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Lagertour Hessen Posts

Wiesbaden – Hauptstadt der Großunterkünfte

 Die Pressemitteilung zum Bericht finden sie hier.

 

Das Hotel der Verzweifelten

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Das ehemalige Hotelgebäude lädt inzwischen weniger gut zum Verweilen ein.

Oktober 2016: Vorbei an einem Burger King, einem McDonalds und einem Tierheim geht es diesmal zu einem ehemaligen Hotel in der Mainzer Straße. Auch abgesehen von dieser Nachbarschaft, ist dieses alles andere als idyllisch zwischen Bahngleisen und Autobahnzubringer gelegen. Bereits zuvor wurde uns die erdrückende Atmosphäre dieser, schon seit Anfang der 1990er Jahre genutzten, Großunterkunft geschildert. Die ganze Dimension dessen wird uns beim ersten Anblick und schließlich bei der Begehung dieses grauen Klotzes deutlich.

 

 Es wird gespart wo es nur geht – Alt, stickig, spartanisch und kaputt!

Unterwegs in „Gemeinschaftsküchen“…

Erwartet wird unsere kleine Gruppe diesmal von Nuri* und seinen zwei noch minderjährigen Brüdern, die uns schließlich durch die Unterkunft führen und uns Einblicke in ihre wahrlich triste Wohnsituation ermöglichen. Durch einen dunklen Eingangsbereich geht es einige Treppen hoch und weiter durch heruntergekommene und nur spärlich gestrichene alte Metalltüren und entlang langer Flure, welche die Hotelgeschichte dieses Hauses deutlich machen. Auch wenn die Küche am anderen Ende des Flures liegt, ist ihr Geruch überall präsent. Es ist stickig und riecht nach Fett. Unsere Gastgeber erzählen uns, dass jeweils ca. 50 der rund 400** Bewohnerinnen und Bewohner sich eine Küche teilen. Als wir eine dieser Küchen schließlich erreichen, entlarvt sich der hier genutzte Begriff der „Gemeinschaftsküche“ als reiner Euphemismus: Auf ca. 16 qm stehen den Bewohner*innen hier in einem komplett gefliesten Raum fünf zum Teil nicht funktionsfähige Herde und ein Stuhl zur Verfügung. Neben dem durchdringenden Geruch wird diese für Zubereitung von Essen alles andere als einladende Einrichtung lediglich nur noch von einem Feuerlöscher sowie einer einzigen Spüle ergänzt. Nicht einmal ein Mülleimer ist zu finden. Hier wird gespart wo es nur geht.

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Nur zum Teil gestrichen…
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… und kaputt.

…Fluren…

Dieser Eindruck setzt sich leider während des gesamten Besuches fort. Wir passieren Türen, die Löcher haben und sich weder schließen noch abschließen lassen. Viele Türrahmen sind nicht vernünftig gestrichen. Offensichtlich gibt es keine ausreichenden Strukturen – renoviert wird hier wenig bis gar nicht.

… und Zimmern.

Dass sich dieser Zustand jedoch nicht nur auf die von allen genutzten Flure und Küchen beschränkt, müssen wir leider beim Betreten der Zimmer unserer Gastgeber feststellen. Lüften scheint hier schwierig. Beim Versuch das Fenster zu öffnen, fällt es einem entgegen und das Wiederverschließen braucht Minuten. Wie die Küche, sind auch die Zimmer nur spartanisch eingerichtet. Statt Betten gibt es lediglich Matratzen und auch Schränke sind Mangelware. Den kleinen Tisch hinten in der Ecke entdecken wir erst beim dritten Hinsehen. Da für die drei Personen nur ein einziger Schrank für Kleidung zur Verfügung steht, muss auch dieser zur „Aufbewahrung“ von persönlichen Dingen dienen.

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Spartanische Ausstattung auch der 2- bis 4-Bettzimmer.

Auch wenn der Hotelcharakter des Hauses dieses alles andere als wohnlich macht, hat dieser doch zumindest einen bedeutenden Vorteil: Jedes Zimmer hat seine eigene Nasszelle. Ein Umstand, den alle Bewohner*innen, mit denen wir sprechen, hervorheben. So ermöglicht er ihnen doch zumindest ein bisschen mehr Privatsphäre und bewahrt sie davor, nachts über die langen Flure schleichen zu müssen. Doch auch hier ist der Zustand miserabel. Türen lassen sich teilweise nicht schließen und uns wird gar von einer fehlenden Nasszellentür erzählt. Betritt man diese, umgibt einen ein modriger und an Schimmel erinnernder Geruch.

Konfliktgeladen – Dreckig, Laut und Eng!

Auf dem Weg zurück, laufen wir durch einen weiteren Flur. Wie auch die anderen, wirkt auch dieser dreckig. Zwar putzen einige der Bewohner*innen regelmäßig für 0,80 € die Stunde die von allen genutzten Bereiche, bei der hohen Anzahl an Menschen hält der saubere Zustand aber nur kurz an.

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Die Flure laden nicht zum Verweilen ein.
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Aufenthalts- und Spielzimmer für Kinder fehlen.

 

Im Flur sehen wir einige Kinder auf dem Boden spielen. Hier wird deutlich, dass nicht nur die engen Platzverhältnisse und die mangelnde Hygiene Probleme darstellen. Offensichtlich fehlt es an Gemeinschafts- oder Kinderräumen. So sind die Kinder gezwungen in den ungemütlichen Gängen zu spielen, was wiederum zu einem weiteren Anstieg des ohnehin hohen Lautstärkepegels führt. Doch auch abends ist ein hoher Lautstärkepegel präsent. „Wegen der Lautstärke kann ich häufig nicht schlafen. Außerdem habe ich oft Probleme mich auf meine Hausaufgaben und das Deutschlernen zu konzentrieren“, beklagt sich Aziz*, der jüngste der drei Brüder. Durch die Einrichtung von Gemeinschafts- und Kinderspielräumen würde sich die Situation wohl für alle Beteiligten deutlich entspannen.

Letztlich führt auch diese Enge und fehlende Privatsphäre zu einer sehr angespannten Atmosphäre. „Streit und Konflikte in der Unterkunft zählen leider zur Normalität“ berichtet Nuri. Sei es in der Küche, im Flur oder auch unter den häufig zusammengewürfelten Zimmermitbewohner*innen. Die Zimmer müssen sich jeweils drei bis vier Personen teilen.

Hier zeigt sich einmal mehr, dass eine solche Form der Unterbringung nicht nur an den Nerven der Bewohner*innen zerrt, welche für das Einleben in einer neuen Umgebung dringend nötig sind. Darüber hinaus erschwert sie ganz konkret die Versuche erfolgreich zur Schule zu gehen und Deutsch zu lernen.

