppiche gekauft oder vom Sperrmüll besorgt.

Insgesamt kann das Kasseler Modell als Beispiel dafür dienen, dass es möglich ist eine Unterbringung für Geflüchtete zu schaffen, die zugleich finanzierbar und zufriedenstellend für die Bewohner*innen ist. Überdies wirkt es dem starken Mangel an sozialem Wohnungsbau entgegen. Es wäre wünschenswert, würden sich auch andere Städte und Gemeinden hieran ein Beispiel nehmen.

Das Sandershaus – Kultur und Unterbringung zusammen gedacht

 

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Außenansicht vom Sandershaus.

In der Sandershauser Straße ist alles erstmal ganz anders als in der Bunsenstraße. Man könnte es fast als kleinen „Kulturschock“ bezeichnen. Das Wort passt auch deshalb ganz gut, weil sich hier vieles um Kultur dreht. Zahlen sind hier kaum Thema. Auch von einem offiziellen Empfang ist hier nicht viel zu merken. Wir werden von der Person, die für die Realisierung kultureller Projekte angestellt ist, empfangen. Gemeinsam setzen wir uns auf die Sofas in einem der gemütlichen Aufenthaltsräume und reden über das Sandershaus und das Projekt, welches hier gerade in dem ehemaligen Verwaltungsgebäude einer alten Hafer-Kakao-Fabrik entsteht.

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Einer der gemütlichen Aufenthaltsräume im Erdgeschoss.

In der eigenen Projektskizze wird das Sandershaus als neuentstehendes kulturelles Zentrum im Osten Kassels beschrieben. Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlicher Herkunft sollen zusammengebracht werden und Geflüchtete in der Übergangsphase der Gemeinschaftsunterkunft „auf einen guten Weg“ gebracht werden. Das Ziel sei außerdem, innerhalb der nächsten fünf Jahre ein nachhaltiges Konzept zu entwickeln, welches sich wirtschaftlich trägt. Wir erfahren, dass auch hier die Initiator*innen bereits ähnliche Projekte besucht haben, um aus deren Erfahrungen zu lernen und sich gegebenenfalls etwas abschauen zu können.

Viele Ideen – vier Bausteine

 

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Hier soll das Restaurant im Erdgeschoss entstehen.

Das Konzept macht uns neugierig und wir hören gespannt zu, als uns im Gespräch die vier Bausteine auf den vier Ebenen vorgestellt werden. Ganz oben wohnen in einer ganzen Etage seit Anfang 2017 Geflüchtete. Die offizielle Eröffnung der beiden Etagen darunter ist für Mitte Mai geplant. Die erste Etage soll dann als Hostel genutzt werden. Im Erdgeschoss entsteht ein Restaurant, welches gleichzeitig als Raum für kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen fungiert. Außerdem befinden sich im Erdgeschoss zwei Aufenthaltsräume, in denen sich die Menschen der verschiedenen Etagen begegnen können sowie Büros und ein Seminarraum. Im Keller gibt es einen Veranstaltungsraum für weitere kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte und Partys, eine Werkstatt und einen Tischtennisraum. Für den Außenbereich besteht gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekturfachbereich der Universität Kassel das Vorhaben diesen neu zu gestalten und so besser nutzbar zu machen.

Der neugegründete gemeinnützige Verein Sandershaus e.V. ist für die kulturellen Projekte zuständig. An Ideen dafür wird es hier bestimmt nicht mangeln. Wir hören von einem geplanten Upcycling-Projekt sowie von bereits stattfindenden Tischtennis-Abenden und sonntäglichen Kaffeekränzen.

Bei so viel Angebot kann man sich fast fragen, ob die Bewohner*innen noch zur Ruhe kommen können. Bei der Simulation eines Konzertes vor Einzug der Asylbewerber*innen wurde immerhin festgestellt, dass keine Geräusche in der oberen Etage ankommen. Zugang zu dieser Etage haben nur die Bewohner*innen selber.

Flexible Nutzung auch im Sandershaus

Zur Zeit unseres Besuches sind um die 30 geflüchtete Menschen im Sandershaus untergebracht. Die meisten von ihnen sind alleinreisende Männer, aber auch eine Familie aus Afghanistan gehört dazu. Möglich wäre eine Unterbringung von bis zu 58 Menschen. Auch hier besteht die Möglichkeit der flexiblen Umnutzung. Sollten wieder mehr Unterkunftsplätze gebraucht werden, kann die Hosteletage zur Unterkunft für Geflüchtete umfunktioniert werden. Zugleich gibt es die Möglichkeit, auch die Etage, die derzeit der Unterbringung von Asylbewerber*innen dient, als Hostel zu nutzen.

Die Betreuung übernimmt die Caritas derzeit mit einer 30%-Sozialarbeiter*innen-Stelle, bei voller Belegung wäre es eine halbe Stelle. Auch hier haben die Betreibenden die von der Stadt vorgesehene Betreuung aufgestockt. So wurden im Sandershaus zwei weitere Personen angestellt, die vier Mal die Woche nachmittags einige Stunden anwesend und ansprechbar für die Bewohner*innen sind.

Das Sandershaus liegt im Industriegebiet, entsprechend gibt es leider keine Menschen, die in direkter Nachbarschaft leben. Doch das Wohngebiet des Stadtteils Bettenhausen liegt zumindest in Sichtweite. Bis zur Straßenbahn- oder Bushaltestelle sind es nur ein paar Minuten zu Fuß und von dort schließlich 20 Minuten bis ins Zentrum, wie uns berichtet wird.

Unterwegs auf vier Ebenen

 

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Der Eingang zum Bereich für Frauen und Familien.
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Ein Blick in ein noch unbezogenes Zimmer.
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Die sanitären Anlagen der Unterkunftsetage.

Wir gehen in die oberste Etage. Durch den Teppichboden, der im Flur sowie in den Zimmern liegt, wirkt es hier gemütlich und auch ruhig. Die meisten Menschen sind in ihren Zimmern. Da wir sie nicht stören wollen, gucken wir uns vor allem ein unbewohntes, aber ausgestattetes Zimmer und die gemeinschaftlichen Räume an. Die Etage ist in einen Bereich für Frauen und Familien, für den es einen separaten Schlüssel gibt, und einen für alleinreisende Männer geteilt. Die sanitären Anlagen sind mit Sitz- und Stehtoiletten sowie Duschen ausgestattet. Leider befindet sich das Bad für Frauen gemeinsam mit der einzigen Küche im Wohnbereich für Männer. Letztere ist mit fünf Herden und vier Spülen ausgestattet. Die Küchenutensilien werden auf den Zimmern in den Schränken gelagert, von denen jede Person einen großen und einen kleinen hat. Auch ein Kühlschrank befindet sich in jedem Zimmer. Die persönliche Ausstattung auf den Zimmern erfüllt die vom Flüchtlingsrat und der Liga der freien Wohlfahrtspflege geforderten Standards, allerdings haben die einzelnen Zimmer von zwei bis zu sechs Betten.

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Die Küche für alle.

Mit einer Küche für alle und Zimmern für bis zu sechs Menschen kann es in dieser Etage bei voller Belegung eng werden. Da bleibt zu hoffen, dass die Menschen die vielen Ausweichmöglichkeiten innerhalb des Hauses gerne nutzen werden. Im Keller treffen wir schließlich auf mehrere Bewohner, die gerade Tischtennis spielen. Sie berichten, dass sie sich in der Unterkunft sehr wohl fühlen.

Auch wenn die räumlichen Voraussetzungen mit einer Etage für bis zu 58 Menschen und Zimmern mit bis zu sechs Betten besser sein könnten, so wirkt das Sandershaus auf uns wie ein engagiertes Projekt, bei dem auf kreative Weise versucht wird, eine gute Unterbringung für Geflüchtete zu organisieren. Die Gespräche mit den Bewohner*innen und unsere Eindrücke weisen darauf hin, dass das bisher gut gelingt.

Gedanken auf der Rückfahrt

Während der Rückfahrt lassen wir den Tag gemeinsam Revue passieren. Er lässt uns zwar müde, aber auch positiv überrascht zurück. Wir sind es nicht gewohnt auf so viele zufriedene Bewohner*innen und engagierte Mitarbeiter*innen zu treffen. Auch wenn wir bereits einige positive Erfahrungen gemacht haben an den Orten, die wir besucht haben, so sind wir bisher meist auch mit einer ganzen Menge Kritik und Beschwerden der Bewohner*innen von unseren Unterkunftsbesuchen zurückgekehrt. Trotz auch hier bestehender Kritikpunkte von unserer Seite, wie beispielsweise teils an der Ausstattung oder der möglichen maximalen Belegung von Zimmern und Unterkunft, sprechen vor allem die Aussagen der Bewohner*innen für sich. Es stimmt hoffnungsvoll zu sehen, wie sich hier Menschen die Mühe machen im Bereich der Unterbringung von Geflüchteten innovativ und auf Seite der Bewohner*innen zu denken und zu handeln.

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Landkreis Fulda – Die Lagertour in Tann (Rhön)

Der ursprüngliche Artikel wird aktuell einer Neubewertung unterzogen.

Haus Außenperspektive
Das ehemalige Zollhaus, was nun als Geflüchteten-Unterkunt für alleinreisende junge Männer dient.



Miriam Modalal, 25.03.2017: Uns leitet der Blogeintrag eines ehemaligen Bewohners nach Tann in die Rhön. In einem Facebook-Eintrag beschreibt Abi (Name auf Wunsch geändert) die Umstände, unter denen er die ersten Monate seines Aufenthalts verbrachte. Jeden Tag drei Stunden Fahrtzeit, um den Deutschkurs besuchen zu können – im Winter sei dies wetterbedingt zum Teil unmöglich gewesen. Seine Beschreibung von Isolation und Vereinsamung, weil die Menschen Angst vor ihm und anderen Bewohner*innen zu haben scheinen, ist eindringlich.

In seiner Begleitung können wir uns schließlich selbst ein Bild vom Leben als Geflüchtete*r in Tann machen. Wir fahren eine lange Zeit durch die idyllische Rhönlandschaft, die bekannt ist für ihre schönen Bergwanderwege und ihre Heilbäder. Bald entdecken wir den im Tal liegenden und sich an den Hängen hochziehenden Luftkurort Tann. Plötzlich verlassen wir die Landstraße, als wir oben auf dem Berg, etwa 2 km vom Ort entfernt, die beiden großen grauen Klötze sichten – zwischen grünen Feldern liegen die ehemaligen Zollhäuser am Hof. Dort sind aktuell Geflüchtete untergebracht. Eins der zwei Häuser ist für junge Männer, das zweite Haus für Familien vorgesehen. Außerdem ist der Hof für seine Apfelweinkneipe bekannt, touristischer Anziehungspunkt für Wandernde, Motorsportler*innen und Radfahrer*innen.

(…)

Aufgrund der zum Teil berechtigten Kritik (s.u.) unterziehen wir den Artikel zur Zeit einer Neubewertung. Den ursprünglichen Artikel senden wir bei Interesse und auf Nachfrage zu.