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Herunter gekommener Zustand auch von Außen.

 

Fehlende Sozialbetreuung

Bei der Frage, an wen sie sich bei Problemen wenden können, zucken unsere Gastgeber die Schultern. Auf weitere Nachfrage bestätigen sie schließlich, dass es zwei Sozialarbeiter*innen gibt, welche jedoch nur einmal die Woche für gut zwei Stunden anwesend seien. Eine fundierte Unterstützung von 400 Personen ist hier illusorisch. Entsprechend wundert es nicht, dass einige Bewohner*innen von diesem Angebot noch nicht einmal zu wissen scheinen.

„So schnell wie möglich raus!“ – Aber wie?

„Nichts ist gut an dieser Unterkunft“, resümiert Nuri schließlich. Er möchte „so schnell wie möglich raus“. Doch alle Versuche eine Wohnung zu finden scheiterten bisher. Desillusioniert vom Wiesbadener Wohnungsmarkt, hat er inzwischen aufgeben zu suchen

Repressiv? – Eingeschüchterte Unterstützer*innen

Von sehr problematischen Zuständen in der Mainzer Straße hatten wir schon vor längerem erfahren. Doch gestaltete sich die Organisation des Besuches schwieriger, als anfangs angenommen. Bei der Kontaktaufnahme mit Personen vor Ort, begegneten wir einem Klima der Angst. So galt es zunächst einen neutralen Ort zu finden, um in Ruhe mit Nuri, seinen zwei minderjährigen Brüdern und weiteren Personen über die Wohnsituation in der Mainzer Straße zu sprechen. Einige trauten sich nicht uns in der Nähe der Unterkunft zu treffen oder diese gar gemeinsam zu betreten. Hintergrund war ihre Angst vor Repression von Seiten der Behörden und des Unterkunftsbetreibers. In einer anderen Unterkunft war zuvor einem Mitarbeiter gekündigt worden, nachdem dieser Personen vom Wiesbadener Flüchtlingsrat Einblicke in die Zustände der Unterbringungssituation ermöglichte.

Weitere Mängel?!

Im Kontext unseres Besuches wurde uns über diese Punkte hinaus über weitere kritische Aspekte in Bezug auf den Zustand der Unterkunft erzählt. Teil dieser waren unter anderem die Infragestellung der Sicherheit der Treppen (da Fließen gebrochen seien) sowie des Kinderspielplatzes. Bei letzterem würde es scharfkantige Fließen geben und Balancierstäbe nahe an Bordsteinen verlaufen und so eine Gefahr für herunterfallende Kinder darstellen. Eine weitere Klage die uns erreicht stellen die zum Teil tauben Fensterscheiben in den Zimmern dar. Aufgrund des Umfanges der vermeidlichen Mängel bestand bei unserem Besuch jedoch nicht die Möglichkeit, alle hier genannten Aspekte zu überprüfen.

 

Letztlich wird in der Mainzer Straße deutlich, dass auf allen Ebenen massiv gespart wird. Die Mainzer Straße ist so stark überbelegt, wie sie heruntergekommen ist. Es bedarf dringendst einer Reduzierung der Belegung und einer Vergrößerung des für die restlichen Bewohner*innen zur Verfügung stehenden Raumes. Darüber hinaus braucht es unbedingt eine bessere Ausstattung und vor allem eine grundlegende Renovierung. Doch auch die Sozialbetreuung ist ungenügend ausgestattet. Auch hier ist eine grundlegende Ausweitung der Kapazitäten von Nöten.

 

Die Masse macht’s – Prekäre Zustände auf acht Stockwerken

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Eine der größten kommunalen Unterkünfte in Hessen.

Unsere zweite Station in Wiesbaden ist das ehemalige Bürogebäude in der Hans-Bredow-Straße. Erst beim Betreten, im Fahrstuhl und schließlich auf den langen Gängen, wird uns die enorme Dimension dieser Unterkunft bewusst.

Das Gebäude wirkt auf den ersten Blick jung und gut ausgestattet. Es gibt mehrere Aufzüge und die Zimmer haben eine Größe von bis zu 25 qm. Dieser Eindruck relativiert sich allerdings schnell, wenn man sich vor Augen führt, dass hier insgesamt bis zu 750** Personen und zum Teil mit sieben anderen Personen in einem Zimmer untergebracht sind.

Verabredet sind wir diesmal mit zwei Frauen aus Syrien und Eritrea, die uns in ihre Zimmer einladen, welche sie sich mit ihren Kindern und Partnern teilen. Beide Zimmer, in die wir gehen, wirken auf den ersten Blick sehr sauber und hell, aber schnell überfällt einen das Gefühl der Enge.

Besonders schwierige Situation für Kinder, Schüler*innen und unhygienische Zustände

Die Frauen klagen über zu wenig Platz und Raum. Besonders belastend ist die Situation, da es auch in dieser Unterkunft an Aufenthaltsbereichen für Erwachsene und Kinder fehlt. Die Bewohnerinnen belastet vor diesem Hintergrund insbesondere der fehlende Bewegungsfreiraum für die Kinder. Neben den Mehrbettzimmern und den Fluren, stellt der Parkplatz vor der Tür letztlich die einzige Möglichkeit für Kinder dar, sich zu bewegen und zu spielen.

Die Mütter sind außerdem besorgt über den Dreck und Müll, der sich in den Fluren und Küchenecken sammele. Hautkrankheiten bei den Kindern führen sie auch hierauf zurück. Doch beklagen die Frauen im Allgemeinen, die auch von uns wahrgenommenen, schwierigen Hygienezustände. Aus den Küchen stinkt es bis in die Flure und wenn man nicht aufpasst, auch bis in die Zimmer herein. Auch wir können uns ein Bild davon machen, dass die zu wenigen Bäder schmutzig und abstoßend sind. Früher gab es noch einen 1€-Putzdienst, welcher zu kurzfristiger Sauberkeit verhalf – jetzt nicht mehr.

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Geschätzt teilen sich ca. 60 Personen eine Küche.

Enge Unterbringung führt zu Konflikten

Die Unterbringung so vieler Menschen auf engem Raum führt jedoch auch darüber hinaus zu vielfachen Problemen. So herrscht auf den Zimmern und Fluren ein konstanter Lautstärkepegel und Rückzugszonen im eigenen Zimmer werden verunmöglicht. In einem Gespräch berichtet uns eine jugendliche Schülerin, dass es für sie in den großen Zimmern häufig schlicht unmöglich sei, Hausaufgaben zu machen oder Deutsch zu lernen. Es fehlt an Ruhe- und Arbeitsräumen.

Doch auch abgesehen von der hohen Belegung der Zimmer, fehlenden speziellen Räumlichkeiten, sowie den unhygienischen Zuständen, beklagen sich unsere Gastgeberinnen über weitere Folgen davon, mit so vielen Personen auf engem Raum unter gebracht zu sein: Jeweils schätzungsweise 60 Bewohner*innen eines Flures müssen sich eine Küche teilen, um welche es (auch während unseres Besuches) regelmäßig Auseinandersetzungen gibt.

Selbiges gilt für die Möglichkeiten zu waschen. So besteht der Zugang zu den Waschmaschinen im Keller wohl nur wenige Stunden am Tag und viele, der für 750** Personen ohnehin zu wenigen, Maschinen seien häufig defekt. Eine unserer Gastgeberinnen erzählt, dass sie sich jedes Mal erneut überlegt, ob sie nicht doch lieber per Hand wäscht, denn in der Regel stehen „50 Personen vor einem in der Schlange an“ und „es herrscht das Recht des Stärkeren“. Die Waschmaschinensituationen führt also ebenfalls häufig zu Konflikten, die es lieber zu vermeiden gilt.

Fehlende Wasch- und Trocknungsmöglichkeiten

Unsere Gesprächspartnerinnen zeigen uns Hautausschläge bei sich und ihren Kindern. Diese führen sie auf das starke Waschmittel zurück, welches sie aufgrund der unhygienischen Waschmaschinen und sonstigen Waschmöglichkeiten gezwungen seien zu benutzen.

Dass die Wäsche auf den Zimmern getrocknet werden muss, stellt insbesondere für die vielen Menschen mit Kindern ein Problem dar. In der Regel müssen die Möbelstücke als Wäscheständer dienen und können so nur bedingt genutzt werden. Neben einer weiteren Beengung des ohnehin schon knappen Wohnraumes, stellt die, insbesondere bei Familien auftretende, konstante hohe Luftfeuchtigkeit, eine weitere Belastung dar.

Häufig ausfallende Aufzüge

Die häufig ausfallenden Aufzüge stellen ein weiteres Problem für Personen in höheren Stockwerken dar. Neben dem auch hierdurch erschwerten Waschen mit den Maschinen im Keller, gilt dies insbesondere für Eltern mit Kinderwägen oder Kleinkindern, älteren, sowie alle anderen Personen, die größere Einkäufe mit nach Hause bringen möchten.

Probleme mit sexueller Belästigung und Beschwerdemanagement

Die Bewohnerinnen berichten uns, dass sie sich nicht trauen, spät abends und nachts Küche oder Bäder aufzusuchen. Dies sei eine Reaktion auf die häufigen sexuellen Belästigungen, die sie durch Unbekannte erfahren. Denn bei einer Unterkunft mit mehreren hundert Menschen und häufiger Fluktuation ist Anonymität kein Wunder. Es seien Fälle auf allen Etagen bekannt, was zu einer allgemeinen Angst unter den Betroffenen führt. Beschwerden haben bisher nichts bewirkt und die Frauen haben nicht das Gefühl, als habe das Personal ein Ohr für sensible Themen dieser Art.

Doch gelte dies im Grunde auch für die meisten anderen Beschwerden, wie uns die Frauen berichten. So lebe eine der Familien mit einem Loch in der Decke, was viel Staub verursacht und einen Einblick in die dort verlaufende Verkabelung der Unterkunft ermöglicht. Die zweite Familie hat eine kaputte Zimmertür und fürchtet Einbrüche, weshalb eigentlich immer jemand im Zimmer sein müsse. Auf die Nachfrage, ob sich unsere Gesprächspartnerin dadurch nicht eingesperrt fühle, erwidert sie: „Ich würde das nicht mit einem Gefängnis, sondern mit einem Friedhof vergleichen“.

Schlechte Anbindung und fehlende Nachbarschaft

Mit seiner Lage in einem Gewerbegebiet am Rande von Wiesbaden, liegt die Unterkunft abseits von einer klassischen Nachbarschaft, in welcher man Kontakt zu Nachbar*innen aufbauen könnte. Unsere Gesprächspartner*innen berichten uns, dass es an Spielplätzen, Cafés oder anderen sozialen Treffpunkten fehlt. Sie fühlen sich hier stark isoliert. Freizeitangebote, Sprach- oder sonstige ehrenamtliche Angebote bestehen fast keine und auch Einkäufe müssen mit Bus und Bahn in die Unterkunft befördert werden. Eine Situation, welche insbesondere die Mütter beklagen.

 

Beim Verlassen der Unterkunft werden wir von einem der hier wohl häufig stattfindenden Polizeieinsätze überrascht. Mehrere Polizeiwagen stehen vor der Tür. Wir erfahren nicht konkret, worum es diesmal geht, doch bestätigt sich für uns einmal mehr, dass die Unterbringung von vielen hundert Menschen auf engem Raum über Wochen und Monate gänzlich ungeeignet ist. Die beschriebenen alltäglichen Konflikte sind offensichtlich Teil der traurigen Realität großer Lager in Wiesbaden.

 

Belastende Zustände auch in der Containerunterkunft

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Belastende Zustände herrschen auch in der Containerunterkunft in der Otto-Wallach-Straße. Hier leben seit ca. einem Jahr rund 200** Personen, jeweils zu zweit in einem Container. Beim Besuch mehrerer Bewohner*innen, bestätigen sich die Probleme, die wir bereits bei anderen Containerunterkünften kennen lernen mussten. Die Bewohner*innen klagen insbesondere über fehlende Privatsphäre, nicht-funktionierendes Internet, schlechte Wärmeisolierung sowie einen hohen Lautstärkepegel aufgrund der extremer Hellhörigkeit und der fehlenden, von den Bewohner*innen gewünschten, Aufenthaltsräume. Beim Besuch müssen wir leider feststellen, dass auch hier die sanitäre Situation unbefriedigend ist. Aufgrund der Vielzahl an Benutzer*innen der Bäder und Toiletten, seien diese stets dreckig, wird uns berichtet. Zudem würde es in den Duschen an Privatsphäre fehlen, da es hier statt Türen nur Duschvorhänge gibt. Dass Platz zum Trocknen von Wäsche fehlt, stellen wir beim Besuch der Bäder ebenfalls fest – sie sind voll behangen mit nasser Wäsche.

Auf Nachfrage nach den Küchen wird uns zudem berichtet, dass es auch für die Anzahl der hier lebenden Personen zu wenig Küchen geben würde. Sie seien immer voll und zudem dreckig, so unsere Gastgeber*innen.