 

Aus aktuellem Anlass

26.07.2017

Stellungnahme zu dem Artikel „Isolation in der Idylle“ der Projektgruppe Lagertour des Hessischen Flüchtlingsrates und der daraus entstandenen Diskussion

Am 22.7. erschien in dem Onlinemagazin Osthessen-News.de ein Artikel über den Bericht des Hessischen Flüchtlingsrates über den Besuch einer Unterkunft bei Tann. Darin heißt es u.a., der Flüchtlingsrat erhebe falsche Rassismusvorwürfe gegenüber der Tanner Bevölkerung und treffe eine Reihe weiterer falscher Aussagen. Hierzu nehmen wir wie folgt Stellung:

  • Einige der in dem Bericht der Lagertour wiedergegebenen Aussagen wurden so verstanden, als gäbe es in Tann eine allgemeine rassistische Grundstimmung. Dies war so nicht beabsichtigt und ist auch nicht der Standpunkt des Flüchtlingsrates. Zwar wurden unseren Mitarbeiterinnen Vorfälle berichtet, die von den Betroffenen als rassistisch motiviert wahrgenommen wurden, diesen Aussagen sollte durch den Bericht ein Forum gegeben werden. Damit sollte jedoch zu keinem Zeitpunkt die gesamte Tanner Bevölkerung des Rassismus bezichtigt werden, wenn dies mitunter so verstanden wurde, bedauern wir dies.
  • Einige der in dem Bericht der Lagertour verwendeten Formulierungen („Im Sommer riecht es nach Kuhfladen“) sind polemisch und anmaßend und gehören nicht in einen solchen Bericht. Hierfür möchten wir uns entschuldigen.
  • Einzelne Schilderungen einiger Bewohner wurden in den Bericht aufgenommen, ohne die darin getätigten Aussagen an anderer Stelle noch einmal zu überprüfen. Dadurch wirkt es mitunter so, als wären diese subjektiven Eindrücke objektive Tatsachen. Dies war ein handwerklicher Fehler, und wir können die Verärgerung darüber verstehen.
  • Der Bericht entstand im Rahmen der Projektgruppe Lagertour innerhalb des Flüchtlingsrates. Diese hat zum Ziel, hessenweit Flüchtlingsunterkünfte zu besuchen und den BewohnerInnen und ihren subjektiven Perspektiven Gehör zu verschaffen. Wir werden die Kritik zum Anlass nehmen, um die bisher angewandte Methodik der Lagertour auf den Prüfstand zu stellen. In diesem Rahmen werden wir auch den Artikel zu Tann einer Neubewertung unterziehen.
  • Die in dem Artikel von Osthessen-news.de zitierten direkten Aussagen hingegen sind erstens so nicht getätigt worden, zweitens hat überhaupt nie ein Gespräch mit einem Mitarbeiter der Projektgruppe stattgefunden. Es hat lediglich am vergangenen Freitag einen Anruf beim Flüchtlingsrat gegeben, der von einer Verwaltungskraft entgegengenommen wurde. Dabei gab sich die Anruferin erst am Ende des Gesprächs als Journalistin zu erkennen. Der Kollege wies mehrfach darauf hin, dass er inhaltlich nicht in die Arbeit der Projektgruppe involviert sei. Er könne zu dem Bericht inhaltlich keine Aussagen treffen. Dies wurde der Anruferin mehrfach und ausdrücklich mitgeteilt sowie ein Gespräch mit dem verantwortlichen Mitarbeiter der Gruppe am darauffolgenden Montag vereinbart. Die zuvor erfolgte Veröffentlichung des Artikels inklusive vermeintlicher Zitate ist daher äußerst irritierend und entspricht in keiner Weise den Vorstellungen des Hessischen Flüchtlingsrates.
  • Wir bedauern, dass die eigentlich beabsichtigte Grundaussage des Berichts, dass die längerfristige Unterbringung von Flüchtlingen abseits des Ortes von diesen als isolierend wahrgenommen wird, durch die Diskussion über den Artikel in den Hintergrund getreten ist. Zwar glauben wir, dass die Flüchtlinge auch in Tann mitunter rassistische Anfeindungen erleben, derartige Erfahrungen machen Flüchtlinge leider überall in Deutschland. Es war jedoch zu keinem Zeitpunkt unsere Absicht, damit eine rassistische Grundstimmung zu behaupten oder gar der gesamten Tanner Bevölkerung Rassismus zu unterstellen, noch wollten wir das vielfältige Engagement für Flüchtlinge in Tann – sowohl von Ehrenamtlichen als auch von der Verwaltung – diskreditieren.

Gez. Timmo Scherenberg
(Geschäftsführer Hessischer Flüchtlingsrat)

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Hochtaunuskreis II – Der Flüchtlingsrat in Friedrichsdorf

Wohnen im Gewerbegebiet – Der Milupakomplex


25.04.2017 – Zum aktuellen Stand: Von Ehrenamtlichen im Ort erfuhren wir, dass der Umzug inzwischen begonnen hat. In das neue Gebäude sollen demnach etwa 100 Geflüchtete untergebracht werden. Insgesamt mache das Haus einen guten Eindruck, berichtet man uns. Es mangele nach Einschätzung der Ehrenamtlichen jedoch noch immer an einem zufriedenstellenden Umfang an Sozialarbeiter*innenstellen: hierfür seien 2×2 Stunden vom Kreis und 3×2 Stunden von der Stadt Friedrichsdorf vorgesehen. Die Ehrenamtlichen wünschen sich eine Vollzeitstelle. Der Flüchtlingsrat schließt sich diesem Wunsch an.


Miriam Modalal,  31.10.2016: Es führt uns wieder in den Hochtaunuskreis, diesmal nach Friedrichsdorf, Wohnort für etwa 340 Geflüchtete. Wir besuchen zwei Unterkünfte in Laufnähe voneinander, die kontrastreicher kaum sein könnten. Hier sind insgesamt etwa 100 Menschen untergebracht.

Die erste Adresse ist ein ehemaliges Verwaltungsgebäude im Containerstil des Babynahrungsherstellers Milupa. Eine Unterbringung, die schon seit ihrer Eröffnung im Januar 2016 von Ehrenamtlichen kritisch gesehen wird. Im Sommer 2016 kündigte die Kreisverwaltung schließlich ihre Schließung für Herbst 2016 an. Auf Nachfrage des Flüchtlingsrates beim Kreis ließ die Stadt am 28. September ausrichten, dass die Unterkunft spätestens im Februar 2017 geschlossen wird. Bisher ist der Gigant aber immer noch in Betrieb. Bei unserem Besuch wurde der Aussage hinzugefügt, dass hierzu jedoch erst eine alternative Unterkunft einzugsbereit (um-)gebaut werden muss. Hierbei handelt es sich wohl um ein Gebäude auf dem ehemaligen Gelände einer Werkzeugfirma, nur wenige hundert Meter weiter. Ebenfalls ein großes Bürogebäude im Gewerbegebiet. Ob damit eine tatsächliche Verbesserung erreicht werden kann, stellen wir in Frage.

Bei unserer Besichtigung warten schon die Sozialarbeiterin der Stadt, der Sozialarbeiter des Kreises, ihre Kolleg*innen und der Hauswart vor der Eingangstür auf uns. Auch ein paar Bewohner*innen haben sich draußen vor der Tür versammelt, wir erhalten aber erst später die Gelegenheit, einzeln mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Nach einer kurzen Kennenlernrunde und einem Vorgespräch geht die organisierte Tour durchs Haus los.

Und wieder einmal die Probleme von zu hoher Belegung

Auf den ersten Blick sieht es relativ sauber aus. Die hochgestellten Stühle und das zur Seite geschobene Inventar zeugen davon, dass hier kurz vor unserer Ankunft noch ordentlich geputzt wurde. Wir müssen leider annehmen, dass es bei alltäglichem Betrieb etwas anders aussieht, denn den 42 Bewohnern stehen lediglich sechs Herde, drei Esstische und vier Spülen zur Verfügung.

In der Küche stehen die Stühle noch auf den Tischen
In der Küche stehen die Stühle noch auf den Tischen

 

Eine ähnlich mangelhafte Ausstattung finden wir im Waschraum wieder: Hier befinden sich vier Waschmaschinen und ein Trockenständer. Die Bäder sind mit insgesamt sechs Toiletten bestückt. Im Gespräch mit den Bewohner*innen bestätigt sich schließlich unsere Annahme. Sie beklagen die schlechten Hygieneverhältnisse und die daraus resultierenden Spannungen. Es gibt zwar einen Putzplan, aber bei einer 42-Personen-Gemeinschaft verwundert es kaum, dass dieser nur an der Oberfläche kratzen kann.

Zu wenige Waschmaschinen...
Zu wenige Waschmaschinen…
... und zu wenige Duschen
… und zu wenige Duschen

 

 

 

 

 

 

Zudem wird deutlich, dass die insgesamt rare Ausstattung regelmäßig zu Streit führt. „Wir duschen hier nicht, wie auch?“ berichtet einer der Bewohner.

Als wohl größtes Problem ist die Zimmerbelegung zu benennen: bis zu sechs Personen teilen sich hier ein ca. 20 m2 Zimmer. Die Bewohner empfinden dabei den Zustand fehlender Privatsphäre als enorme Stressbelastung. Zumal es sich nicht um einen Zustand handelt, der nach wenigen Tagen beendet ist, sondern zum Teil viele Monate andauern kann. Entspannung fällt hier schwer, von konzentriertem Lernen ganz zu schweigen. Fehlende Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten sind ein nicht zu unterschätzendes Problem, denn bei vielen Geflüchteten handelt es sich aufgrund vergangener traumatischer Erlebnisse, die es zu verarbeiten gilt, um eine vulnerable und sensible Gruppe. Eine solche Umwelt kann keinesfalls als gesundheitsförderlich für diesen Prozess betrachtet werden. Erschwerend kommen die, nach Informationen einiger Bewohner*innen, sehr günstige Ausstattung und die, hiermit einhergehenden, schlechten Matratzen hinzu. Beim Gespräch im Zimmer saßen wir für eine viertel Stunde auf einer Matratze, was sich schon nach wenigen Minuten als überaus ungemütlich herausstellte.

Fotos von der Situation in den Zimmern dürfen wir unter keinen Umständen machen. Als Grund hierfür wird uns die Privatsphäre der Bewohner*innen genannt. Irritierend, da sie uns schließlich selbst darum baten, ihre Situation in den Zimmern auch mit Fotos zu dokumentieren. Hier drängt sich leider der Verdacht auf, dass der Öffentlichkeit hier Fotos, die bestimmte Zustände deutlich machen, vorenthalten werden sollen.

Als weitere Kritikpunkte werden das fehlende WLAN und der, zum Zeitpunkt unseres Besuchs kaputte, Fernseher benannt.

Was positiv ist … beim Gesamtbild aber leider untergeht

Auch im Gemeinschaftsraum sind die Stühle noch hochgeklappt
Auch im Gemeinschaftsraum sind die Stühle noch hochgeklappt

Wir waren positiv überrascht über einen kleinen Gemeinschaftsraum, die Bewegungsfläche im Erdgeschoss sowie den, im Flur platzierten, Billardtisch. Zudem berichten die Geflüchteten, dass sie sich nicht isoliert fühlten, obwohl das maue Nachbarschaftsbild der industriellen Gewerbelandschaft nicht den Eindruck hinterlässt, als könne man sich hier zu Hause fühlen. Doch zumindest ist das meiste in Fußnähe zu erreichen. So befindet sich ein Lidl in etwa 200 m Entfernung und der Bahnhof kann auch zu Fuß erreicht werden. Gegenüber der Unterkunft gibt es einen Sportpark, bei dem es einen Teamer für Geflüchtete gebe. Insgesamt sei das Sportangebot in der Stadt zugänglich und offen gegenüber der Teilnahme durch Geflüchtete. Ein Ergebnis des positiven Engagements der Friedrichsdorfer Aktivist*innen. Auf Nachfrage bei den Bewohner*innenn, ob sie das Gefühl haben, in Kontakt und Austausch mit der Ortsbevölkerung zu sein, wirkten bei der Bejahung der Frage alle überzeugt.

Zerstochene Fahrradreifen zum Zweiten

Uns wird allerdings erzählt, dass eines morgens, etwa eine Woche vor unserem Besuch, alle Fahrräderreifen vor der Tür zerstochen aufgefunden wurden. Ähnliches ereignete sich zuvor vor der Unterkunft im Rathaus. Für uns alarmierend, doch gebe es bisher laut Sozialarbeiterin keine Hinwiese auf Täter*innen. Die von uns gesprochenen Bewohner*innen äußerten den Wunsch der Aufklärung, gaben aber an, sich hierdurch nicht näher bedroht zu fühlen. Das liege an den sonstigen guten Erfahrungen mit der Ortsbevölkerung.

Ein Lob für die Aktiven im Ort

Zu begrüßen ist zudem die Initiative des Hochtaunuskreises, Deutschkurse bei den Volkshochschulen für alle Geflüchtete zu bezuschussen. Hiermit wird einem Problem entgegengewirkt, welches wir in einer Vielzahl von Landkreisen beobachten: Mit Ausnahme von Menschen aus dem Irak, dem Iran, Syrien und Somalia, haben die Bewohner*innen in der Regel keinen Zugang zu Deutschkursen. Allerdings bleibt offen, wie viele Geflüchtete das Angebot in Friedrichsdorf tatsächlich erreicht. Die von uns gesprochenen jungen Männer beklagten alle, noch immer auf der Warteliste für Deutschkurse zu stehen.

Engagierte Ehrenamtliche und Sozialarbeiter*innen trotz mangelndem Stellenumfanges

Einen positiven Eindruck macht die Zusammenarbeit von Sozialarbeiter*innen und Ehrenamtlichen in Friedrichsdorf. So betreiben Ehrenamtliche vor Ort beispielsweise eine Kleiderkammer und eine Fahrradwerkstatt, die viel Zulauf erhalten.

Ein Lob für das Engagement der Ehrenamtlichen, aber auch der Hauptamtlichen Mitarbeiter*innen gab es auch von den Bewohnern in der Unterkunft. Zwar gebe es keinen Hinweis auf eine offizielle Beschwerdestelle, doch wird die Arbeit der Sozialarbeiter*innen dafür als engagiert, zugänglich und hilfsbereit empfunden.