Die Unterstützung durch Sozialarbeiter*innen ist ebenfalls ungenügend. Sozialarbeiter*innen gibt es auch für diese Unterkunft nur rotierend. Für jeweils drei Stunden kommen zwei Sozialarbeiter*innen zwei Mal die Woche vorbei. Viel zu wenig, um die hier lebenden Menschen wirklich unterstützen zu können. Doch zum Glück gibt es in der Nachbarschaft zumindest das Cometogether-Café. Mit viel Energie haben Ehrenamtliche hier einen regelmäßig offenen Raum geschaffen, in denen die Bewohner*innen der Großunterkunft und aus der restlichen Nachbarschaft sich treffen können. „Hier lerne ich mal andere Leute kennen und bekomme zwei Mal die Woche Deutschunterricht von Freiwilligen“, erzählt uns eine Bewohnerin.

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Wäsche wird in den Duschen getrocknet – es fehlt an Raum.
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Kompakt und spartanisch: Bewohner*innen zeigen uns ihr Containerzimmer.

 

 

Hauptstadt der Großunterkünfte?! Ein hausgemachtes Problem

Der Besuch dieser zwei Großunterkünfte reiht sich in die allgemeine Unterbringungssituation von Asylsuchenden in Wiesbaden ein. Bereits seit längerem wird deutlich, dass die Unterbringungspolitik der Stadt stärker auf Großunterkünfte ausgerichtet ist, als dies noch in den 1990er Jahren der Fall war. Damals wurde verstärkt versucht Personen in dezentralen, kleinen Wohneinheiten unter zu bringen.

Betrachtet man die Unterbringungen in den letzten Jahrzehnten, offenbart sich, dass sich die durchschnittliche Größe der Unterbringungen in Wiesbaden in den letzten Jahrzehnten deutlich verschlechtert hat: kamen 1994 im Durchschnitt auf eine Unterkunft etwas über 30 Personen, sind aktuell im Durchschnitt ungefähr 60 Personen gezwungen in einer Unterkunft zu wohnen. Die absolute Anzahl der unter zu bringenden Menschen kann hierbei nicht als Argument für Großunterkünfte aufgeführt werden – lag diese Zahl 1994 bei ca. 4500, liegt sie aktuell bei lediglich rund 2900.

Die aktuelle Situation der vielen Großunterkünfte in Wiesbaden ist insbesondere mit der forcierten Unterbringungspolitik hin zu Großunterkünften ab Mitte der 1990er Jahre zu erklären. Anstatt die damals sinkenden Zahlen von Asylsuchenden zu nutzen, um kleine Unterkünfte und dezentrale Unterbringung zu konsolidieren und aus zu bauen, wurden all diese geschlossen, während die Großunterbringung in der Mainzer Straße bestehen blieb.

Eine verpasste Chance, um bei einer erneuten steigenden Anzahl von Schutzsuchenden Massenunterbringungen wie die aktuellen zu vermeiden. Eine Politik, die der Stadt nun auf die Füße fällt. Auch wenn der Wille hin zu dezentraler Unterbringung von der Stadt immer wieder betont wird, sieht die aktuelle Situation gänzlich anders aus und lässt sich – selbst bei ernsthaften Ambitionen – nun nur schwer wieder ändern. Hierzu braucht es dringend neu geschaffenen sozialen Wohnraum, auf dessen Belegung die Stadt, im Sinne der Integration verschiedenster gesellschaftlicher Gruppen, Einfluss hat.

 

 

 

* Name geändert

** Die hier verwendeten Zahlen beruhen auf Angaben von Bewohner*innen, vor Ort ehrenamtlich Engagierten sowie auf vor Ort vorgenommenen Schätzungen während des Besuches. Inzwischen stellte die Stadt Wiesbaden die aktuellen Zahlen vor. Nach diesen sind aktuell in der Hans-Bredow-Straße 491 Personen, in der Mainzer Straße 359 Personen und in der Otto-Wallach-Strasse 240 Personen untergebracht (vgl. Hessenschau vom 24.01.2017).

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Hochtaunuskreis – Der Flüchtlingsrat in Oberursel

Alles neu?


26.09.2016: Wir machen uns wieder auf den Weg. Diesmal geht es nach Oberursel – in der hessischen Lagerlandschaft bekannt für eine der ältesten und schäbigsten Containerunterkünfte für Geflüchtete und gleichzeitig für die vielen aktiven Initiativen vor Ort. Vertreter*innen zweier dieser Initiativen – den Teachers on the road Oberursel und dem Refugee Cafe Oberursel – begleiten uns heute.

Bereits während der Hinfahrt im Auto erzählen sie uns von den aktuellen Kämpfen, die es um die berüchtigte Containerunterkunft in den letzten Wochen gab. Auch wenn die Schließung der Containerunterkunft seit Jahren versprochen wurde, bedurfte es unzähliger Interventionen durch die Zivilgesellschaft, bis nach 26-jährigem Bestehen, eine Woche vor unserem Besuch, endlich die letzten Bewohner*innen ausziehen konnten. Diese Schließung hätte kaum überfälliger sein können. So gut wie alle Betroffenen dürften dementsprechend froh gewesen sein, diesen Ort hinter sich lassen zu können, dennoch sind einige gleichzeitig auch wütend und enttäuscht über die Lage und Beschaffenheit ihrer neuen Unterkünfte. Nicht alle dürfen in die neu gebaute Containerunterkunft nebenan ziehen, einige wurden in den letzten Wochen gegen ihren Willen in andere Ecken des Landkreises verteilt und damit aus ihrem mitunter mühsam aufgebauten sozialen Umfeld gerissen.

Genau wie gegen die Existenz der alten Containerunterkunft sind auch hier Betroffene und Unterstützer*innen gemeinsam gegen die Zwangsverlegungen aktiv geworden – in Form von offenen Briefen, Demonstrationen und zuletzt mit Sitzblockaden. Zum Teil mit Erfolg: Der Landkreis reagierte schließlich mit dem Angebot, den betroffenen Asylsuchenden doch eine Unterbringung in Oberursel zu ermöglichen, wenn sie bestimmte Bindungen nachweisen können. Dazu zählen beispielsweise ein Arbeitsplatz oder der Besuch einer Schule vor Ort. Unsere Begleiter*innen sind allerdings skeptisch, inwiefern dies auch so umgesetzt wird.

Die bereits anerkannten Geflüchteten sollen jeweils zu viert in dafür neu gekaufte Wohnwägen, die auf einem Parkplatz in Oberursel abgestellt sind, umziehen. Zum Hintergrund: Spätestens ab einer Anerkennung im Asylverfahren sind Geflüchtete in Deutschland berechtigt, aus den ihnen zugewiesenen Gemeinschaftsunterkünften auszuziehen. Aufgrund der Lage auf dem Wohnungsmarkt im Rhein-Main-Gebiet, ist dies aber leider oft nur Theorie – in der Praxis finden sie häufig keine Wohnung und sind so weiterhin auf eine Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften angewiesen.

Abschreckung wie aus dem Bilderbuch – die alte Containerunterkunft

 

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Für uns nur von außen zu sehen: die alte Containerunterkunft.

Nach diesen Berichten sind wir sehr gespannt, was wir vor Ort vorfinden. Von dem Protest der vergangenen Tage ist auf den ersten Blick nichts mehr zu sehen. Die Szenerie um die alte und neue Containerunterkunft – nur einen Steinwurf voneinander entfernt – wirkt eher ruhig. Allerdings wird uns der Zutritt zu beiden Unterkünften verwehrt. Ein Blick auf die alte, herunter gekommene Containerunterkunft von außen reicht aber, um uns die Trostlosigkeit dieses Ortes vor Augen zu führen. Untermauert wird dieser Eindruck von eigenen Erinnerungen an frühere Besuche, Erzählungen unserer Begleiter*innen sowie aktuellen Fotos, die sie uns vom Inneren der Container zeigen: Teilweise nackter Betonboden, eine mehr als spartanische Ausstattung, kombiniert mit Müll und Dreck, der nie mehr wegzugehen scheint. Es sieht eben so aus, wie es wohl aussieht, wenn einfachste Container genutzt werden, um über 25 Jahre mehrere hundert Menschen unterzubringen. Zuletzt haben hier um die 200 Männer und 40 Frauen gewohnt. Traurig, dass der Hochtaunuskreis – laut Focus unter den Top 20 der reichsten Kommunen Deutschlands – so lange Menschen unter diesen Bedingungen hat leben lassen.

Besser als vorher – die neue Containerunterkunft

 

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…links die alte, rechts die neue Unterkunft.

Doch glücklicherweise gehört dies nun der Vergangenheit an und wir müssen uns nur einmal umdrehen, um die neu gebaute Alternative zu sehen: Wieder eine Containerunterkunft. Diesmal aber immerhin von außen und innen verputzt. Zumindest von weitem sieht man ihr nicht an, dass sie aus Containern besteht. Auch wenn sie ebenfalls im Gewerbegebiet liegt und somit nicht in eine Nachbarschaft integriert ist, gibt es zumindest Sportplätze sowie Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe und auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind fußläufig zu erreichen. Das Innenleben können wir diesmal durch ein Video, spontan von einem Bewohner auf dem Handy gedreht, sehen. Rein dürfen wir wieder nicht. Wohl aus Angst vor weiteren Protesten und ihren Akteur*innen, wurde eine Sicherheitsfirma beauftragt dafür zu sorgen, dass nur die Bewohner*innen die Unterkunft betreten. Nicht mal seinen Freunden aus dem Fußballclub durfte er sein neues Zimmer zeigen, wie der Bewohner enttäuscht berichtet.

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Auch Container – diesmal verputzt.

Draußen können wir uns mit ihm unterhalten und bekommen dabei sogar Kaffee von den Mitarbeitern der Sicherheitsfirma. Unser Gesprächspartner kommt aus Afghanistan und wirkt recht zufrieden mit seiner neuen Bleibe. Er erzählt, alles sei sehr sauber, ordentlich und eben neu. Zwei Menschen teilen sich jeweils ein Zimmer. Insgesamt wohnen ungefähr 50 Menschen in dieser Unterkunft. Jeweils sechs bis acht Menschen teilen sich eine Küche und haben Zugang zu einem Bad, nach Geschlechtern getrennt. Auch auf uns macht die Unterkunft für eine Containerunterkunft einen guten Eindruck und wir freuen uns gemeinsam mit unserem Gesprächspartner über diese deutliche Verbesserung. Bezogen auf die Unterkunft bedauert er allerdings, dass es bisher keinen Internetzugang für die Bewohner*innen gibt und uns fällt negativ auf, dass ein Gemeinschaftsraum fehlt. Erfahrungsgemäß ist dieser zentral, um den Austausch zwischen den Bewohner*innen und ehrenamtlichen Unterstützer*innen zu erleichtern. Glücklicherweise haben sich die Initiativen in Oberursel inzwischen an diesen Mangel gewöhnt und sich an anderen Orten unterschiedlichste Räume für die Deutschkurse und offenen Treffen angeeignet. Wir verabschieden uns und steigen wieder ins Auto.

Dreams come true? – Wohnwägen für anerkannte Geflüchtete

 

Wir fahren zu den Wohnwägen, von denen wir heute schon so viel gehört haben. Hier sollten die bereits anerkannten Geflüchteten aus der alten Containerunterkunft hinziehen.

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Kaum erkennbar, ganz am Ende des Parkplatzes: die Wohnwägen.
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…da bleiben wir sehr skeptisch hier.

Dort angekommen fällt uns sofort das Graffiti an der Mauer hinter den Wohnwägen ins Auge: „Dreams come true“ steht dort in bunten Buchstaben geschrieben. Dass mit dieser Unterkunft die Träume der Bewohner*innen wahr werden, bezweifeln wir. Der Anblick, der sich uns bietet, lässt anderes vermuten. Akkurat aufgereiht und eingezäunt stehen hier acht Wohnwägen am Ende eines großen Parkplatzes – wie auf dem Präsentierteller. Ein Baum oder eine andere Form des Sichtschutzes fehlen.

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Selbst Campingplatzidylle sieht anders aus.

Wir wurden von einigen Bewohner*innen, die hier alle nun seit ein paar Tagen wohnen, eingeladen und betreten einen Wohnwagen. Dort nehmen wir mit zwei Bewohner*innen und den beiden Vertreter*innen der Initiativen am Tisch platz. Uns wird schnell vor Augen geführt, dass die Einrichtung vielleicht für ein paar Tage im Urlaub ausreicht, aber keinesfalls für den täglichen Gebrauch gemacht ist: Während wir am Tisch etwas über unsere Eindrücke notieren wollen, müssen die Teetassen angehoben werden, damit nichts verschüttet wird. Und aus der geschlossenen Dusch- und Toilettenkabine lässt sich das am Tisch stattfindende Gespräch genauso gut verfolgen und auch fortführen, als säße man einen Meter weiter selbst am Tisch. Alles nichts ungewöhnliches für einen Campingwagen, doch ist ein Campingwagen üblicher Weise eben ein Provisorium. Kaum vorstellbar wie es aussehen wird, wenn hier vier Menschen tatsächlich auf Dauer über Jahre wohnen müssen. Bestätigt wird unsere Wahrnehmung durch verschiedene Aufkleber, die noch an einigen Stellen kleben: Der Ort, an dem wir uns befinden, heißt dort „holiday home“.