Besonders anerkennenswert, da der Landkreis für die Sozialarbeiter*innen vor Ort nur insgesamt zehn Stunden pro Woche bezahlt. Aus unserer Sicht für 42 Personen viel zu wenig, da dies einen Betreuungsschlüssel von 1 Stelle auf 170 Bewohner*innen darstellt und bei Weitem nicht den von uns zusammen mit der Liga der freien Wohlfahrtspflege geforderten Schlüssel von 1:80 entspricht (vgl. hier). 

 Pressestimmen

Was aus der Milupa-Unterkunft in Friedrichsdorf werden soll, interessiert auch die Presse. Nach dem Rundgang und das Fabrikgelände verlassend, warten auch schon Journalisten von der Frankfurter Rundschau und der Taunus-Zeitung auf uns. Sie durften uns nicht ins Gebäude begleiten, also entschieden wir uns ein anschließendes Gespräch vor den Toren des Gebäudes, unter Beisein einer Engagierten vom Arbeitskreis Asyl, zu führen. Einen Einblick in die daraus entstandenen Artikel, finden Sie hier auf dieser Homepage.

Auf zur Nachbarsunterkunft 

Zweite Unterkunft

Um unsere zweite Besuchsadresse des heutigen Tages zu erreichen, brauchen wir die Straße zwar nur ein Stück hoch zu laufen, der Tapetenwechsel fühlt sich allerdings so an, als hätten wir den Ort schon verlassen. Wir befinden uns nun in einer vom diakonischen Werk betriebene Gemeinschaftsunterkunft. Insgesamt sind hier 55 Personen untergebracht. Hauptsächlich Einzelpersonen, aber auch Familien und Kinder. Bei einem Vorgespräch mit Herrn Wiehler, dem Leiter des diakonischen Werkes und Herrn Hibler, einem Sozialarbeiter des Hauses, erfahren wir, dass die Unterkunft erst vor zwei Jahren eröffnet wurde. Bei der Errichtung und Inbetriebnahme wurde darauf geachtet die Mindeststandards einzuhalten, welche der Flüchtlingsrat zusammen mit der Liga der freien Wohlfahrtspflege fordert.

Dies bedeutet beispielsweise, dass es für diese und eine weitere Unterkunft 1,5 Sozialarbeiter*inne-Stellen gibt. Mit einem Betreuer*innenschlüssel von 1:96 wird der geforderte Schlüssel von 1:80 zwar noch immer nicht erfüllt, dennoch sind dies im Vergleich zu anderen Unterkünften spürbar andere Verhältnisse.

Diesen Eindruck bekommen wir schließlich auch bei der Begehung der Unterkunft, welche in kleinere Flure und Wohneinheiten unterteilt ist. Eine Architektur, welche das ehemalige Bürogebäude deutlich wohnlicher macht und für mehr Privatsphäre sorgt. Eine Küche, z.T. mit Sitzgelegenheit, wird sich hier von jeweils drei bis fünf Zimmern geteilt.

Gut ausgestattete Küche
Eine selten gut ausgestattete Küche

Zwei größere Familien kommen so schließlich sogar zu ihren eigenen Bädern und Küchen. Darüber hinaus gibt es auch eine für alle Bewohner*innen zugängliche Dachterrasse. Die Bäder sind geschlechtersensibel getrennt. Zudem stehen genügend Waschmaschinen zur Verfügung.

In einem Gespräch mit den Bewohner*innen wird uns gegenüber jedoch auch hier die Sauberkeit, die fehlende Privatsphäre sowie die Lautstärke als belastend beschrieben. Zwar ist eine externe Firma mit dem Putzen der allgemein zugänglichen Räume beauftragt, dennoch seien diese stets sehr schnell wieder dreckig. Darüber hinaus beklagt eine unserer Gesprächspartnerinnen, dass man keine Wahl darüber hat, mit wem das Zimmer geteilt werden müsse. Dies sei vor allem dann problematisch, wenn man unterschiedliche Schlafrhythmen und Lautstärkepegel habe. Tatsachen, die angesichts einer knapp 60 Personen fassenden Unterkunft nicht verwunderlich sind. Sind dies doch die Themen, welche offensichtlich leider fest mit Großunterkünften einhergehen.

Gemeinschaftsraum mit viel Kinderangebot
Gemeinschaftsraum mit viel Kinderangebot

Kinderspielsachen 2

Die Einbindung von ehrenamtlichem Engagement wirkt auch hier positiv. Zum regelmäßigen Angebot gehören beispielsweise gemeinsames Kochen und Spieleabende. Im Gemeinschaftsraum, wo das meiste Angebot stattfindet, stehen zwei Computer und viele Kinderspielsachen. Schade nur, dass der so gut ausgestattete Gemeinschaftsraum nur unter Betreuung geöffnet ist und es noch kein WLAN gibt. Uns fällt der Spielplatz auf, den es seit etwa einem Jahr gibt und eine Abdeckung für die Fahrräder vorm Haus. Positiv überrascht hat uns außerdem das Angebot einer Ehrenamts-Supervision.

Die Nachbarschaft sieht etwas wohnlicher aus, der ungemütliche Charme eines Gewerbegebietes bleibt leider jedoch bestehen. Es gibt Einkaufsmöglichkeiten und auch eine Schule, aber einen richtigen Anschluss zu einer Nachbarschaft, beispielsweise mit Spielplätzen und Fußgängerzonen, sehen wir hier nicht.

 

Fazit

Ein Mangelhaft für die Milupa

Der hessische Flüchtlingsrat legt dem Hochtaunuskreis nahe, das Milupa-Gebäude als Geflüchtetenunterkunft so schnell wie möglich zu schließen. Die Zustände sind auf vielen Ebenen mangelhaft:

  • Die sanitären Anlagen sowie die Ausstattung in der Küche sind für die Anzahl der Bewohner*innen nicht ausreichend und daher als mangelhaft einzustufen.
  • Die Inbetriebnahme eines weiteren Gewerbekomplexes als alternative zum Milupa-Gebäude lehnen wir ab. Es ist zu befürchten, dass hier viele der mit Großunterkünften einhergehenden Probleme bestehen bleiben. Die grundlegenden Konfliktherde Hygiene und fehlende Privatsphäre aufgrund von Platzmangel werden durch die neue Unterkunft nicht ausgeräumt werden können. Durch die Investition in einen weiteren Gewerbekomplex legt der Hochtaunuskreis lediglich ein weiteres Zeichen für die Fortsetzung von Lagerpolitik im Landkreis.
  • Statt mittel- und langfristig u.U. gar kostengünstiger Wohnungen zu planen, ist zu befürchten, dass der Umbau eines zum längeren Wohnen nicht geeigneten Gebäudes unnötig viel Geld kosten wird.
  • Die Politik, jahrzehntelang zu wenig in den sozialen Wohnungsbau zu investieren, fällt dem Kreis nun auf die Füße.
  • Der hessische Flüchtlingsrat empfiehlt dem Hochtaunuskreis, auf kleinere Wohneinheiten und -gemeinschaften zu setzen und dort, wo es möglich ist, den sozialen Wohnungsbau voranzutreiben.

Auch die von der Diakonie betriebene Unterkunft bleibt eine Großunterkunft, trotz hoher Standards

Die vom diakonischen Werk betriebene Unterkunft im Friedrichsdorfer Gewerbegebiet weist einen vergleichsweise hohen Wohnstandard auf. So schafft es die Diakonie, viele der „Mindeststandards zur Unterbringung, Versorgung und Betreuung Asylsuchender in Hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen“ einzuhalten, die vom Hessischen Flüchtlingsrat sowie der Liga der Freien Wohlfahrtspflege Hessen  gefordert werden. Trotz der für Gemeinschaftsunterkünfte vergleichsweise hohen Unterbringungsstandards, wird die Zahl der von der Liga empfohlenen Höchstbelegung mit 50 Personen überschritten. Auch hier kommt es zu typischen Problemphänomenen bei zu vielen Personen, die sich Küche und Bad teilen müssen. Privatsphäre und Sauberkeit werden in aller Regel auf Dauer als belastend empfunden. In Privatwohnungen würden die Bewohner*innen natürlich bevorzugt wohnen wollen.

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Wiesbaden – Hauptstadt der Großunterkünfte

Die Pressemitteilung zum Bericht finden sie hier.

Einen Kommentar zu den Stellungnahmen der Stadt Wiesbaden im Anschluß an den vom Flüchtlingsrat veröffentlichten Bericht, finden Sie am Ende des Berichtes.

Das Hotel der Verzweifelten

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Das ehemalige Hotelgebäude lädt inzwischen weniger gut zum Verweilen ein.

Fritz Rickert, 15.10.2016: Vorbei an einem Burger King, einem McDonalds und einem Tierheim geht es diesmal zu einem ehemaligen Hotel in der Mainzer Straße. Auch abgesehen von dieser Nachbarschaft, ist dieses alles andere als idyllisch zwischen Bahngleisen und Autobahnzubringer gelegen. Bereits zuvor wurde uns die erdrückende Atmosphäre dieser, schon seit Anfang der 1990er Jahre genutzten, Großunterkunft geschildert. Die ganze Dimension dessen wird uns beim ersten Anblick und schließlich bei der Begehung dieses grauen Klotzes deutlich.

 Es wird gespart wo es nur geht – Alt, stickig, spartanisch und kaputt!

Unterwegs in „Gemeinschaftsküchen“…

Erwartet wird unsere kleine Gruppe diesmal von Nuri* und seinen zwei noch minderjährigen Brüdern, die uns schließlich durch die Unterkunft führen und uns Einblicke in ihre wahrlich triste Wohnsituation ermöglichen. Durch einen dunklen Eingangsbereich geht es einige Treppen hoch und weiter durch heruntergekommene und nur spärlich gestrichene alte Metalltüren und entlang langer Flure, welche die Hotelgeschichte dieses Hauses deutlich machen. Auch wenn die Küche am anderen Ende des Flures liegt, ist ihr Geruch überall präsent. Es ist stickig und riecht nach Fett. Unsere Gastgeber erzählen uns, dass jeweils ca. 50 der rund 400** Bewohnerinnen und Bewohner sich eine Küche teilen. Als wir eine dieser Küchen schließlich erreichen, entlarvt sich der hier genutzte Begriff der „Gemeinschaftsküche“ als reiner Euphemismus: Auf ca. 16 qm stehen den Bewohner*innen hier in einem komplett gefliesten Raum fünf zum Teil nicht funktionsfähige Herde und ein Stuhl zur Verfügung. Neben dem durchdringenden Geruch wird diese für Zubereitung von Essen alles andere als einladende Einrichtung lediglich nur noch von einem Feuerlöscher sowie einer einzigen Spüle ergänzt. Nicht einmal ein Mülleimer ist zu finden. Hier wird gespart wo es nur geht.

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Nur zum Teil gestrichen…
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… und kaputt.

…Fluren…

Dieser Eindruck setzt sich leider während des gesamten Besuches fort. Wir passieren Türen, die Löcher haben und sich weder schließen noch abschließen lassen. Viele Türrahmen sind nicht vernünftig gestrichen. Offensichtlich gibt es keine ausreichenden Strukturen – renoviert wird hier wenig bis gar nicht.

… und Zimmern.

Dass sich dieser Zustand jedoch nicht nur auf die von allen genutzten Flure und Küchen beschränkt, müssen wir leider beim Betreten der Zimmer unserer Gastgeber feststellen. Lüften scheint hier schwierig. Beim Versuch das Fenster zu öffnen, fällt es einem entgegen und das Wiederverschließen braucht Minuten. Wie die Küche, sind auch die Zimmer nur spartanisch eingerichtet. Statt Betten gibt es lediglich Matratzen und auch Schränke sind Mangelware. Den kleinen Tisch hinten in der Ecke entdecken wir erst beim dritten Hinsehen. Da für die drei Personen nur ein einziger Schrank für Kleidung zur Verfügung steht, muss auch dieser zur „Aufbewahrung“ von persönlichen Dingen dienen.

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Spartanische Ausstattung auch der 2- bis 4-Bettzimmer.

Auch wenn der Hotelcharakter des Hauses dieses alles andere als wohnlich macht, hat dieser doch zumindest einen bedeutenden Vorteil: Jedes Zimmer hat seine eigene Nasszelle. Ein Umstand, den alle Bewohner*innen, mit denen wir sprechen, hervorheben. So ermöglicht er ihnen doch zumindest ein bisschen mehr Privatsphäre und bewahrt sie davor, nachts über die langen Flure schleichen zu müssen. Doch auch hier ist der Zustand miserabel. Türen lassen sich teilweise nicht schließen und uns wird gar von einer fehlenden Nasszellentür erzählt. Betritt man diese, umgibt einen ein modriger und an Schimmel erinnernder Geruch.

Konfliktgeladen – Dreckig, Laut und Eng!