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Die Dusch – und Toilettenkabine.

Die beiden Bewohner*innen empfinden ihre Situation hier als sehr beengend. In einem Wohnwagen von 35 qm sollen vier Menschen leben. Auf dieser Fläche sind nicht nur zwei Schlafzimmer für jeweils zwei Personen, sondern auch noch die Küche, das Bad mit Dusche und Toilette und der Aufenthaltsbereich untergebracht. Nur die Waschmaschinen sind in einem separaten Container, am Eingang des umzäunten Gebietes, untergebracht. Rückzugsmöglichkeiten und Stauraum sind praktisch nicht gegeben. Dass geflüchtete Menschen auch Dinge besitzen, die sie irgendwo unterbringen müssen, scheint nicht bedacht worden zu sein. Von anderen Bewohner*innen hören wir später auch die Kritik, dass es keine abschließbare Aufbewahrungsmöglichkeit – beispielsweise für wichtige Dokumente – gibt. Die Bewohnerin, die mit uns am Tisch sitzt, bemängelt vor allem die Hellhörigkeit. Sie muss um halb fünf morgens aufstehen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen und wird dann wohl auch alle anderen im Wohnwagen wecken. Als Zuckerbrot im Sinne der Redewendung empfinden sie die beiden Flachbildschirme, die in jedem der Zimmer an der Wand angebracht sind.

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Küche, Wohnbereich und Stauraum.

Insgesamt ist große Enttäuschung zu spüren. Nach 26 Jahren Containerunterkunft haben sie sich etwas anderes vorgestellt, wie uns der Bewohner, in dessen neuem Zuhause wir uns gerade befinden, mitteilt. Seine Geschichte ist diesbezüglich besonders tragisch. Er erzählt, dass er schon eine Wohnung gefunden hatte, aus der er aber wieder ausziehen musste, nachdem die Miete vom zuständigen Amt drei mal nicht pünktlich überwiesen worden sei.

Hier wohnen anerkannte Geflüchtete. Das heißt, solange sie so geringe Möglichkeiten haben, günstigen Wohnraum zu finden, ist ihre Unterbringung nicht wirklich eine kurze Übergangslösung, wie diese Wohnwägen suggerieren. Es zeigt sich einmal mehr, wo das Versäumnis bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, hinführt. Dementsprechend kann eine mittel- und langfristige Lösung nur aus einer veränderten Wohnraumpolitik bestehen, die sich an den Bedürfnissen der Bewohner*innen einer Stadt ausrichtet.

Wieder im Auto bekommen wir von einem unserer Begleiter*innen ein paar Artikel über die sogenannten Mobilheime aus Lokalzeitungen vom Anfang diesen Jahres und Selbstbeschreibungen von der Unternehmensseite in die Hand gedrückt. Dort werden die Privatsphäre und die niedrigen Kosten von ungefähr 60.000 Euro Kaufpreis pro Mobilheim gelobt. Ein Wohnwagen ist dort sogar für acht Menschen vorgesehen. Die Unterbringung wird als schnelle Lösung, die gleichzeitig menschenwürdig ist, beschrieben. Hört man den hier nun lebenden Menschen zu, vernimmt man ganz andere Töne – als menschenwürdig empfinden sie es nicht.

Zum Schluss…

Es ist nicht leicht, nach so einem Tag ein Fazit zu ziehen. Dem Kreis gehört wahrlich keine Trophäe dafür verliehen, dass es 26 Jahre gedauert hat, bis diese schäbige Containerunterkunft geschlossen wurde. Die neue Containerunterkunft, zumindest das was wir sehen konnten, sieht aber zum Glück ganz ordentlich aus. Auch der Bewohner, mit dem wir sprechen konnten, wirkte zufrieden. Doch gehört er auch zu denjenigen, die auch weiterhin in Oberursel und in der neuen Containerunterkunft untergebracht wurden. Wenn so viel Zeit vergeht, dann sollte auch genug Zeit dafür sein, für alle Menschen, die in Oberursel bleiben wollen, eine Unterkunft in Oberursel zu finden. Wenn Menschen, nachdem sie sich eingelebt haben, zwangsweise wieder umziehen müssen, wird die viel gelobte Integration durch Behördenentscheidungen zunichte gemacht.

Mit den Wohnwägen wurde immerhin versucht eine Lösung für das Problem zu finden, dass viele Geflüchtete nach der Anerkennung im Asylverfahren keine Wohnung finden. Mit der Umsetzung sind die Betroffenen, mit denen wir gesprochen haben, aber keinesfalls einverstanden. Auch für vier Menschen sind diese Wohnwägen einfach zu klein und offensichtlich nicht für eine dauerhafte Unterbringung ausgelegt.

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Rheingau-Taunus-Kreis – Der Flüchtlingsrat in Niedernhausen

Von einem ehemaligen Altenheim, einem „blauen Dorf“ und der Anonymität einer Großunterkunft


Vor der Stadt und ohne Anbindung

15.08.2016: Den Auftakt unserer Lagertour begehen wir mit dem Besuch dreier Unterkünfte in Niedernhausen im Rheingau-Taunus-Kreis. Bereits während der telefonischen Vorgespräche wurde uns von ganz unterschiedlichen Unterbringungsformen und vielen ehrenamtlich Engagierten erzählt, von denen uns zwei nun sehr herzlich zu einem ersten Gespräch auf ihrer idyllischen Terrasse empfangen.

Doch, dass Niedernhausen nicht gleich Niedernhausen ist, stellen wir bereits beim Besuch der ersten Unterkunft fest. Nach Verlassen des Ortes geht es auf der Landstraße erstmal einige Zeit durch den Wald. Schließlich biegt der voranfahrende Geländewagen auf ein direkt an der Straße angrenzendes Gelände: Ein ehemaliges Altenheim, welches gerade zu einer Großunterkunft für bis zu 200 Personen umgebaut wird.

Leider der einzige Treffpunkt für Bewohner*innen und Ehrenamtliche: Der Eingangsbereich.
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Baustelle im Grünen. In Zukunft sollen hier 200 Personen untergebracht werden.