Auf dem Weg zurück, laufen wir durch einen weiteren Flur. Wie auch die anderen, wirkt auch dieser dreckig. Zwar putzen einige der Bewohner*innen regelmäßig für 0,80 € die Stunde die von allen genutzten Bereiche, bei der hohen Anzahl an Menschen hält der saubere Zustand aber nur kurz an.

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Die Flure laden nicht zum Verweilen ein.
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Aufenthalts- und Spielzimmer für Kinder fehlen.

Im Flur sehen wir einige Kinder auf dem Boden spielen. Hier wird deutlich, dass nicht nur die engen Platzverhältnisse und die mangelnde Hygiene Probleme darstellen. Offensichtlich fehlt es an Gemeinschafts- oder Kinderräumen. So sind die Kinder gezwungen in den ungemütlichen Gängen zu spielen, was wiederum zu einem weiteren Anstieg des ohnehin hohen Lautstärkepegels führt. Doch auch abends ist ein hoher Lautstärkepegel präsent. „Wegen der Lautstärke kann ich häufig nicht schlafen. Außerdem habe ich oft Probleme mich auf meine Hausaufgaben und das Deutschlernen zu konzentrieren“, beklagt sich Aziz*, der jüngste der drei Brüder. Durch die Einrichtung von Gemeinschafts- und Kinderspielräumen würde sich die Situation wohl für alle Beteiligten deutlich entspannen.

Letztlich führt auch diese Enge und fehlende Privatsphäre zu einer sehr angespannten Atmosphäre. „Streit und Konflikte in der Unterkunft zählen leider zur Normalität“ berichtet Nuri. Sei es in der Küche, im Flur oder auch unter den häufig zusammengewürfelten Zimmermitbewohner*innen. Die Zimmer müssen sich jeweils drei bis vier Personen teilen.

Hier zeigt sich einmal mehr, dass eine solche Form der Unterbringung nicht nur an den Nerven der Bewohner*innen zerrt, welche für das Einleben in einer neuen Umgebung dringend nötig sind. Darüber hinaus erschwert sie ganz konkret die Versuche erfolgreich zur Schule zu gehen und Deutsch zu lernen.

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Herunter gekommener Zustand auch von Außen.

Fehlende Sozialbetreuung

Bei der Frage, an wen sie sich bei Problemen wenden können, zucken unsere Gastgeber die Schultern. Auf weitere Nachfrage bestätigen sie schließlich, dass es zwei Sozialarbeiter*innen gibt, welche jedoch nur einmal die Woche für gut zwei Stunden anwesend seien. Eine fundierte Unterstützung von 400 Personen ist hier illusorisch. Entsprechend wundert es nicht, dass einige Bewohner*innen von diesem Angebot noch nicht einmal zu wissen scheinen.

„So schnell wie möglich raus!“ – Aber wie?

„Nichts ist gut an dieser Unterkunft“, resümiert Nuri schließlich. Er möchte „so schnell wie möglich raus“. Doch alle Versuche eine Wohnung zu finden scheiterten bisher. Desillusioniert vom Wiesbadener Wohnungsmarkt, hat er inzwischen aufgeben zu suchen

Repressiv? – Eingeschüchterte Unterstützer*innen

Von sehr problematischen Zuständen in der Mainzer Straße hatten wir schon vor längerem erfahren. Doch gestaltete sich die Organisation des Besuches schwieriger, als anfangs angenommen. Bei der Kontaktaufnahme mit Personen vor Ort, begegneten wir einem Klima der Angst. So galt es zunächst einen neutralen Ort zu finden, um in Ruhe mit Nuri, seinen zwei minderjährigen Brüdern und weiteren Personen über die Wohnsituation in der Mainzer Straße zu sprechen. Einige trauten sich nicht uns in der Nähe der Unterkunft zu treffen oder diese gar gemeinsam zu betreten. Hintergrund war ihre Angst vor Repression von Seiten der Behörden und des Unterkunftsbetreibers. In einer anderen Unterkunft war zuvor einem Mitarbeiter gekündigt worden, nachdem dieser Personen vom Wiesbadener Flüchtlingsrat Einblicke in die Zustände der Unterbringungssituation ermöglichte.

Weitere Mängel?!

Im Kontext unseres Besuches wurde uns über diese Punkte hinaus über weitere kritische Aspekte in Bezug auf den Zustand der Unterkunft erzählt. Teil dieser waren unter anderem die Infragestellung der Sicherheit der Treppen (da Fließen gebrochen seien) sowie des Kinderspielplatzes. Bei letzterem würde es scharfkantige Fließen geben und Balancierstäbe nahe an Bordsteinen verlaufen und so eine Gefahr für herunterfallende Kinder darstellen. Eine weitere Klage die uns erreicht stellen die zum Teil tauben Fensterscheiben in den Zimmern dar. Aufgrund des Umfanges der vermeidlichen Mängel bestand bei unserem Besuch jedoch nicht die Möglichkeit, alle hier genannten Aspekte zu überprüfen.

Letztlich wird in der Mainzer Straße deutlich, dass auf allen Ebenen massiv gespart wird. Die Mainzer Straße ist so stark überbelegt, wie sie heruntergekommen ist. Es bedarf dringendst einer Reduzierung der Belegung und einer Vergrößerung des für die restlichen Bewohner*innen zur Verfügung stehenden Raumes. Darüber hinaus braucht es unbedingt eine bessere Ausstattung und vor allem eine grundlegende Renovierung. Doch auch die Sozialbetreuung ist ungenügend ausgestattet. Auch hier ist eine grundlegende Ausweitung der Kapazitäten von Nöten.

Die Masse macht’s – Prekäre Zustände auf acht Stockwerken

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Eine der größten kommunalen Unterkünfte in Hessen.

Unsere zweite Station in Wiesbaden ist das ehemalige Bürogebäude in der Hans-Bredow-Straße. Erst beim Betreten, im Fahrstuhl und schließlich auf den langen Gängen, wird uns die enorme Dimension dieser Unterkunft bewusst.

Das Gebäude wirkt auf den ersten Blick jung und gut ausgestattet. Es gibt mehrere Aufzüge und die Zimmer haben eine Größe von bis zu 25 qm. Dieser Eindruck relativiert sich allerdings schnell, wenn man sich vor Augen führt, dass hier insgesamt bis zu 750** Personen und zum Teil mit sieben anderen Personen in einem Zimmer untergebracht sind.

Verabredet sind wir diesmal mit zwei Frauen aus Syrien und Eritrea, die uns in ihre Zimmer einladen, welche sie sich mit ihren Kindern und Partnern teilen. Beide Zimmer, in die wir gehen, wirken auf den ersten Blick sehr sauber und hell, aber schnell überfällt einen das Gefühl der Enge.

Besonders schwierige Situation für Kinder, Schüler*innen und unhygienische Zustände

Die Frauen klagen über zu wenig Platz und Raum. Besonders belastend ist die Situation, da es auch in dieser Unterkunft an Aufenthaltsbereichen für Erwachsene und Kinder fehlt. Die Bewohnerinnen belastet vor diesem Hintergrund insbesondere der fehlende Bewegungsfreiraum für die Kinder. Neben den Mehrbettzimmern und den Fluren, stellt der Parkplatz vor der Tür letztlich die einzige Möglichkeit für Kinder dar, sich zu bewegen und zu spielen.

Die Mütter sind außerdem besorgt über den Dreck und Müll, der sich in den Fluren und Küchenecken sammele. Hautkrankheiten bei den Kindern führen sie auch hierauf zurück. Doch beklagen die Frauen im Allgemeinen, die auch von uns wahrgenommenen, schwierigen Hygienezustände. Aus den Küchen stinkt es bis in die Flure und wenn man nicht aufpasst, auch bis in die Zimmer herein. Auch wir können uns ein Bild davon machen, dass die zu wenigen Bäder schmutzig und abstoßend sind. Früher gab es noch einen 1€-Putzdienst, welcher zu kurzfristiger Sauberkeit verhalf – jetzt nicht mehr.

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Geschätzt teilen sich ca. 60 Personen eine Küche.

Enge Unterbringung führt zu Konflikten

Die Unterbringung so vieler Menschen auf engem Raum führt jedoch auch darüber hinaus zu vielfachen Problemen. So herrscht auf den Zimmern und Fluren ein konstanter Lautstärkepegel und Rückzugszonen im eigenen Zimmer werden verunmöglicht. In einem Gespräch berichtet uns eine jugendliche Schülerin, dass es für sie in den großen Zimmern häufig schlicht unmöglich sei, Hausaufgaben zu machen oder Deutsch zu lernen. Es fehlt an Ruhe- und Arbeitsräumen.

Doch auch abgesehen von der hohen Belegung der Zimmer, fehlenden speziellen Räumlichkeiten, sowie den unhygienischen Zuständen, beklagen sich unsere Gastgeberinnen über weitere Folgen davon, mit so vielen Personen auf engem Raum unter gebracht zu sein: Jeweils schätzungsweise 60 Bewohner*innen eines Flures müssen sich eine Küche teilen, um welche es (auch während unseres Besuches) regelmäßig Auseinandersetzungen gibt.

Selbiges gilt für die Möglichkeiten zu waschen. So besteht der Zugang zu den Waschmaschinen im Keller wohl nur wenige Stunden am Tag und viele, der für 750** Personen ohnehin zu wenigen, Maschinen seien häufig defekt. Eine unserer Gastgeberinnen erzählt, dass sie sich jedes Mal erneut überlegt, ob sie nicht doch lieber per Hand wäscht, denn in der Regel stehen „50 Personen vor einem in der Schlange an“ und „es herrscht das Recht des Stärkeren“. Die Waschmaschinensituationen führt also ebenfalls häufig zu Konflikten, die es lieber zu vermeiden gilt.

Fehlende Wasch- und Trocknungsmöglichkeiten

Unsere Gesprächspartnerinnen zeigen uns Hautausschläge bei sich und ihren Kindern. Diese führen sie auf das starke Waschmittel zurück, welches sie aufgrund der unhygienischen Waschmaschinen und sonstigen Waschmöglichkeiten gezwungen seien zu benutzen.

Dass die Wäsche auf den Zimmern getrocknet werden muss, stellt insbesondere für die vielen Menschen mit Kindern ein Problem dar. In der Regel müssen die Möbelstücke als Wäscheständer dienen und können so nur bedingt genutzt werden. Neben einer weiteren Beengung des ohnehin schon knappen Wohnraumes, stellt die, insbesondere bei Familien auftretende, konstante hohe Luftfeuchtigkeit, eine weitere Belastung dar.

Häufig ausfallende Aufzüge

Die häufig ausfallenden Aufzüge stellen ein weiteres Problem für Personen in höheren Stockwerken dar. Neben dem auch hierdurch erschwerten Waschen mit den Maschinen im Keller, gilt dies insbesondere für Eltern mit Kinderwägen oder Kleinkindern, älteren, sowie alle anderen Personen, die größere Einkäufe mit nach Hause bringen möchten.

Probleme mit sexueller Belästigung und Beschwerdemanagement

Die Bewohnerinnen berichten uns, dass sie sich nicht trauen, spät abends und nachts Küche oder Bäder aufzusuchen. Dies sei eine Reaktion auf die häufigen sexuellen Belästigungen, die sie durch Unbekannte erfahren. Denn bei einer Unterkunft mit mehreren hundert Menschen und häufiger Fluktuation ist Anonymität kein Wunder. Es seien Fälle auf allen Etagen bekannt, was zu einer allgemeinen Angst unter den Betroffenen führt. Beschwerden haben bisher nichts bewirkt und die Frauen haben nicht das Gefühl, als habe das Personal ein Ohr für sensible Themen dieser Art.

Doch gelte dies im Grunde auch für die meisten anderen Beschwerden, wie uns die Frauen berichten. So lebe eine der Familien mit einem Loch in der Decke, was viel Staub verursacht und einen Einblick in die dort verlaufende Verkabelung der Unterkunft ermöglicht. Die zweite Familie hat eine kaputte Zimmertür und fürchtet Einbrüche, weshalb eigentlich immer jemand im Zimmer sein müsse. Auf die Nachfrage, ob sich unsere Gesprächspartnerin dadurch nicht eingesperrt fühle, erwidert sie: „Ich würde das nicht mit einem Gefängnis, sondern mit einem Friedhof vergleichen“.

Schlechte Anbindung und fehlende Nachbarschaft

Mit seiner Lage in einem Gewerbegebiet am Rande von Wiesbaden, liegt die Unterkunft abseits von einer klassischen Nachbarschaft, in welcher man Kontakt zu Nachbar*innen aufbauen könnte. Unsere Gesprächspartner*innen berichten uns, dass es an Spielplätzen, Cafés oder anderen sozialen Treffpunkten fehlt. Sie fühlen sich hier stark isoliert. Freizeitangebote, Sprach- oder sonstige ehrenamtliche Angebote bestehen fast keine und auch Einkäufe müssen mit Bus und Bahn in die Unterkunft befördert werden. Eine Situation, welche insbesondere die Mütter beklagen.