Vor Ort erwartet uns bereits ein kleines Begrüßungskomitee aus einem Bundesfreiwilligendienstleistenden, der selber noch in der Unterkunft wohnt, einer Sozialarbeiterin sowie dem sogenannten Haussprecher. Letzterer ein ehrenamtlich Engagierter, der sich im besonderen Maße der Unterkunft und der Situation der Bewohner*innen vor Ort angenommen hat. Auch weitere Bewohner*innen stehen im Hof. Da dieser inzwischen als einziger Treffpunkt dient, bleibt ihnen wohl oft auch nichts anderes übrig. Wir kommen ins Gespräch und erfahren, dass der vorherige Gemeinschafts- und Unterrichtsraum in Kürze als Zimmer für weitere Geflüchtete dienen soll, was sowohl Bewohner*innen als auch Ehrenamtliche beklagen.

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Zwei Bewohner*innen zeigen uns ihr Zimmer.

Nachdem wir von den Bewohner*innen eingeladen werden, betreten wir ein frisch renoviertes Gebäude. Es wirkt insgesamt neu, hell und aufgeräumt. Jeweils zwei der aktuell rund 40 Bewohner*innen teilen sich ein Zimmer. Pro acht Zimmer gibt es je eine Küche und ein Bad. Eine Bewohnerin, die sich den Flur mit acht Männern teilt, beklagt sich über fehlende Privatsphäre, insbesondere in Bezug auf die sanitären Einrichtungen. Nicht nur, dass es keine Geschlechtertrennung gibt, die einzelnen Duschen und Toiletten sind auch noch durch Lüftungslöcher, durch die man durchschauen kann, verbunden. Trotz ihrer Beschwerden wurde daran bisher nichts geändert.

Die Duschen sind durch Lüftungslöcher mit den angrenzenden Toiletten verbunden. Nicht unproblematisch, wenn es wie hier keine nach Geschlechtern getrennten Bäder gibt.

Bei den Gesprächen mit den Bewohner*innen wird zudem schnell deutlich, dass die abgelegene Lage der Unterkunft das größte Problem darstellt. Der Ort inklusive des nächsten Supermarktes liegt drei Kilometer entfernt. Eine Busverbindung gibt es nicht mehr, ihre erneute Inbetriebnahme fordern Bewohner*innen und Ehrenamtliche bisher vergeblich. Zum Gefühl der Isolation trägt allerdings auch die fehlende Internetverbindung bei. Der Landkreis fühlt sich hierfür wohl nicht verantwortlich.

Doch zumindest gibt es von den Ehrenamtlichen zur Verfügung gestellte und von den Bewohner*innen selbst reparierte Fahrräder, mit welcher der Isolation ein Stück weit begegnet werden kann. Wer fahren kann und das Glück hat, eins ab zu bekommen, kann hiermit zumindest ein wenig schneller in die Stadt rollen.

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Ein klassisches Bild: Zwei Kilometer in den Ort, drei Kilometer zum nächsten Supermarkt. Eine Busanbindung gibt es keine.

„Das blaue Dorf“

Auf dem Weg zur nächsten Unterkunft geht es für uns wieder rein in das beschauliche Niedernhausen – und wieder raus an die Ortsgrenze. Ziel ist hier das „blaue Dorf“, wie die Unterkunft von den Ehrenamtlichen genannt wird. Dort angekommen wird schnell klar, woher zumindest der erste Teil dieses Namens kommt: Am Rande eines Gewerbegebietes stehen, auf einem umzäunten Grundstück, entsprechende dunkelblaue Container. Doch einen Dorfcharakter können wir leider nicht ausmachen. Durch einen Mittelgang verbunden stehen hier in zwei Reihen um die 30 Container.

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Ziemlich blau: Containerunterkunft in Niedernhausen.
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Im Winter ziemlich dunkel: Tageslicht gibt es auf dem Flur nur durch die geöffneten Türen.

Auch hier begegnen wir wieder sehr engagierten Menschen aus Niedernhausen, die uns sogleich herumführen und uns die Bewohner*innen vorstellen. Unter Neonlicht und mit dem Geruch der angrenzenden Sammelküche in der Nase, kommen wir in dem langen Mittelgang ins Gespräch. Nach und nach öffnen sich die unterschiedlichen Türen der einzelnen Container.

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Ein Container ist für zwei Personen vorgesehen.

Wer sich schon einmal länger in einer Containerunterkunft aufgehalten hat, weiß, die Tücke liegt im Detail: In den 12-Quadratmeter-Containerzimmern gibt es praktisch keinen Schallschutz. Man hört sämtliche Geräusche zu jeder Tages- und Nachtzeit, ob man will oder nicht. Zudem sind die Metallcontainer schlecht isoliert. Ein Bewohner berichtet uns, dass es im Sommer sehr heiß wird – und im Winter kalt.

Im Gegensatz zur zuvor besuchten Unterkunft, gibt es hier einen Gemeinschaftsraum. Dieser sei viel wert, erzählen uns die Ehrenamtlichen. Häufig ist es durch Gemeinschaftsräume wie diesen erst möglich, ehrenamtliche Deutschkurse oder andere Beschäftigungen im sonst oft eintönigen Alltag anzubieten und so miteinander in Kontakt zu kommen. Hier wird der Raum, außer für einen wöchentlichen Deutschkurs, auch als Fernsehraum und Gebetsraum genutzt, berichtet man uns.

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Die Gemeinschaftsküche.

Wie schon in der anderen Unterkunft, wird auch hier deutlich, dass die Menschen zum Teil schon sehr lange auf die Durchführung ihres Asylverfahrens warten. Ein belastender Zustand der Schwebe, welcher häufig von fehlenden Arbeitsmöglichkeiten und Bildungsangeboten begleitet wird.

Wir möchten gerade gehen, als uns ein Mann auf dem Flur anspricht. Er bittet uns zu seinem Freund ins Zimmer zu kommen. Hier finden wir in einem abgedunkelten Raum einen jungen Mann in seinem Bett, neben ihm ein Rollstuhl. Der Mann erzählt uns, dass er hier bereits seit fast einem Jahr liege, von der Hüfte abwärts gelähmt. Auf Nachfrage stellt sich schließlich heraus, dass er zwar inzwischen als Flüchtling anerkannt ist und somit ausziehen könnte, doch es scheint unklar wie und wohin. Unterstützung von den Behörden erhält er hierbei bislang anscheinend nicht und aufgrund seiner erfolgten Anerkennung ist auch die, ab und zu in der Unterkunft vorbeischauende, Sozialarbeiterin nicht mehr zuständig. Der Fall dieses jungen Mannes zeigt in einer bitteren Deutlichkeit, dass hier auch sehr engagierte ehrenamtliche Strukturen an ihre Grenze stoßen.

Groß, alt und anonym – Zutritt verboten

Für die letzte Station geht es wieder nach Niedernhausen rein – und diesmal auch nicht wieder raus. In einem ruhigen Stadtteil etwas oberhalb des Ortskerns liegt die bisher größte und auch älteste Unterkunft in Niedernhausen.