Beim Verlassen der Unterkunft werden wir von einem der hier wohl häufig stattfindenden Polizeieinsätze überrascht. Mehrere Polizeiwagen stehen vor der Tür. Wir erfahren nicht konkret, worum es diesmal geht, doch bestätigt sich für uns einmal mehr, dass die Unterbringung von vielen hundert Menschen auf engem Raum über Wochen und Monate gänzlich ungeeignet ist. Die beschriebenen alltäglichen Konflikte sind offensichtlich Teil der traurigen Realität großer Lager in Wiesbaden.

Belastende Zustände auch in der Containerunterkunft

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Belastende Zustände herrschen auch in der Containerunterkunft in der Otto-Wallach-Straße. Hier leben seit ca. einem Jahr rund 200** Personen, jeweils zu zweit in einem Container. Beim Besuch mehrerer Bewohner*innen, bestätigen sich die Probleme, die wir bereits bei anderen Containerunterkünften kennen lernen mussten. Die Bewohner*innen klagen insbesondere über fehlende Privatsphäre, nicht-funktionierendes Internet, schlechte Wärmeisolierung sowie einen hohen Lautstärkepegel aufgrund der extremer Hellhörigkeit und der fehlenden, von den Bewohner*innen gewünschten, Aufenthaltsräume. Beim Besuch müssen wir leider feststellen, dass auch hier die sanitäre Situation unbefriedigend ist. Aufgrund der Vielzahl an Benutzer*innen der Bäder und Toiletten, seien diese stets dreckig, wird uns berichtet. Zudem würde es in den Duschen an Privatsphäre fehlen, da es hier statt Türen nur Duschvorhänge gibt. Dass Platz zum Trocknen von Wäsche fehlt, stellen wir beim Besuch der Bäder ebenfalls fest – sie sind voll behangen mit nasser Wäsche.

Auf Nachfrage nach den Küchen wird uns zudem berichtet, dass es auch für die Anzahl der hier lebenden Personen zu wenig Küchen geben würde. Sie seien immer voll und zudem dreckig, so unsere Gastgeber*innen.

Die Unterstützung durch Sozialarbeiter*innen ist ebenfalls ungenügend. Sozialarbeiter*innen gibt es auch für diese Unterkunft nur rotierend. Für jeweils drei Stunden kommen zwei Sozialarbeiter*innen zwei Mal die Woche vorbei. Viel zu wenig, um die hier lebenden Menschen wirklich unterstützen zu können. Doch zum Glück gibt es in der Nachbarschaft zumindest das Cometogether-Café. Mit viel Energie haben Ehrenamtliche hier einen regelmäßig offenen Raum geschaffen, in denen die Bewohner*innen der Großunterkunft und aus der restlichen Nachbarschaft sich treffen können. „Hier lerne ich mal andere Leute kennen und bekomme zwei Mal die Woche Deutschunterricht von Freiwilligen“, erzählt uns eine Bewohnerin.

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Wäsche wird in den Duschen getrocknet – es fehlt an Raum.
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Kompakt und spartanisch: Bewohner*innen zeigen uns ihr Containerzimmer.

Hauptstadt der Großunterkünfte?! Ein hausgemachtes Problem

Der Besuch dieser zwei Großunterkünfte reiht sich in die allgemeine Unterbringungssituation von Asylsuchenden in Wiesbaden ein. Bereits seit längerem wird deutlich, dass die Unterbringungspolitik der Stadt stärker auf Großunterkünfte ausgerichtet ist, als dies noch in den 1990er Jahren der Fall war. Damals wurde verstärkt versucht Personen in dezentralen, kleinen Wohneinheiten unter zu bringen.

Betrachtet man die Unterbringungen in den letzten Jahrzehnten, offenbart sich, dass sich die durchschnittliche Größe der Unterbringungen in Wiesbaden in den letzten Jahrzehnten deutlich verschlechtert hat: kamen 1994 im Durchschnitt auf eine Unterkunft etwas über 30 Personen, sind aktuell im Durchschnitt ungefähr 60 Personen gezwungen in einer Unterkunft zu wohnen. Die absolute Anzahl der unter zu bringenden Menschen kann hierbei nicht als Argument für Großunterkünfte aufgeführt werden – lag diese Zahl 1994 bei ca. 4500, liegt sie aktuell bei lediglich rund 2900.

Die aktuelle Situation der vielen Großunterkünfte in Wiesbaden ist insbesondere mit der forcierten Unterbringungspolitik hin zu Großunterkünften ab Mitte der 1990er Jahre zu erklären. Anstatt die damals sinkenden Zahlen von Asylsuchenden zu nutzen, um kleine Unterkünfte und dezentrale Unterbringung zu konsolidieren und aus zu bauen, wurden all diese geschlossen, während die Großunterbringung in der Mainzer Straße bestehen blieb.

Eine verpasste Chance, um bei einer erneuten steigenden Anzahl von Schutzsuchenden Massenunterbringungen wie die aktuellen zu vermeiden. Eine Politik, die der Stadt nun auf die Füße fällt. Auch wenn der Wille hin zu dezentraler Unterbringung von der Stadt immer wieder betont wird, sieht die aktuelle Situation gänzlich anders aus und lässt sich – selbst bei ernsthaften Ambitionen – nun nur schwer wieder ändern. Hierzu braucht es dringend neu geschaffenen sozialen Wohnraum, auf dessen Belegung die Stadt, im Sinne der Integration verschiedenster gesellschaftlicher Gruppen, Einfluss hat.

* Name geändert

** Die hier verwendeten Zahlen beruhen auf Angaben von Bewohner*innen, vor Ort ehrenamtlich Engagierten sowie auf vor Ort vorgenommenen Schätzungen während des Besuches. Inzwischen stellte die Stadt Wiesbaden die aktuellen Zahlen vor. Nach diesen sind aktuell in der Hans-Bredow-Straße 491 Personen, in der Mainzer Straße 359 Personen und in der Otto-Wallach-Strasse 240 Personen untergebracht (vgl. Hessenschau vom 24.01.2017).


 

 

Ein leichtes die „Vorwürfe“ zu entkräften??

 

Kommentar zu den Stellungnahmen der Stadt Wiesbaden nach dem vom Flüchtlingsrat veröffentlichten Bericht

31.05.2017: Nach der Veröffentlichung des Berichtes zur Wohnsituation von Geflüchteten in Wiesbaden, reagierte die Stadt in der Presse sogleich auf den von uns beschriebenen Sachverhalt. In Presseberichten äußerte sich der Sozialdezernent und Bürgermeister der Stadt Wiesbaden, Arno Goßmann, zu den in unserem Bericht beschriebenen Unterbringungssituationen von Geflüchteten. Neben der Anerkennung einiger weniger Missstände, widersprach er der Kritik des Flüchtlingsrates und äußerte vor allem Unverständnis. „Es wäre ein leichtes gewesen, die Vorwürfe zu entkräften“, betonte Goßmann. Beim schnellen Lesen seiner Aussagen, fällt es leicht, ein anderes Bild von der Unterbringungssituation in Wiesbaden zu bekommen, als vom Flüchtlingsrat dargestellt. Der Flüchtlingsrat hat sich seine einzelnen Aussagen noch einmal genauer angeschaut. Hierbei wird deutlich, dass die „Vorwürfe“, welche aus dem Bericht hervorgehen, von Seiten der Stadt leider bisher keinesfalls entkräftet werden.

Grundsätzlich sei zunächst zu betonen, dass der Hessische Flüchtlingsrat in seinen Berichten über Unterbringungssituationen in Hessen beschreibt, was die Mitarbeitenden vor Ort sehen und von den Bewohner*innen der Unterkünfte erfahren. Der Fokus liegt gerade nicht darauf, was Absichten oder auch Vorgaben der verantwortlichen Landkreise und Kommunen sind. Im Gegenteil: die Berichte dienen dazu, eine vor Ort tatsächlich vorgefundenen Situation zu beschreiben und dabei insbesondere die Perspektiven der Bewohner*innen zu berücksichtigen. Erst hierdurch ist ein Abgleich zwischen formulierten Absichtserklärungen verantwortlicher Akteure und der Realität vor Ort möglich. Verantwortliche und andere Interessierte können so einen Eindruck davon bekommen, wo eventuell noch blinde Flecken in ihrem bisherigen Wissen- und Wahrnehmungsstand zu der von uns vorgefundenen Situation in den Gemeinschaftsunterkünften bestehen und Maßnahmen ergreifen, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

Engagement und Stellungnahme der Stadt Wiesbaden wird begrüßt

Der Hessische Flüchtlingsrat begrüßt, dass die Stadt Wiesbaden zu seinem Bericht Stellung bezieht. Betrachtet man die einzelnen getätigten Aussagen des Sozialdezernenten, wird zunächst als positiv gesehen, dass Herr Goßmann gegenüber der Presse anerkennt, dass es in den besuchten Unterkünften „mit Sicherheit unzufriedene Bewohner [gibt], die gerne eine Wohnung hätten.“ Man müsse ja nur mal überlegen, „wie lange die dort zum Teil schon leben“, so Herr Goßmann. Ebenfalls zu begrüßen ist seine Aussage, sich der schlechten baulichen Gegebenheiten in der Mainzer Straße anzunehmen. Die Unterkunft müsse „natürlich“ saniert werden, so der Sozialdezernent und Bürgermeister. Als weiteren positiven Aspekt sieht der Flüchtlingsrat die von Herrn Goßmann formulierte Absicht der Stadt, Großunterkünfte schließen zu wollen. Wie bereits im Bericht beschrieben, nimmt auch der Hessische Flüchtlingsrat das außerordentliche Engagement der Zivilgesellschaft und auch das Engagement der Stadt Wiesbaden beim Thema Geflüchteter wahr. Die Erarbeitung des Integrationskonzeptes der Stadt sowie des GU250 plus-Konzeptes für Unterkünfte mit mehr als 250 Bewohner*innen, können als Schritte in eine richtige Richtung betrachtet werden.

 

Der Versuch der Stadt Wiesbaden die Vorwürfe zu entkräften – Aussagen im Einzelnen:

Vor dem Hintergrund des Engagements der Stadt Wiesbaden, sollten jedoch aktuelle und konkrete kritische Aspekte in Bezug auf Unterbringungssituationen in Wiesbaden nicht unter den Tisch fallen und müssen entsprechend benannt werden. Es ist dem Engagement von Bewohner*innen und Engagierten zuzuschreiben, dass wir auf die Unterbringungssituation in Wiesbaden aufmerksam wurden. Während unserer Besuche in den genannten Unterkünften mussten vor Ort leider tatsächlich sehr viele dramatische Aspekte festgestellt werden. Entsprechend wurde hierüber berichtet. Die Berichterstattung hierüber versuchte die Stadt Wiesbaden, vertreten durch den Bürgermeister und Sozialdezernent Herrn Goßmann, in Gesprächen mit der Presse zu entkräften. Im Folgenden wird dargelegt, warum die Perspektive des Flüchtlingsrates nicht mit den Aussagen der Stadt übereinstimmt:


Herr Goßmann wies die Kritik an der Überbelegung in zwei der genannten Unterkünfte zurück und verwies darauf, dass keine der Unterkünfte zu 100% belegt sei und die Belegungszahlen falsch angegeben worden wären:

Aus Sicht des Flüchtlingsrates sind Zimmer oder Unterkünfte zu hoch belegt, sobald eine Belegung zu einer schlechten Unterbringungssituation mit einer starken Belastung der Bewohner*innen führt und ihre gesellschaftliche Teilhabe stark einschränkt. Die zur Vorbeugung einer solchen Belastung vom Flüchtlingsrat und der Liga der Wohlfahrtsverbände vorgeschlagenen Mindeststandards sind hier zu finden. Von einer Überbelegung kann somit auch dann gesprochen werden, wenn die von den betreibenden Behörden vorgesehen Plätze nicht alle belegt sind. Dies hat nach dem Bericht des Flüchtlingsrates sowohl bei dem Besuch der Hans-Bredow-Straße, als auch der Mainzer Straße in Wiesbaden zugetroffen.

Darüber hinaus gilt zu betonen, dass selbst die von der Stadt angegebenen Belegungsquoten nicht auf die Belegung der einzelnen Zimmer und somit auch nicht auf die tatsächliche Unterbringungssituation für die dort lebenden Menschen hinweisen. Was nützt den Bewohner*innen einer Unterkunft leerstehende Zimmer, wenn die genutzten dennoch bis an das Maximum der von den Behörden festgelegten Kapazitäten belegt werden? So wurde den Mitarbeitenden des Flüchtlingsrates bei Ihrem Besuch in der Mainzer Straße berichtet, dass die Unterkunft zwar nicht voll belegt sei und es freie Zimmer gäbe. Statt alle Zimmer zu belegen und so der engen belastenden Wohnsituation in den bewohnten Zimmern zu begegnen, schien es, dass diese freien Zimmer jedoch lieber leer stehen gelassen wurden.

Ferner bezieht sich eine Überbelegung nach Auffassung des Flüchtlingsrates schließlich nicht allein auf die Situation in den Zimmern, sondern auch auf die sonstige Ausstattung der Unterkunft, wie z.B. der Küchenausstattung, Sanitäranlagen und Aufenthaltsräume. Auch diesbezüglich fand der Flüchtlingsrat in den besuchten Unterkünften zum Teil sehr prekäre Wohnsituationen vor, welche im Bericht näher beschrieben wurden. Vor diesem Hintergrund kann somit sehr wohl von Überbelegung gesprochen werden.

Wie beschrieben, beruhten die zunächst im Bericht angegebenen Belegungszahlen auf Angaben von Bewohner*innen, vor Ort Engagierten als auch vor Ort vorgenommenen Schätzungen durch Mitarbeitende des Flüchtlingsrates. Nach der Veröffentlichung des Berichtes, stellte die Stadt Wiesbaden die offiziellen Zahlen vor. Sowohl für die Mainzer-Straße als auch für die Otto-Wallach-Straße – wo die tatsächliche Belegung sogar noch höher ausfiel, als zunächst von uns geschätzt – stimmten die vom Flüchtlingsrat angegebenen Zahlen in etwa mit denen der Stadt überein. Die Belegung in der Hans-Bredow-Straße stellte sich dahingegen als geringer heraus, als dem Flüchtlingsrat vor Ort mitgeteilt wurde. Doch wie eingangs dargelegt, geht es viel weniger um tatsächliche Zahlen, sondern viel mehr um die erlebte Situation der in den Unterkünften lebenden Menschen. Unabhängig von den durch die Stadt exakt angegebenen Zahlen, bleiben somit aus den oben genannten Gründen die Kritikpunkte des Berichtes bestehen.


Herr Goßmann gibt an, der Flüchtlingsrat hätte behauptet, dass die Stadt Wiesbaden „seit 1990 verstärkt Großunterkünfte belegt“. Im Interview weißt er diese Aussage dann mit dem Argument zurück, dass es in Wiesbaden schließlich auch früher schon Großunterkünfte gegeben habe.

Dass Wiesbaden „seit 1990 verstärkt Großunterkünfte belegt“, hat der Flüchtlingsrat nicht behauptet. Zu Recht wurde im Bericht des Flüchtlingsrates jedoch beschrieben, dass ein solcher Trend ab Mitte der 1990er Jahre in Wiesbaden zu beobachten ist. Konkret wurden in der Vergangenheit vor allem kleinere Unterkünfte geschlossen, wohingegen die Großunterkünfte bestehen blieben. Erst hierdurch hat sich die aktuelle Situation ergeben, dass heute viele kleinere Unterkünfte fehlen und besonders viele Menschen gezwungen sind in Großunterkünften zu leben. Weiter wurde im Bericht beschrieben, dass im Vergleich zu früher die durchschnittliche Anzahl von Bewohner*innen in Wiesbadener Unterkünften gestiegen sei – und dies obwohl zwischendurch und bis heute sogar deutlich weniger Menschen untergebracht werden müssen, als dies in den 1990er Jahren der Fall war. Dass es leider auch früher schon Großunterkünfte in Wiesbaden gegeben hat, ist dem Flüchtlingsrat bekannt. Herr Goßmann widerlegt die Aussagen des Berichtes somit nicht.


Die Alternative zu Großunterkünften wäre, so legte Herr Goßmann nahe, dass Leute in Turnhallen untergebracht werden müssten.

Ob in Wiesbaden kurzfristig die einzige Alternative zu Großunterkünften eine – in der Tat noch deutlich fragwürdigere – Unterbringung in Turnhallen wäre, kann der Flüchtlingsrat nicht beurteilen. Wie im Bericht ausgeführt, erkennt auch der Flüchtlingsrat die angespannte Wohnraumsituation in Wiesbaden. Wie oben beschrieben, wurden Fehler in Bezug auf kleinere Unterkünfte und in der Wohnraumpolitik, die zum schön länger bestehenden Wohnraummangel führte, insbesondere in der Vergangenheit gemacht. Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation, stellt der Flüchtlingsrat nicht die Forderung, die aktuellen Unterkünfte sofort zu schließen. Doch auch angenommen, die Unterbringung von Menschen in Großunterkünften ließe sich kurzfristig nicht vermeiden, sollten sich die genutzten Unterkünfte – zumindest bis zur Schaffung geeigneterem Wohnraumes – zumindest in einem guten Zustand befinden, statt heruntergekommen oder schlecht ausgestattet zu sein. Dies kann einmal mehr von einer wohlhabenden Stadt wie Wiesbaden, welche zudem ihr Engagement im Bereich Geflüchteter bewirbt, erwartet werden.


Wo Herr Goßmann in einem Pressegespräch nachvollziehen konnte, dass es „mit Sicherheit unzufriedene Bewohner“ gäbe, gab er bei einem zweiten Pressegespräch an, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der Mainzer Straße „durchaus zufrieden“ seien und nicht ausziehen wollen.

Leider nennt Herr Goßmann bei dieser Aussage nicht, woher er diese Informationen bezogen hat. Um beurteilen zu können, ob die Bewohnerinnen und Bewohner in dieser Unterkunft tatsächlich zufrieden sind, sollten diese, nach Meinung des Flüchtlingsrates, selbst gefragt werden. In den Gesprächen des Flüchtlingsrates mit den Bewohner*innen der Mainzer Landstraße wurde deutlich, dass die Betroffenen zu einer gänzlich anderen Einschätzung in Bezug auf ihre Zufriedenheit kommen, als dies Herr Goßmann tut.


Auf die vom Flüchtlingsrat übermittelten Aussagen von Bewohnerinnen, dass in der Hans-Bredow-Straße Angsträume für Frauen bestünden und auf Beschwerden keine Reaktion folgen würde, entgegnete Herr Goßmann im Pressegespräch, dass es Ansprechpartner vor Ort gäbe und jede hilfesuchende Frau entsprechende Hilfe bekäme.

Den Willen der Stadt, alle Frauen entsprechend zu unterstützen, die sich an Ansprechpartner vor Ort wenden, begrüßt der Flüchtlingsrat natürlich. Ob diese Strukturen jedoch ausreichen und angemessen kommuniziert wurden und Ansprechpartner*innen zum Zeitpunkt der Recherche die notwendigen Kapazitäten hatten, um tatsächlich erreichbar zu sein und zu unterstützen, stellen die von uns dokumentierten Aussagen in Frage.

Zum Thema Schutz von Frauen in Unterkünften ist auch auf die vom BMFSFJ und UNICEF erarbeiteten Mindeststandards zum Schutz von Kindern, Jugendlichen und Frauen in Flüchtlingsunterkünften hinzuweisen.


Herr Goßmann widersprach dem Bericht des Flüchtlingsrates, welcher für alle besuchten Unterkünften ein schlechtes Betreuungsverhältnis zwischen Sozialarbeiter*innen und Bewohner*innen feststellte. Konkret hieß es im Bericht, dass eine angemessene Unterstützung der Bewohner*innen nicht gegeben sei. Herr Goßmann begegnete dem mit der Aussage, dass die Stadt jedoch auch hier „gut aufgestellt“ sei. Zudem verwies er auf das vom Stadtparlament veröffentlichte Konzept GU250 plus. In diesem wäre u.a. der Personalschlüssel angepasst und für Unterkünfte mit mehr als 250 Plätzen drei zusätzliche Sozialarbeiter*innenstellen geschaffen worden.

Der Flüchtlingsrat begrüßt das Konzept GU250 plus und die Absicht weitere Sozialarbeiter*innen einzustellen. Leider geben verabschiedete Konzepte und Personalschlüssel alleine jedoch nicht die tatsächliche Situation vor Ort wieder. Die in den besuchten Unterkünften vorgefundene Situation in Bezug auf die Unterstützung von Bewohner*innen durch Sozialarbeiter*innen, war zum Zeitpunkt des Besuches leider eine gänzlich andere als von Herrn Goßmann beschrieben und wurde entsprechend wiedergegeben. Die von Herrn Goßmann erwähnten zusätzlich geschaffenen Sozialarbeiter*innenstellen können (wenn besetzt) einen guten Anfang darstellen. Bei den vorgefundenen Missständen, ist jedoch bereits absehbar, dass diese drei Stellen allein bei Weitem nicht ausreichen werden.

Fazit:

Die Stadt Wiesbaden hat im Bereich Geflüchteter bereits viel unternommen. Der Bericht des Flüchtlingsrates stellte in Bezug auf die Unterbringungssituation in drei Unterkünften dennoch bedeutende Missstände fest. Zu einigen von ihnen äußerte sich die Stadt, zu vielen jedoch nicht.

Es wird deutlich, dass die von Flüchtlingsrat benannten Missstände von Seiten der Stadt zunächst nicht entkräftet werden konnten. Auch der Flüchtlingsrat hätte sich eine Entkräftung gewünscht. Er wird die Unterbringungssituation in Wiesbaden auch in Zukunft beobachten.

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Hochtaunuskreis I – Der Flüchtlingsrat in Oberursel

Alles neu?


Charlotte Hankemeier, 26.09.2016: Wir machen uns wieder auf den Weg. Diesmal geht es nach Oberursel – in der hessischen Lagerlandschaft bekannt für eine der ältesten und schäbigsten Containerunterkünfte für Geflüchtete und gleichzeitig für die vielen aktiven Initiativen vor Ort. Vertreter*innen zweier dieser Initiativen – den Teachers on the road Oberursel und dem Refugee Cafe Oberursel – begleiten uns heute.

Bereits während der Hinfahrt im Auto erzählen sie uns von den aktuellen Kämpfen, die es um die berüchtigte Containerunterkunft in den letzten Wochen gab. Auch wenn die Schließung der Containerunterkunft seit Jahren versprochen wurde, bedurfte es unzähliger Interventionen durch die Zivilgesellschaft, bis nach fast 26-jährigem Bestehen, eine Woche vor unserem Besuch, endlich die letzten Bewohner*innen ausziehen konnten. Diese Schließung hätte kaum überfälliger sein können. So gut wie alle Betroffenen dürften dementsprechend froh gewesen sein, diesen Ort hinter sich lassen zu können, dennoch sind einige gleichzeitig auch wütend und enttäuscht über die Lage und Beschaffenheit ihrer neuen Unterkünfte. Nicht alle dürfen in die neu gebaute Containerunterkunft nebenan ziehen, einige wurden in den letzten Wochen gegen ihren Willen in andere Ecken des Landkreises verteilt und damit aus ihrem mitunter mühsam aufgebauten sozialen Umfeld gerissen.

Genau wie gegen die Existenz der alten Containerunterkunft sind auch hier Betroffene und Unterstützer*innen gemeinsam gegen die Zwangsverlegungen aktiv geworden – in Form von offenen Briefen, Demonstrationen und zuletzt mit Sitzblockaden. Zum Teil mit Erfolg: Der Landkreis reagierte schließlich mit dem Angebot, den betroffenen Asylsuchenden doch eine Unterbringung in Oberursel zu ermöglichen, wenn sie bestimmte Bindungen nachweisen können. Dazu zählen beispielsweise ein Arbeitsplatz oder der Besuch einer Schule vor Ort. Unsere Begleiter*innen sind allerdings skeptisch, inwiefern dies auch so umgesetzt wird.

Die bereits anerkannten Geflüchteten sollen jeweils zu viert in dafür neu gekaufte Wohnwagen, die auf einem Parkplatz in Oberursel abgestellt sind, umziehen. Zum Hintergrund: Spätestens ab einer Anerkennung im Asylverfahren sind Geflüchtete in Deutschland berechtigt, aus den ihnen zugewiesenen Gemeinschaftsunterkünften auszuziehen. Aufgrund der Lage auf dem Wohnungsmarkt im Rhein-Main-Gebiet ist dies aber leider oft nur Theorie – in der Praxis finden sie häufig keine Wohnung und sind so weiterhin auf eine Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften angewiesen.

Abschreckung wie aus dem Bilderbuch – die alte Containerunterkunft

 

Für uns nur von außen zu sehen: die alte Containerunterkunft.
Für uns nur von außen zu sehen: die alte Containerunterkunft.