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Man trifft sich vor der Unterkunft – oder auch nicht. Auch hier fehlt es an Gemeinschaftsräumen – und uns an der Erlaubnis das Gelände zu betreten.

Obwohl die Unterkunft deutlich zentraler und mitten in einem Wohngebiet liegt, fällt es den Ehrenamtlichen vor Ort sehr viel schwerer in einen regelmäßigen Kontakt und Austausch mit den Bewohner*innen zu kommen, erzählt man uns. Sind wir hierüber aufgrund der Lage zunächst etwas erstaunt, wird uns spätestens vor Ort deutlich, warum dies so ist: Mit einer Bewohner*innenzahl von über 165 Personen in zwei Gebäuden auf vier Etagen ist diese Unterkunft deutlich größer als die vorher besuchten.

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Erneuerungsbedürftig in vielerlei Hinsicht.

Die klotzige Architektur des Hauptgebäudes und der Eingangsbereich als einziger möglicher Treffpunkt begünstigen die Anonymität, die die Ehrenamtlichen wahrnehmen. Engagement und regelmäßiger Kontakt werden dadurch erschwert, dass es keine Räumlichkeiten gibt, die Ehrenamtliche und Bewohner*innen gemeinsam nutzen können. Auch uns fiel der Kontakt zu den Bewohner*innen schwerer. Doch kam bei uns erschwerend hinzu, dass uns schon im Vorhinein von Seiten der Behörden der Besuch der Unterkunft verwehrt wurde. Als Grund wurde die Einarbeitung neuer Sozialarbeiter*innen genannt, welche nun kürzlich – nach ca. 20 Jahren Betrieb – mit 1,5 Stellen eingestellt wurden. Ob es noch weitere Gründe gibt, können wir nur vermuten.

Letztlich scheint es, dass sich die Unterkunft in einem deutlich schlechteren Zustand befindet, als die zwei zuvor besuchten. Uns wird von stark eingeengten Wohnverhältnissen berichtet, bei welchen bis zu vier Personen in einem Zimmer wohnen. Hiermit und mit der alten Baustruktur einhergehend, gebe es zudem ein allgemein schlechtes Raumklima, schlechte hygienischen Zustände und regelmäßig auftretende Kakerlakenplagen. Der von außen sichtbar herunterfallende Putz und die abblätternde Farbe verdeutlichen einmal mehr, dass diese Unterkunft dringend renovierungsbedürftig ist. Doch zumindest das Internet sei hier inzwischen unproblematisch, sagt man uns: Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden schließlich selbst aktiv und schafften es, dieses selbst zu organisieren.

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Eine Kneipe gibt’s gleich mit. Biergartenatmosphäre? Stellen wir uns anders vor.

 Es geht auch anders

Dass die Unterbringung von Asylsuchenden in Niedernhausen auch anders möglich ist, zeigt sich daran, dass in der Stadt verteilt zwischen 20 und 25 Personen dezentral untergebracht sind. Ein Beispiel ist eine Wohngruppe von fünf jungen geflüchteten Männern, die laut Beschreibung der Ehrenamtlichen recht harmonisch zusammen leben.

Zurück im Auto ziehen wir eine erste Bilanz unserer ersten Lagerbesuche. Dass insbesondere auf Großunterkünfte mit all seinen isolierenden Faktoren gesetzt wird, scheint ein Konzept zu sein. Zwei von drei besuchten Unterkünften lagen zudem deutlich außerhalb. Dass sich dies im Landkreis in Zukunft ändert, lässt sich bezweifeln. So stellte der Landrat wohl erst kürzlich klar, dass auch in Zukunft eine Unterbringung in Großunterkünften geplant sei. Weitere Umverlegungen von Bewohner*innen kleinerer Unterkünfte in große scheinen nicht unwahrscheinlich.

Von starkem ehrenamtlichem Engagement und fehlenden Sozialarbeiter*innenstellen

Beeindruckt sind wir von dem Engagement und der Selbstorganisation der Ehrenamtlichen in Niedernhausen. Ohne die rund 120 Engagierten wäre die aktuelle Situation der in Niedernhausen ankommenden, geflüchteten Menschen eine gänzlich andere. Das Angebot der ehrenamtlichen Strukturen ist beachtlich. So gibt es inzwischen 12-15 Deutschkurse sowie eine Vielzahl weiterer Angebote wie zum Beispiel Hausaufgabenhilfen, Patenschaften und Einzelfallunterstützung. Eine bisher noch fehlende und gewünschte hauptamtliche Koordinationsstelle wäre hier sehr hilfreich.

Uns wird die Bedeutung von kleineren Unterkünften sowie die Einbindung Ehrenamtlicher von Anfang an bewusst. In Niedernhausen gelang es den Ehrenamtlichen offensichtlich von Anfang an sich gut in den (noch) kleineren und jüngeren Unterkünften einzubringen. In der großen, von uns als letztes besuchten Unterkunft scheint dies jedoch seit vielen Jahren deutlich schwieriger zu sein. Wir hoffen, dass sich dieser Effekt einer Großunterkunft nicht auch auf die erste besuchte Unterkunft auswirken wird, sobald dort der Ausbau auf eine Kapazität von 200 Bewohner*innen fertig gestellt ist.

Als weiterer Punkt bleibt uns auch die sehr begrenzt mögliche Unterstützung von Sozialarbeiter*innen in den ersten zwei besuchten Unterkünften im Kopf. Hier rotiert eine Sozialarbeiter*in zwischen einer Vielzahl von Unterkünften, sodass nur Kurzbesuche ab und zu zwischendurch möglich sind. Ohne das starke ehrenamtliche Engagement, wären die Geflüchteten wohl weitgehend auf sich alleine gestellt.

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Die Lagertour des Hessischen Flüchtlingsrates hat begonnen

Der Hessische Flüchtlingsrat macht sich auf den Weg. Seit August 2016 besuchen wir Unterbringungen für Asylbewerber*innen in den verschiedenen Landkreisen Hessens.
Vor Ort wollen wir mit den Bewohner*innen und den ehrenamtlich Engagierten in Kontakt kommen. Vor dem Hintergrund der sich stetig ändernden Situation von Geflüchteten, möchten wir uns dabei einen Überblick verschaffen wie Asylbewerber*innen aktuell in Hessen leben (müssen) und darüber hinaus unsere Verbindungen zu Betroffenen und Unterstützer*innen stärken. Thematisch fokussieren wir uns vor allem auf Lagerzwang und Massenunterbringung sowie Schutzkonzepte und Unterbringungsstandards. Die Begegnungen und Eindrücke dokumentieren wir laufend auf dieser Projektseite.

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