Nach diesen Berichten sind wir sehr gespannt, was wir vor Ort vorfinden. Von dem Protest der vergangenen Tage ist auf den ersten Blick nichts mehr zu sehen. Die Szenerie um die alte und neue Containerunterkunft – nur einen Steinwurf voneinander entfernt – wirkt eher ruhig. Allerdings wird uns der Zutritt zu beiden Unterkünften verwehrt. Ein Blick auf die alte, heruntergekommene Containerunterkunft von außen reicht aber, um uns die Trostlosigkeit dieses Ortes vor Augen zu führen. Untermauert wird dieser Eindruck von eigenen Erinnerungen an frühere Besuche, Erzählungen unserer Begleiter*innen sowie aktuellen Fotos, die sie uns vom Inneren der Container zeigen: Teilweise nackter Betonboden, eine mehr als spartanische Ausstattung, kombiniert mit Müll und Dreck, der nie mehr wegzugehen scheint. Es sieht eben so aus, wie es wohl aussieht, wenn einfachste Container genutzt werden, um über 25 Jahre mehrere hundert Menschen unterzubringen. Laut unserer Begleiter*innen haben hier zuletzt um die 200 Männer und 40 Frauen gewohnt. Traurig, dass der Hochtaunuskreis – laut Focus 2013 unter den Top 20 der reichsten Kommunen Deutschlands – so lange Menschen unter diesen Bedingungen hat leben lassen.

Besser als vorher – die neue Containerunterkunft

 

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…links die alte, rechts die neue Unterkunft.

Doch glücklicherweise gehört dies nun der Vergangenheit an und wir müssen uns nur einmal umdrehen, um die neu gebaute Alternative zu sehen: Wieder eine Containerunterkunft. Diesmal aber immerhin von außen und innen verputzt. Zumindest von weitem sieht man ihr nicht an, dass sie aus Containern besteht. Auch wenn sie ebenfalls im Gewerbegebiet liegt und somit nicht in eine Nachbarschaft integriert ist, gibt es zumindest Sportplätze sowie Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe und auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind fußläufig zu erreichen. Das Innenleben können wir diesmal durch ein Video, spontan von einem Bewohner auf dem Handy gedreht, sehen. Rein dürfen wir wieder nicht. Wohl aus Angst vor weiteren Protesten und ihren Akteur*innen wurde eine Sicherheitsfirma beauftragt dafür zu sorgen, dass nur die Bewohner*innen die Unterkunft betreten. Nicht mal seinen Freunden aus dem Fußballclub durfte er sein neues Zimmer zeigen, wie der Bewohner enttäuscht berichtet.

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Auch Container – diesmal verputzt.

Draußen können wir uns mit ihm unterhalten und bekommen dabei sogar Kaffee von den Mitarbeitern der Sicherheitsfirma. Unser Gesprächspartner kommt aus Afghanistan und wirkt recht zufrieden mit seiner neuen Bleibe. Er erzählt, alles sei sehr sauber, ordentlich und eben neu. Zwei Menschen würden sich jeweils ein Zimmer teilen. Insgesamt wohnen nach seiner Aussage ungefähr 50 Menschen in dieser Unterkunft. Jeweils sechs bis acht Menschen würden sich eine Küche teilen und hätten Zugang zu einem Bad, nach Geschlechtern getrennt. Auch auf uns macht die Unterkunft für eine Containerunterkunft einen guten Eindruck und wir freuen uns gemeinsam mit unserem Gesprächspartner über diese deutliche Verbesserung. Bezogen auf die Unterkunft bedauert er allerdings, dass es bisher keinen Internetzugang für die Bewohner*innen gibt und uns fällt negativ auf, dass laut seiner Aussage ein Gemeinschaftsraum fehlt. Erfahrungsgemäß ist dieser zentral, um den Austausch zwischen den Bewohner*innen und ehrenamtlichen Unterstützer*innen zu erleichtern. Glücklicherweise haben sich die Initiativen in Oberursel inzwischen an diesen Mangel gewöhnt und sich an anderen Orten unterschiedlichste Räume für die Deutschkurse und offenen Treffen angeeignet. Wir verabschieden uns und steigen wieder ins Auto.

Dreams come true? – Wohnwagen für anerkannte Geflüchtete

 

Wir fahren zu den Wohnwagen, von denen wir heute schon so viel gehört haben. Hier sollten die bereits anerkannten Geflüchteten aus der alten Containerunterkunft hinziehen.

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Kaum erkennbar, ganz am Ende des Parkplatzes: die Wohnwagen.
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…da bleiben wir sehr skeptisch hier.

Dort angekommen fällt uns sofort das Graffiti an der Mauer hinter den Wohnwagen ins Auge: „Dreams come true“ steht dort in bunten Buchstaben geschrieben. Dass mit dieser Unterkunft die Träume der Bewohner*innen wahr werden, bezweifeln wir. Der Anblick, der sich uns bietet, lässt anderes vermuten. Akkurat aufgereiht und eingezäunt stehen hier acht Wohnwagen am Ende eines großen Parkplatzes – wie auf dem Präsentierteller. Ein Baum oder eine andere Form des Sichtschutzes fehlen.

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Selbst Campingplatzidylle sieht anders aus.

Wir wurden von einigen Bewohner*innen, die hier alle nun seit ein paar Tagen wohnen, eingeladen und betreten einen Wohnwagen. Dort nehmen wir mit zwei Bewohner*innen und den beiden Vertreter*innen der Initiativen am Tisch Platz. Uns wird schnell vor Augen geführt, dass die Einrichtung vielleicht für ein paar Tage im Urlaub ausreicht, aber keinesfalls für den täglichen Gebrauch gemacht ist: Während wir am Tisch etwas über unsere Eindrücke notieren wollen, müssen die Teetassen angehoben werden, damit nichts verschüttet wird. Und aus der geschlossenen Dusch- und Toilettenkabine lässt sich das am Tisch stattfindende Gespräch genauso gut verfolgen und auch fortführen, als säße man einen Meter weiter selbst am Tisch. Alles nichts Ungewöhnliches für einen Campingwagen, doch ist ein Campingwagen üblicher Weise eben ein Provisorium. Kaum vorstellbar wie es aussehen wird, wenn hier vier Menschen tatsächlich auf Dauer über Jahre wohnen müssen. Bestätigt wird unsere Wahrnehmung durch verschiedene Aufkleber, die noch an einigen Stellen kleben: Der Ort, an dem wir uns befinden, heißt dort „holiday home“.

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Die Dusch – und Toilettenkabine.

Die beiden Bewohner*innen empfinden ihre Situation hier als sehr beengend. In einem Wohnwagen von 32 Quadratmetern sollen vier Menschen leben. Auf dieser Fläche sind nicht nur zwei Schlafzimmer für jeweils zwei Personen, sondern auch noch die Küche, das Bad mit Dusche und Toilette und der Aufenthaltsbereich untergebracht. Nur die Waschmaschinen sind in einem separaten Container am Eingang des umzäunten Gebietes untergebracht. Rückzugsmöglichkeiten und Stauraum sind praktisch nicht gegeben. Dass geflüchtete Menschen auch Dinge besitzen, die sie irgendwo unterbringen müssen, scheint nicht bedacht worden zu sein. Von anderen Bewohner*innen hören wir später auch die Kritik, dass es keine abschließbare Aufbewahrungsmöglichkeit – beispielsweise für wichtige Dokumente – gibt. Die Bewohnerin, die mit uns am Tisch sitzt, bemängelt vor allem die Hellhörigkeit. Sie muss um halb fünf morgens aufstehen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen und wird dann wohl auch alle anderen im Wohnwagen wecken. Als Zuckerbrot im Sinne der Redewendung empfinden sie die beiden Flachbildschirme, die in jedem der Zimmer an der Wand angebracht sind.

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Küche, Wohnbereich und Stauraum.

Insgesamt ist große Enttäuschung zu spüren. Nach fast 26 Jahren Containerunterkunft haben sie sich etwas Anderes vorgestellt, wie uns der Bewohner, in dessen neuem Zuhause wir uns gerade befinden, mitteilt. Seine Geschichte ist diesbezüglich besonders tragisch. Er erzählt, dass er schon eine Wohnung gefunden hatte, aus der er aber wieder ausziehen musste, nachdem die Miete vom zuständigen Amt drei Mal nicht pünktlich überwiesen worden sei.

Hier wohnen anerkannte Geflüchtete. Das heißt, solange sie so geringe Möglichkeiten haben, günstigen Wohnraum zu finden, ist ihre Unterbringung nicht wirklich eine kurze Übergangslösung, wie diese Wohnwagen suggerieren. Es zeigt sich einmal mehr, wohin das Versäumnis, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, führt. Dementsprechend kann eine mittel- und langfristige Lösung nur aus einer veränderten Wohnraumpolitik bestehen, die sich an den Bedürfnissen der Bewohner*innen einer Stadt ausrichtet.

Wieder im Auto bekommen wir von einem unserer Begleiter*innen Artikel über die sogenannten Mobilheime aus einer Lokalzeitung vom Frühjahr 2016 in die Hand gedrückt. Dort werden die Privatsphäre und die niedrigen Kosten von ungefähr 60.000 Euro Kaufpreis pro Mobilheim gelobt. Ein Wohnwagen ist dort sogar für acht Menschen vorgesehen. Die Unterbringung wird als schnelle Lösung, die gleichzeitig menschenwürdig ist, beschrieben. Hört man den hier nun lebenden Menschen zu, vernimmt man ganz andere Töne – als menschenwürdig empfinden sie es nicht.

Zum Schluss…

Es ist nicht leicht, nach so einem Tag ein Fazit zu ziehen. Dem Kreis gehört wahrlich keine Trophäe dafür verliehen, dass es nahezu 26 Jahre gedauert hat, bis diese schäbige Containerunterkunft geschlossen wurde. Die neue Containerunterkunft, zumindest das, was wir sehen konnten, sieht aber zum Glück ganz ordentlich aus. Auch der Bewohner, mit dem wir sprechen konnten, wirkte zufrieden. Doch gehört er auch zu denjenigen, die auch weiterhin in Oberursel und in der neuen Containerunterkunft untergebracht wurden. Wenn so viel Zeit vergeht, dann sollte auch genug Zeit dafür sein, für alle Menschen, die in Oberursel bleiben wollen, eine Unterkunft in Oberursel zu finden. Wenn Menschen, nachdem sie sich eingelebt haben, zwangsweise wieder umziehen müssen, wird die viel gelobte Integration durch Behördenentscheidungen zunichtegemacht.

Mit den Wohnwagen wurde immerhin versucht eine Lösung für das Problem zu finden, dass viele Geflüchtete nach der Anerkennung im Asylverfahren keine Wohnung finden. Mit der Umsetzung sind die Betroffenen, mit denen wir gesprochen haben, aber keinesfalls einverstanden. Auch für vier Menschen sind diese Wohnwägen einfach zu klein und offensichtlich nicht für eine dauerhafte Unterbringung ausgelegt.

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Rheingau-Taunus-Kreis – Die Lagertour in Niedernhausen

Von einem ehemaligen Altenheim, einem „blauen Dorf“ und der Anonymität einer Großunterkunft


Vor der Stadt und ohne Anbindung

Fritz Rickert, 15.08.2016: Den Auftakt unserer Lagertour begehen wir mit dem Besuch dreier Unterkünfte in Niedernhausen im Rheingau-Taunus-Kreis. Bereits während der telefonischen Vorgespräche wurde uns von ganz unterschiedlichen Unterbringungsformen und vielen ehrenamtlich Engagierten erzählt, von denen uns zwei nun sehr herzlich zu einem ersten Gespräch auf ihrer idyllischen Terrasse empfangen.

Doch, dass Niedernhausen nicht gleich Niedernhausen ist, stellen wir bereits beim Besuch der ersten Unterkunft fest. Nach Verlassen des Ortes geht es auf der Landstraße erstmal einige Zeit durch den Wald. Schließlich biegt der voranfahrende Geländewagen auf ein direkt an der Straße angrenzendes Gelände: Ein ehemaliges Altenheim, welches gerade zu einer Großunterkunft für bis zu 200 Personen umgebaut wird.

Leider der einzige Treffpunkt für Bewohner*innen und Ehrenamtliche: Der Eingangsbereich.
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Baustelle im Grünen. In Zukunft sollen hier 200 Personen untergebracht werden.

Vor Ort erwartet uns bereits ein kleines Begrüßungskomitee aus einem Bundesfreiwilligendienstleistenden, der selber noch in der Unterkunft wohnt, einer Sozialarbeiterin sowie dem sogenannten Haussprecher. Letzterer ein ehrenamtlich Engagierter, der sich im besonderen Maße der Unterkunft und der Situation der Bewohner*innen vor Ort angenommen hat. Auch weitere Bewohner*innen stehen im Hof. Da dieser inzwischen als einziger Treffpunkt dient, bleibt ihnen wohl oft auch nichts anderes übrig. Wir kommen ins Gespräch und erfahren, dass der vorherige Gemeinschafts- und Unterrichtsraum in Kürze als Zimmer für weitere Geflüchtete dienen soll, was sowohl Bewohner*innen als auch Ehrenamtliche beklagen.

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Zwei Bewohner*innen zeigen uns ihr Zimmer.

Nachdem wir von den Bewohner*innen eingeladen werden, betreten wir ein frisch renoviertes Gebäude. Es wirkt insgesamt neu, hell und aufgeräumt. Jeweils zwei der aktuell rund 40 Bewohner*innen teilen sich ein Zimmer. Pro acht Zimmer gibt es je eine Küche und ein Bad. Eine Bewohnerin, die sich den Flur mit acht Männern teilt, beklagt sich über fehlende Privatsphäre, insbesondere in Bezug auf die sanitären Einrichtungen. Nicht nur, dass es keine Geschlechtertrennung gibt, die einzelnen Duschen und Toiletten sind auch noch durch Lüftungslöcher, durch die man durchschauen kann, verbunden. Trotz ihrer Beschwerden wurde daran bisher nichts geändert.

Die Duschen sind durch Lüftungslöcher mit den angrenzenden Toiletten verbunden. Nicht unproblematisch, wenn es wie hier keine nach Geschlechtern getrennten Bäder gibt.

Bei den Gesprächen mit Bewohner*innen wird zudem schnell deutlich, dass die abgelegene Lage der Unterkunft das größte Problem darstellt. Der Ort inklusive des nächsten Supermarktes liegt drei Kilometer entfernt. Eine Busverbindung gibt es nicht mehr, ihre erneute Inbetriebnahme fordern Bewohner*innen und Ehrenamtliche bisher vergeblich. Zum Gefühl der Isolation trägt allerdings auch die fehlende Internetverbindung bei. Der Landkreis fühlt sich hierfür wohl nicht verantwortlich, wird uns von den Ehrenamtlichen und der Sozialarbeiterin vor Ort berichtet.

Doch zumindest gibt es von den Ehrenamtlichen zur Verfügung gestellte und von den Bewohner*innen selbst reparierte Fahrräder, mit welcher der Isolation ein Stück weit begegnet werden kann. Wer fahren kann und das Glück hat, eins ab zu bekommen, kann hiermit zumindest ein wenig schneller in die Stadt rollen.

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Ein klassisches Bild: Zwei Kilometer in den Ort, drei Kilometer zum nächsten Supermarkt. Eine Busanbindung gibt es keine.

„Das blaue Dorf“

Auf dem Weg zur nächsten Unterkunft geht es für uns wieder rein in das beschauliche Niedernhausen – und wieder raus an die Ortsgrenze. Ziel ist hier das „blaue Dorf“, wie die Unterkunft von den Ehrenamtlichen genannt wird. Dort angekommen wird schnell klar, woher zumindest der erste Teil dieses Namens kommt: Am Rande eines Gewerbegebietes stehen, auf einem umzäunten Grundstück, entsprechende dunkelblaue Container. Doch einen Dorfcharakter können wir leider nicht ausmachen. Durch einen Mittelgang verbunden stehen hier in zwei Reihen um die 30 Container.

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Ziemlich blau: Containerunterkunft in Niedernhausen.
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Im Winter ziemlich dunkel: Tageslicht gibt es auf dem Flur nur durch die geöffneten Türen.

Auch hier begegnen wir wieder sehr engagierten Menschen aus Niedernhausen, die uns sogleich herumführen und uns die Bewohner*innen vorstellen. Unter Neonlicht und mit dem Geruch der angrenzenden Sammelküche in der Nase, kommen wir in dem langen Mittelgang ins Gespräch. Nach und nach öffnen sich die unterschiedlichen Türen der einzelnen Container.

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Ein Container ist für zwei Personen vorgesehen.

Wer sich schon einmal länger in einer Containerunterkunft aufgehalten hat, weiß, die Tücke liegt im Detail: In den ca. 12-Quadratmeter-Containerzimmern gibt es praktisch keinen Schallschutz. Man hört sämtliche Geräusche zu jeder Tages- und Nachtzeit, ob man will oder nicht. Zudem sind die Metallcontainer schlecht isoliert. Ein Bewohner berichtet uns, dass es im Sommer sehr heiß wird – und im Winter kalt.

Im Gegensatz zur zuvor besuchten Unterkunft, gibt es hier einen Gemeinschaftsraum. Dieser sei viel wert, erzählen uns die Ehrenamtlichen. Häufig ist es durch Gemeinschaftsräume wie diesen erst möglich, ehrenamtliche Deutschkurse oder andere Beschäftigungen im sonst oft eintönigen Alltag anzubieten und so miteinander in Kontakt zu kommen. Hier wird der Raum, außer für einen wöchentlichen Deutschkurs, auch als Fernsehraum und Gebetsraum genutzt, berichtet man uns.

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Die Gemeinschaftsküche.

Wie schon in der anderen Unterkunft, wird auch hier deutlich, dass die Menschen zum Teil schon sehr lange auf die Durchführung ihres Asylverfahrens warten. Ein belastender Zustand der Schwebe, welcher häufig von fehlenden Arbeitsmöglichkeiten und Bildungsangeboten begleitet wird, berichten uns die Bewohner*innen.

Wir möchten gerade gehen, als uns ein Mann auf dem Flur anspricht. Er bittet uns zu seinem Freund ins Zimmer zu kommen. Hier finden wir in einem abgedunkelten Raum einen jungen Mann in seinem Bett, neben ihm ein Rollstuhl. Der Mann erzählt uns, dass er hier bereits seit fast einem Jahr liege, von der Hüfte abwärts gelähmt. Auf Nachfrage stellt sich schließlich heraus, dass er zwar inzwischen als Flüchtling anerkannt ist und somit ausziehen könnte, doch es scheint unklar wie und wohin. Unterstützung von den Behörden erhält er hierbei nach eigenen Aussagen und den seiner Freunde bislang anscheinend nicht und aufgrund seiner erfolgten Anerkennung ist auch die, ab und zu in der Unterkunft vorbeischauende, Sozialarbeiterin nicht mehr zuständig. Der Fall dieses jungen Mannes zeigt in einer bitteren Deutlichkeit, dass hier auch sehr engagierte ehrenamtliche Strukturen an ihre Grenze stoßen.

Groß, alt und anonym – Zutritt verboten

Für die letzte Station geht es wieder nach Niedernhausen rein – und diesmal auch nicht wieder raus. In einem ruhigen Stadtteil etwas oberhalb des Ortskerns liegt die bisher größte und auch älteste Unterkunft in Niedernhausen.

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Man trifft sich vor der Unterkunft – oder auch nicht. Auch hier fehlt es an Gemeinschaftsräumen – und uns an der Erlaubnis das Gelände zu betreten.

Obwohl die Unterkunft deutlich zentraler und mitten in einem Wohngebiet liegt, fällt es den Ehrenamtlichen vor Ort sehr viel schwerer in einen regelmäßigen Kontakt und Austausch mit den Bewohner*innen zu kommen, erzählen die uns begleitenden Ehrenamtlichen. Sind wir hierüber aufgrund der Lage zunächst etwas erstaunt, wird uns spätestens vor Ort deutlich, warum dies so ist: Mit einer Bewohner*innenzahl von über 165 Personen in zwei Gebäuden auf vier Etagen ist diese Unterkunft deutlich größer als die vorher besuchten.

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Erneuerungsbedürftig in vielerlei Hinsicht.

Die klotzige Architektur des Hauptgebäudes und der Eingangsbereich als einziger möglicher Treffpunkt begünstigen die Anonymität, die die Ehrenamtlichen wahrnehmen. Engagement und regelmäßiger Kontakt werden dadurch erschwert, dass es keine Räumlichkeiten gibt, die Ehrenamtliche und Bewohner*innen gemeinsam nutzen können. Auch uns fiel der Kontakt zu den Bewohner*innen schwerer. Doch kam bei uns erschwerend hinzu, dass uns schon im Vorhinein von Seiten der Behörden der Besuch der Unterkunft verwehrt wurde. Als Grund wurde die Einarbeitung neuer Sozialarbeiter*innen genannt, welche nun kürzlich – nach ca. 20 Jahren Betrieb – mit 1,5 Stellen eingestellt wurden. Ob es noch weitere Gründe gibt, können wir nur vermuten.

Letztlich scheint es, dass sich die Unterkunft in einem deutlich schlechteren Zustand befindet, als die zwei zuvor besuchten. Von unserer Begleitung wird uns von stark eingeengten Wohnverhältnissen berichtet, bei welchen bis zu vier Personen in einem Zimmer wohnen. Hiermit und mit der alten Baustruktur einhergehend, gebe es zudem ein allgemein schlechtes Raumklima, schlechte hygienische Zustände und regelmäßig auftretende Kakerlakenplagen. Der von außen sichtbar herunterfallende Putz und die abblätternde Farbe verdeutlichen einmal mehr, dass diese Unterkunft dringend renovierungsbedürftig ist. Doch zumindest das Internet sei hier inzwischen unproblematisch, sagt man uns: Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden schließlich selbst aktiv und schafften es, dieses selbst zu organisieren.

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Eine Kneipe gibt’s gleich mit. Biergartenatmosphäre? Stellen wir uns anders vor.

 Es geht auch anders

Dass die Unterbringung von Asylsuchenden in Niedernhausen auch anders möglich ist, zeigt sich daran, dass in der Stadt verteilt zwischen 20 und 25 Personen dezentral untergebracht sind. Ein Beispiel ist eine Wohngruppe von fünf jungen geflüchteten Männern, die laut Beschreibung der Ehrenamtlichen recht harmonisch zusammen leben.

Zurück im Auto ziehen wir eine erste Bilanz unserer ersten Lagerbesuche. Dass insbesondere auf Großunterkünfte mit all seinen isolierenden Faktoren gesetzt wird, scheint ein Konzept zu sein. Zwei von drei besuchten Unterkünften lagen zudem eher außerhalb.

Von starkem ehrenamtlichem Engagement und fehlenden Sozialarbeiter*innenstellen

Beeindruckt sind wir von dem Engagement und der Selbstorganisation der Ehrenamtlichen in Niedernhausen. Ohne die rund 120 Engagierten wäre die aktuelle Situation der in Niedernhausen ankommenden, geflüchteten Menschen eine gänzlich andere. Das Angebot der ehrenamtlichen Strukturen ist beachtlich. So gibt es inzwischen 12-15 Deutschkurse sowie eine Vielzahl weiterer Angebote wie zum Beispiel Hausaufgabenhilfen, Patenschaften und Einzelfallunterstützung. Eine bisher noch fehlende und von den gesprochenen Ehrenamtlichen gewünschte hauptamtliche Koordinationsstelle wäre hier sehr hilfreich.

Uns wird die Bedeutung von kleineren Unterkünften sowie die Einbindung Ehrenamtlicher von Anfang an bewusst. In Niedernhausen gelang es den Ehrenamtlichen offensichtlich von Anfang an sich gut in den (noch) kleineren und jüngeren Unterkünften einzubringen. In der großen, von uns als letztes besuchten Unterkunft scheint dies jedoch seit vielen Jahren deutlich schwieriger zu sein. Wir hoffen, dass sich dieser Effekt einer Großunterkunft nicht auch auf die erste besuchte Unterkunft auswirken wird, sobald dort der Ausbau auf eine Kapazität von rund 200 Bewohner*innen fertig gestellt ist.

Als weiterer Punkt bleibt uns auch die sehr begrenzte mögliche Unterstützung von Sozialarbeiter*innen in den ersten zwei besuchten Unterkünften im Kopf. Hier rotiert eine Sozialarbeiter*in zwischen einer Vielzahl von Unterkünften, sodass nur Kurzbesuche ab und zu zwischendurch möglich sind. Ohne das starke ehrenamtliche Engagement, wären die Geflüchteten wohl weitgehend auf sich alleine gestellt.

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Die Lagertour des Hessischen Flüchtlingsrates hat begonnen

Der Hessische Flüchtlingsrat macht sich auf den Weg. Seit August 2016 besuchen wir Unterbringungen für Asylbewerber*innen in den verschiedenen Landkreisen Hessens.
Vor Ort wollen wir mit den Bewohner*innen und den ehrenamtlich Engagierten in Kontakt kommen. Vor dem Hintergrund der sich stetig ändernden Situation von Geflüchteten, möchten wir uns dabei einen Überblick verschaffen wie Asylbewerber*innen aktuell in Hessen leben (müssen) und darüber hinaus unsere Verbindungen zu Betroffenen und Unterstützer*innen stärken. Thematisch fokussieren wir uns vor allem auf Lagerzwang und Massenunterbringung sowie Schutzkonzepte und Unterbringungsstandards. Die Begegnungen und Eindrücke dokumentieren wir laufend auf dieser Projektseite.

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